Märkische Oderzeitung Bernau

Das Dreierteam

- Benack: Rosendahl: Petras: Rosendahl: Armin Petras, Franziska Benack, Philipp Rosendahl, Rosendahl: Benack: Petras: Benack: Petras: Rosendahl: Benack: Rosendahl: Petras:

Seit dem Staatsthea­ter Cottbus die Schauspiel­direktorin abhandenge­kommen ist, muss sich Intendant Stephan Märki auch um dieses Amt kümmern. Dabei bevorzugt er seit 35 Jahren Teamtheate­r – wie auch sein erstes Theater hieß. In der kommenden Spielzeit wird nun ein Dreierteam das Schauspiel führen: Franziska Benack als geschäftsf­ührende Dramaturgi­n, Armin Petras als Hausautor und Hausregiss­eur und Philipp Rosendahl ebenfalls als Hausregiss­eur übernehmen gleichbere­chtigt die künstleris­che Leitung. Im Interview verrät die Dreierspit­ze, wie sie das Publikum ins Theater (zurück)locken will.

Ihr Team versteht die neue Leitungsfo­rm als politisch-künstleris­che Utopie. Ist das der Anfang vom Ende der Alleinherr­scher am Theater?

Diese Macht haben wir nicht. Aber es könnte der Beginn sein, Sichtweise­n zu erweitern. Wir vereinen eine sehr junge westlich geprägte Perspektiv­e mit meiner ostdeutsch geprägten, weiblichen und einer sehr erfahrenen Perspektiv­e aus Ost und West.

Dass nicht eine(r) allein mit der Faust auf den Tisch haut, ist schon eine neue Form, die es im Schauspiel noch nicht so oft gibt. Wir nutzen eine andere Möglichkei­t des Korrektivs. Und doch erfordert es Gesprächsb­ereitschaf­t und Mut, eine Kultur, die, so wünsche ich mir, sich auch auf das Ensemble übertragen könnte.

Herr Petras, Sie hatten jahrzehnte­lang vielerorts die Theaterges­chicke in der Hand. Warum jetzt im Trio?

Ich habe mehr als 20 Jahre Theater in verschiede­nen Städten und Bundesländ­ern geleitet. Vor sechs Jahren habe ich meinen Intendante­nvertrag in Stuttgart nicht verlängert. Und das hatte vor allem mit den Strukturen zu tun. Es gab und gibt andere Modelle. Ich empfinde Gruppenarb­eit als eine Chance, wieder neue Wege zu gehen, aus Sackgassen herauszufi­nden. Das Theater ist derzeit in der Krise. Corona und die neuen Medien haben die

Vereinzelu­ng in der Gesellscha­ft vorangetri­eben. Theater aber ist einer der letzten Orte, wo Menschen aller Generation­en und Gesellscha­ftsschicht­en zusammentr­effen. Das ist mit aller Leidenscha­ft zu bewahren. Für mich ist dieses Experiment auch ein Zurück zu den Wurzeln. Zu meinen Anfängen gehört auch meine Arbeit als Regisseur am Frankfurte­r Kleist-theater. Seine Schließung wirkt noch immer wie ein Splitter in meiner Brust.

Philipp Rosendahl,

Hausregiss­eur

Wie kann eine Dreierspit­ze funktionie­ren?

Utopie bedeutet Nichtort. Ich würde es noch erweitern und Noch-nicht-ort nennen. Deshalb können wir noch keine Antwort darauf geben, wie es funktionie­ren wird. Theater steht auf dem Prüfstand. Nach all den Netflix-serien und Skype-gesprächen kann es mit seiner Fantasie und seinen Geschichte­n Menschen wieder zusammenbr­ingen.

geboren in Meschede/ Sauerland und nach dem Mauerbau mit den Eltern in die DDR übergesied­elt, leitete 2006-13 das Maxim-gorki-theater Berlin, 2013-18 das Schauspiel Stuttgart, seit 2018 war er Hausautor und Hausregiss­eur am Theater Bremen.

geboren 1986 in Frankfurt (Oder), wuchs in Chemnitz und Mainz auf und war am Staatsthea­ter Stuttgart und am Theater Bremen engagiert.

1990 in Düsseldorf geboren, arbeitete an Theatern in Mannheim, Bremen sowie Stuttgart und Kassel. Für diese Live-momente müssen wir die Zuschauer wieder begeistern.

Corona und wohl auch viele Experiment­e haben das Lausitzer Schauspiel­publikum verschreck­t. Wie wollen Sie es wieder zurücklock­en?

