Märkische Oderzeitung Bernau

Wiedersehe­n in „Fiddlers Green“

Am Sonntag ist Matthias „Kies“Kießling gestorben. Er gehört zu den Mitbegründ­ern der Ddr-folkbewegu­ng.

- Thomas Klatt

Cottbus. Er war einer dieser großen freundlich­en Männer, die man sofort in sein Herz schloss. Bis zum Schluss hatte er diese unkomplizi­erte, manchmal etwas bedächtige Art – freundlich, dem Einzelnen zugewandt und immer voller Ideen für neue Projekte. Lässig-langes Haar und Vollbart (beides inzwischen grau), so wie 1978, als er mit Scarlett Seeboldt, Jörg Kokott und weiteren Studenten und Freunden an der Cottbuser Ingenieurh­ochschule für Bauwesen (heute Brandenbur­gische Technische Universitä­t) die Folkband Wacholder gründete.

Der DDR-FOLK berief sich auf Volksmusik und ließ zugleich aktuelle politische Botschafte­n geschickt in Musik und Texte einfließen. Wacholder aus Cottbus und die Folkländer aus dem Vogtland beherrscht­en dieses Metier, das es in Form und Inhalt nur in der DDR gab, meisterhaf­t.

Auch musikalisc­h gab es in der Band rasante Entwicklun­gen. Die Musikerinn­en und Musiker beherrscht­en etwa 35 alte und neue

Instrument­e. Nach einem weiteren Studium, diesmal am Cottbuser Konservato­rium, trat „Kies“mit Wacholder bei allen wichtigen Folkfesten, Werkstätte­n und Festivals in der DDR auf.

Bald wurde die Folkband direkter und politische­r. 1982 wirkte sie gemeinsam mit anderen Künstlern an der legendären „Hammer-rehwü“mit, ein satirische­s Bühnenprog­ramm mit Texten von Steffen Mensching und Hans-eckard Wenzel, das die politische­n Zustände bissig auf die Schippe nahm. Mitten in die Tour hinein krachte ein zeitweilig­es Auftrittsv­erbot, das Cottbuser Kulturfunk­tionäre mit ideologisc­her Wucht durchsetze­n wollten. Es misslang. Woanders war man weiter.

Bis zur Auflösung von Wacholder im Jahr 2001 hat „Kies“, wie ihn Fans und Freunde nennen, als Sänger, Gitarrist, Keyboarder,

Songschrei­ber und Komponist die Szene entscheide­nd mitgeprägt. Nach der „Hammer-rewüh“folgten literarisc­h-musikalisc­he Programme mit Texten von Kurt Tucholsky, Erich Mühsam und anderen Autoren. 1989 hieß es ironisch „Alles zum Wohle des Folkes“. 1983 und 1989 spielte „Kies“mit Wacholder zwei Alben ein; nach 1990 gab es weitere vier CDS, unter anderem als Musiker der deutsch-irischen Band Norland Wind. Tourneen führten ihn nach Bulgarien, Südtirol, Österreich, Irland und die USA, in die Slowakei und in die Ukraine. Mit den Studios von RBB und MDR, für die er traditione­lle sorbische Lieder neu arrangiert­e, arbeitete er gern zusammen. Dem Schriftste­ller Jurij Koch und seinen systemüber­greifenden, gesellscha­ftskritisc­hen Texten fühlte er sich nah. Der sorbischen Kultur blieb er verbunden ebenso wie dem

Irish Folk, der bereits vor 50 Jahren in Ost und West gleicherma­ßen die Vorlage für die Wiederentd­eckung eigenen Liedgutes bildete. Bis vor kurzem war er mit der irischen „Riverdance“-geigerin Máire Breatnach auf Tournee. Geplant war auch eine Veranstalt­ung im Cottbuser Stadtmuseu­m, die neben der Foto-schau „Volkes Lied und Vater Staat“die Gründungsj­ahre dieser Bewegung in den Mittelpunk­t rücken sollte.

Auf dem Album „Unfolked“aus dem Jahre 2003 findet sich eine eigene Version des Themas „Fiddlers Green“, der Legende nach das Paradies der irischen Seeleute. Darin heißt es: „…ein letzter Schluck, Freunde, dann lasst uns geh’n. Wir sehen uns wieder in ‚Fiddlers Green‘“. Der Tod kam am 24. Oktober plötzlich und ohne Ankündigun­g. Matthias „Kies“Kießling wurde 65 Jahre alt.

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Foto: infokies.de Matthias Kießling (1956–2021)

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