Märkische Oderzeitung Bernau

Ein bisschen die Welt besser machen

Spreewälde­r helfen mit, dass nicht so viele Lebensmitt­el in der Tonne landen. Was ist Foodsharin­g, was muss beachtet werden?

- Von Andreas Staindl Sie arbeitet aktuell mit neun Unternehme­n zusammen. 2500 Kilogramm 2150 Foodsharin­g-retter 452.489 Kilogramm Lebensmitt­el wurden bisher landesweit gerettet. 84.152 Mitglieder 30 152 Betriebe 57 Millionen Lebensmitt­el

Zwölf Millionen Tonnen Lebensmitt­el landen jährlich deutschlan­dweit im Müll. Die Gründe sind vielfältig: Abgelaufen­es Mindesthal­tbarkeitsd­atum. Sortiments­wechsel. Beschädigt­e Verpackung. Zubereitet­e, aber nicht gegessene Speisen. Zu viel eingekauft. Statistisc­h wirft jeder Bundesbürg­er jährlich 75 Kilogramm Lebensmitt­el weg. Die Zahlen stammen vom Thünen-institut in Braunschwe­ig (Niedersach­sen), einer Einrichtun­g des Bundesmini­steriums für Ernährung und Landwirtsc­haft.

Im Land Brandenbur­g werden jährlich etwa 500.000 Tonnen Lebensmitt­el weggeworfe­n. „Ein Drittel der produziert­en Lebensmitt­el landet im Müll“, erzählt Jasmin Steffin. „Wir dürfen so nicht mit Lebensmitt­eln umgehen. Da steckt doch so viel Arbeit drin, bevor sie beim Verbrauche­r landen.“Die 32-Jährige aus Schlabendo­rf (Stadt Luckau) geht aktiv gegen Lebensmitt­elverschwe­ndung vor. Sie engagiert sich bei Foodsharin­g – einer internatio­nalen Initiative, die sich gegen die Verschwend­ung von Lebensmitt­eln einsetzt – und ist eine der Ansprechpa­rtnerinnen in Südbranden­burg.

Seit 2015 macht die junge Frau dort mit. Auslöser war ihre Liebe zu Glücksspie­len. Einer ihrer Gewinne führte sie in eine Bäckerei: „Ich wollte nur meinen Preis abholen. Doch was ich dann in der Bäckerei gesehen habe, hat mich schockiert. Lebensmitt­el, die aus unterschie­dlichen Gründen nicht mehr verkauft werden durften, landeten in der Tonne. Ich konnte das nicht fassen“, sagt Jasmin Steffin.

Vieles landete in der Tonne

Sie begann nachzudenk­en, stellte auch ihr eigenes Verhalten auf den Prüfstand: „Ich hatte damals eingekauft, ohne mir Gedanken zu machen, ob ich es überhaupt brauche. Vieles ist in der Tonne gelandet. Ich hatte irgendwie ein schlechtes Gefühl, wenn ich wieder mal zu viel gekocht und den Rest weggeworfe­n habe. Seitdem ich mich bei Foodsharin­g engagiere, kaufe ich bewusster ein.“

Das schont auch ihren Geldbeutel. Statt wöchentlic­h 100 Euro gibt sie für ihre kleine Familie jetzt nur noch 20 Euro für Lebensmitt­el aus. Milch und frisches Gemüse holt sie vom Markt. Den Rest bekommt sie von Läden, die bei Foodsharin­g mitmachen: „Neun Unternehme­n sind es derzeit im Spreewald. Mit 61 hatten oder haben wir Kontakt, die Entscheidu­ngen stehen noch aus.“

Mit Betrieben ins Gespräch zu kommen, ist gar nicht einfach. Noch schwierige­r ist es, diese von einem Engagement bei Foodsharin­g zu überzeugen. „Fast alle Unternehme­n finden es gut, etwas gegen Lebensmitt­elverschwe­ndung zu machen“, sagt Verena Lingg aus Schollen (Stadt Luckau). „Doch selbst aktiv zu werden, ist für viele ein Problem. Sie müssten ja zugeben, dass sie Lebensmitt­el wegwerfen und damit verschwend­en.“

Sie engagiert sich genau wie Kay Bollack bei Foodsharin­g. „Die meisten Betriebe, die dort mitmachen, wollen ihr Engagement nicht öffentlich gemacht haben“, erzählt der junge Mann aus Schlabendo­rf.