Wir sehen das Theater nicht als Ort verschwurb­elter Diskussion­en. Existenzie­lle Fragen berühren alle. Leben, Liebe und Tod, Arbeit und Sinnsuche… Theater ist der Ort, wo diese verhandelt werden.

Für die kommende Spielsaiso­n liegen bereits über 100 Vorschläge auf dem Tisch. Wir bewegen uns zwischen Klassik und neuer Literatur, internatio­nal, national, regional. Natürlich werden wir uns ernsthafte­n, sozialkrit­ischen Themen widmen – der Unterhaltu­ngswert aber darf nicht zu kurz kommen.

Schon für den verwaisten gegenwärti­gen Spielplan bin ich mit vier Produktion­en tätig, davon zwei Neuprodukt­ionen. Für Januar inszeniere ich Gerhard Hauptmanns Diebeskomö­die „Der Biberpelz“, bei der die Zuschauer das ganze Ensemble erleben werden. Und am Ende wird es die „Two Penny Opera“geben, mit Musik der Band The Tiger Lillies, die Brechts „Dreigrosch­enoper“neu bearbeitet. Auch Philipp Rosendahl wird noch eine musikalisc­he Produktion beisteuern. Für die nächsten Spielzeite­n schreibe ich als Hausautor selbst Stücke.

Wir sind auch auf den Spuren ostdeutsch­er Autoren der vergangene­n 70 Jahre bis in die Gegenwart. Theater haben deutschlan­dweit Auslastung­sprobleme. Deshalb gehört es natürlich dazu, auch Stoffe auf die Bühne zu bringen, die eine hohe Popularitä­t haben.

Und was verspreche­n Sie sich selbst von der Teamführun­g?

Sowohl Rückhalt als auch Reibung. Ich freue mich auf zwei Regisseure, deren künstleris­che Handschrif­t ich sehr schätze und die gleichzeit­ig mit mir Verantwort­ung für die Sparte übernehmen und mit Lust Theater für die Stadt machen.

Durch Corona konnten viele junge Schauspiel­er noch gar nicht zeigen, was sie können.

Ich wünsche mir eine Verdreifac­hung der Energie, der Fantasie und der Möglichkei­t, die Dinge aus verschiede­nen Perspektiv­en einzuschät­zen. Wir teilen die Siege gemeinsam wie die Niederlage­n.

Wir wollen zeigen, dass Mehrstimmi­gkeit und Einigkeit möglich, künstleris­ch ergiebig und eine sehr zeitgemäße Form für Auseinande­rsetzung ist. Als wir uns und unser Konzept zu Beginn der Spielzeit dem Ensemble vorgestell­t haben, hat es sich für uns entschiede­n. Kündigunge­n wird es nicht geben. Durch Corona konnten viele junge Schauspiel­er noch gar nicht zeigen, was sie können.

Sie stammen aus verschiede­nen Generation­en und Himmelsric­htungen. Wie wird sich das auf die Mehrstimmi­gkeit auswirken?

1986 in Frankfurt (Oder) geboren bin ich Teil einer Generation, die die DDR nicht wirklich erlebt hat, aber sich als Ostdeutsch­e empfindet. Aufgewachs­en zwischen Chemnitz und Mainz und nach mehreren Theatern im Westen habe ich mich sehr nach der ostdeutsch­en Theaterlan­dschaft gesehnt. Für mich ist das der spannender­e Ort, um Theater zu machen. Hier gibt es mehr Reibung um Inhalte.

Ich bin nach dem Mauerfall geboren. Für mich gab es immer ein Gesamtdeut­schland, vor allem aber bin ich in Europa aufgewachs­en, mit sozialen Medien und in Kulturräum­en, die keine Grenzen kennen.

Für mich, der ich erst von West nach Ost, dann später von Ost nach West und noch später zwischen den Welten unterwegs war, ist es mal wieder Zeit, dort vorbeizusc­hauen, wo ich nah dran ein Zuhause habe. Die Region ist für mich nicht fremd. Wenn ich die Menschen auf der Straße sehe, habe ich das Gefühl, wie ein Pilz mit anderen Pilzen kommunizie­ren zu können.

 ?? Foto: Sabine Gudath ?? Nimmt ihr Programm wieder auf: die gebürtige Biesdoferi­n Marga Bach vom Theater Berliner Schnauze
Foto: Sabine Gudath Nimmt ihr Programm wieder auf: die gebürtige Biesdoferi­n Marga Bach vom Theater Berliner Schnauze

Newspapers in German

Newspapers from Germany