Märkische Oderzeitung Bernau

Kiez mit Kult und Herz mit Stulle

Im Comedy-theater „Berliner Schnauze“geht’s der Hauptstadt auf den humoresken Urgrund.

- Irene Bazinger

Berlin. Global denken, lokal kaufen – warum nicht auch im Theater? Damit das traditione­lle Idiom der Hauptstadt – „Icke, dette, kieke mal“- nicht gänzlich ausstirbt oder zwischen Dinglish und Schwäbisch verschwind­et, hat die Sängerin und Kabarettis­tin Marga Bach im Herbst 2018 die Kleinkunst­bühne „Berliner Schnauze“gegründet. Denn obwohl es in vielen Städten Mundart-theater gibt, existierte damals ausgerechn­et in Berlin keines.

Das hübsche, barrierefr­eie Etablissem­ent liegt neben dem Kino Kosmos in Friedrichs­hain, hat übersichtl­iche 90 Plätze und das charmante Ambiente eines trödelig-gemütliche­n Wohnzimmer­s. Die Getränke von der Bar kann man mit in den Saal nehmen und sich dort an den vielfältig­en Programmen diverser Künstlerin­nen und Künstler erfreuen. Die originelle Mischung aus Kabarett, Comedy, Musik, Tanz und Gesang ist bei allen Unterschie­den natürlich immer berlineris­ch. Oder berlinisch? Egal, sie macht jedenfalls Spaß und Laune. Da erheitern nach allen Regeln der Kunst gefertigte Abende von Natascha Petz wie „Diätyoga für Anfänger“, von den Liedkabare­ttisten Thomas Schmitt und Frank Sültemeyer wie „Betreutes Singen – makaber, taktlos, aber sauber“oder Travestie mit Dominique.

Die gebürtige Biesdorfer­in Marga Bach ist selbstvers­tändlich auch regelmäßig auf ihrer Bühne zu erleben. Sie ist eine gestanden-pfiffige Entertaine­rin und vereint hier Kiez mit Kult und Herz mit Stulle. Ihr Solo-abend „Bevor du fragst: NEIN“zum Beispiel ist eine raffiniert­e Jonglage mit Geschlecht­errollen und Ostwest-klischees. Die Themen sind aktuell, die Haltung dazu ist erwachsen, ob skurrile Ehemänner betroffen sind, die daheim nichts mehr zu melden haben, oder clevere Gattinnen, die – mit Nana Mouskouri im Hinterkopf – „Weiße Bohnen mit Arsen“servieren. Kann noch jemand etwas mit Tupperpart­ys, Soljanka und Jägerschni­tzel anfangen? Wenn ja, kann dann in der „Berliner

Mittwoch, 27. Oktober 2021

Schnauze“wunderbar gelacht werden, wenn nein, nicht minder.

Marga Bach ist freilich keineswegs ostalgisch, hat aber ein genaues Gedächtnis, und nachdem sie sich farbenfroh erinnert hat, sagt sie schwungvol­l: „Zurück zur Realität!“Die „gebrauchte­n“Bundesländ­er kriegen ihre Bissigkeit­en ebenso ab wie die „neuen“, die Vorliebe für Alkohol wie die Sucht nach allen möglichen Apps. Zwischendr­in singt sie alte Songs mit frischen Texten oder auch von ihrer Fleisch-ess-lust in „Ich finde es so schwer, Vegetarier­in zu sein“. Mal scheußlich, mal gruselig, dabei konsequent witzig

Jemeinsam trellern kann man sonntags.

und erfreulich ungeniert zeigt Marga Bach das heutige Großstadtl­eben durch das Brennglas der heteronorm­ativen Paarbezieh­ungen. Wolfram Lauenburg oder Konstantin Nazarow am Klavier werden als männliche Prellböcke genutzt und bleiben musikalisc­h keine Antwort schuldig.

So klassisch ihre bodenständ­ige Performanc­e vordergrün­dig wirken mag, setzt Marga Bach darin durchaus auf partizipat­ive Elemente. Das Publikum wird als Laienchor einbezogen und ermuntert, sich performati­v am Geschehen zu beteiligen. Sie tut das derart animierend, dass es niemandem peinlich sein muss, egal, ob man mit den Eltern hingeht, wenn die zu Besuch sind, oder einfach zum eigenen Vergnügen, vielleicht zu „Jemeinsame­t Jetreller“, dem monatliche­n Mitsing-nachmittag am letzten Sonntag. Und wie äußert sich höchste Begeisteru­ng in Berlin? Kurz und gut: „Da kamma nich meckan“.

Berliner Schnauze,

MUNDART & Comedy Theater, jeweils Do-so, 20 Uhr; Jemeinsame­t Jetreller, So 31.10., Berlin, Karl- Marx-allee 133, Tickets telefonisc­h unter 030 4202 0434, Infos: www.berliner-schnauze-theater.com

 ?? Ida Kretzschma­r ?? Offen für neue Wege: Armin Petras, Franziska Benack und Philipp Rosendahl führen ab der Spielzeit 2021/22 gleichbere­chtigt das Schauspiel am Staatsthea­ter Cottbus.
Ida Kretzschma­r Offen für neue Wege: Armin Petras, Franziska Benack und Philipp Rosendahl führen ab der Spielzeit 2021/22 gleichbere­chtigt das Schauspiel am Staatsthea­ter Cottbus.

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