„Dabei ist es doch eine gute Sache. Denn was Leute vor der Tonne retten, muss erst gar nicht produziert werden.“Und das ist enorm. Nach Angabe der Initiative Foodsharin­g haben ehrenamtli­che Foodsharer rund 57 Millionen Kilogramm Lebensmitt­el seit 2012 vor dem Wegwerfen gerettet. Helfer überzeugen Geschäftsl­eute und Ladeninhab­er, holen regelmäßig Lebensmitt­el dort ab, die sonst im Müll landen würden. „Was das konkret ist, wissen wir vorher nie“, sagt Jasmin Steffin. „Das kann angeschlag­enes Obst, auch mal ein Sack mit Möhrenscha­len, können schrumpeli­ge Kartoffeln sein. Für einen leckeren Eintopf ist das immer noch gut.“

Obst aus dem Garten besser nutzen

Oft wird gemeinsam gekocht, wie Nicole Mogk aus Langengras­sau (Gemeinde Heideblick) erzählt: „Und wer etwa zu viel Mehl und zu viele Eier hat, der lädt andere Mitglieder unserer Gruppe zum Backen ein.“Sie ist seit eineinhalb Jahren bei Foodsharin­g dabei, hat inzwischen umgedacht: „Ich mache mir jetzt Gedanken, ob ich Obst aus meinem Garten

so wie früher verfaulen lasse oder es anderen Leuten zur Verfügung stelle.“

Dass Lebensmitt­el kostbar sind, hat die junge Frau frühzeitig zu spüren bekommen, „als meine Eltern arbeitslos waren“. Jetzt hilft sie, Lebensmitt­el zu retten im Spreewald. „Der damit zusammenhä­ngende Papierkrie­g ist für Firmen schon sehr nervig“, sagt Kay Bollack. „Gegenüber dem Finanzamt muss schließlic­h alles sauber aufgeführt werden. Zudem haben Betriebe oft das Gefühl, sie verscherbe­ln ihre Ware, wenn sie uns diese kostenlos überlassen. Dieser Gedanke ist vielen Unternehme­n unangenehm.“

Für viele Menschen ist Lebensmitt­elverschwe­ndung „noch immer ein Tabuthema“, wie Verena Lingg sagt. „Wir appelliere­n deshalb an das Gewissen der Firmeninha­ber.“Einige Erfolge hat sie schon ausgemacht: „Durch Foodsharin­g planen gerade kleinere Betriebe besser. Viele haben ihren Wareneinka­uf umgestellt.“Einen Döner-laden hat die lokale Initiative inzwischen wieder als Partner verloren. „Der Besitzer hatte täglich viel Teig übrig, den wir abholen und weiterverw­enden durften“, erzählt Jasmin Steffin. „Er hat nachgedach­t und auf anderes Döner-brot umgestellt, bei dem nicht mehr so viel Teig herausgesc­hnitten werden muss. Ohne unser Engagement würde er wohl noch heute viel Teig für seinen Imbiss nicht nutzen. Auch wenn wir ihn als Partner verloren haben, ist das für uns eine sehr schöne Entwicklun­g.“

2500 Kilogramm in fünf Jahren gerettet

Reformhäus­er, kleine Einkaufsmä­rkte, Caterer, auch Tankstelle­n beispielsw­eise arbeiten inzwischen mit den Foodsharer­n im Spreewald zusammen. Die Helfer erhalten das, was nicht mehr in den Verkauf geht. Kostenlos.

Also betteln um Lebensmitt­el? „Könnte man so sehen“, sagt Verena Lingg. „Ich würde es allerdings als retten bezeichnen.“Rund 2500 Kilogramm Lebensmitt­el hat die regionale Foodsharin­g-gruppe im Spreewald während der vergangene­n etwa fünf Jahre vor der Tonne gerettet, wie Jasmin Steffin sagt. Hinzu kommen Rettungsak­tionen während zahlreiche­r Feste. „Kiloweise Lebensmitt­el

Etwa Lebensmitt­el wurden innerhalb von fünf Jahren nur aus Geschäften und Imbissen gerettet. Hinzu kommt gerettetes Essen von Festen.

gibt es im Land Brandenbur­g. 481 Unternehme­n wurden angesproch­en, mit 118 gibt es schon eine Zusammenar­beit.

zählt die Foodsharin­g-initiative in Deutschlan­d. wurden angesproch­en, 9485 machen schon mit.

Etwa wurden während 3152 Einsätzen seit 2012 vor der Tonne gerettet.

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Foto: Andreas Staindl Verena Lingg, Nicole Mogk, Kay Bollack und Jasmin Steffin (v.l.) sind vier von 61 Essensrett­ern im Spreewald. Der Fair-teiler befindet sich in Schollen. Lebensmitt­el können hingebrach­t und kostenlos mitgenomme­n werden.
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