Göt­tin in Weiß? Von we­gen!

Haupt­sa­che ge­sund: Hei­ke Feist un­ter­nimmt mit „Al­le Kas­sen, auch pri­vat“in der Are­na in Berlin-trep­tow ei­nen so tur­bu­len­ten wie brenz­li­gen Ritt durch das ak­tu­el­le Ge­sund­heits­sys­tem – re­zept­frei.

Märkische Oderzeitung Eberswalde - - KULTUR - Von Ire­ne Ba­zin­ger

Es las­sen sich vie­le schö­ne­re Din­ge vor­stel­len als just ein Arzt­be­such – nicht nur weil man dann ge­sund­heit­lich an­ge­schla­gen ist, son­dern über­dies, weil die langen War­te­zei­ten erst recht krank­ma­chen. Es ist aber auch für Ärz­te kei­ne an­ge­neh­me Si­tua­ti­on, wenn die Uhr tickt, die Pa­ti­en­ten stres­sen, die Kran­ken­kas­sen im­mer neue For­ma­li­tä­ten aus­he­cken und die Phar­ma­ver­tre­ter an der Tür rüt­teln.

Aus der Per­spek­ti­ve ei­ner en­ga­gier­ten All­ge­mein­me­di­zi­ne­rin er­zählt die in Neu­rup­pin ge­bo­re­ne Schau­spie­le­rin Hei­ke Feist als Dr. An­ne­gret Kern über all die­se vor­wie­gend de­pri­mie­ren­den Din­ge auf al­ler­dings kurz­wei­li­ge, ko­mi­sche und ab­sur­de Wei­se in „Al­le Kas­sen, auch pri­vat“. Zu­sam­men mit Ralf Krä­mer hat sie die „So­lo-thea­ter-come­dy mit Ne­ben­wir­kun­gen“ent­wi­ckelt und spielt die­se in der Re­gie von Marc Lip­pu­ner im Glas­haus der Ber­li­ner Are­na.

Auf die Büh­ne ist ein ty­pi­sches War­te­zim­mer mit ein paar Stüh­len, ei­nem Was­ser­spen­der und Il­lus­trier­ten ge­baut. Als ers­tes frei­lich be­tritt es ei­ne Fi­gur, die man da nicht er­war­ten wür­de – der Schutz­en­gel Raf­fae­la näm­lich, mit dem Auf­trag, die Ärz­tin zu be­schüt­zen, weil die ei­gent­lich we­gen ih­res rui­nö­sen Ar­beits­pen­sums selbst ein­mal zu ei­nem um­fas­sen­den Me­di­zin-check und in ei­nen Re­ha-auf­ent­halt ge­hör­te.

Denn manch­mal ab­sol­viert Frau Dr. Kern erst zwölf St­un­den im Not­dienst, da­nach min­des­tens acht St­un­den in ih­rer Pra­xis. Hei­ke Feist hat sich gründ­lich mit der Ma­te­rie be­schäf­tigt und ge­naue Be­ob­ach­tun­gen an­ge­stellt. Nun jon­gliert sie amü­sant mit Fak­ten und Kli­schees, mit Zah­len und Gags, mit Sta­tis­ti­ken und un­ge­lieb­ten Wahr­hei­ten.

Ob Kran­ken­haus­kei­me oder Ge­ne­ri­ka, ob be­denk­li­che Zu­satz­stof­fe in Me­di­ka­men­ten oder über­flüs­si­ge Ope­ra­tio­nen („Son­der­müll Ge­bär­mut­ter“), all das wird bei ihr zu ei­nem ei­ner­seits tur­bu­lent ver­gnüg­li­chen, an­de­rer­seits ziem­lich brenz­li­gen Streif­zug durch das ak­tu­el­le Ge­sund­heits­sys­tem.

„Sind wir ei­ne Pra­xis oder ein Wa­ren­haus?“, fragt ir­gend­wann em­pört die pa­ten­te pol­ni­sche Kran­ken­schwes­ter Na­tia, die mit der Ärz­tin den La­den schmeißt. Sie wun­dert sich au­ßer­dem über die Deut­schen, die in den Kel­ler ge­hen und dort „lachen, bis der Ernst kommt“. Was zwar nicht un­be­dingt stimmt – und trotz­dem nicht gänz­lich falsch ist …

Das Pu­bli­kum wird als dicht ge­dräng­te Schar von Pa­ti­en­ten im War­te­zim­mer an­ge­spro­chen und darf sich im Lau­fe des Abends auch manch­mal äu­ßern. Hei­ke Feist eilt mal mit we­hen­dem Arzt­kit­tel, mal im wein­ro­ten Schwes­tern­kos­tüm oder mit rie­si­gen wei­ßen En­gels­flü­geln durch al­le drei Rol­len und macht Ge­sund­heit wie Ge­bre­chen, Hel­fer­syn­drom wie Selbst­aus­beu­tung, se­li­ge Eu­pho­rie wie läh­men­de Er­schöp­fungs­de­pres­si­on mit Witz und Charme plau­si­bel. Der sehr un­ter­halt­sa­me Abend ist re­zept­frei und mit sei­nen me­lan­cho­li­schen wie frus­trie­ren­den, po­li­ti­schen wie spa­ßi­gen In­gre­di­en­zi­en heil­sam.

„Sind wir ei­ne Pra­xis oder ein Wa­ren­haus?“Kran­ken­schwes­ter Na­tia

„Al­le Kas­sen, auch pri­vat“, nächs­te Vor­stel­lun­gen 25.10, 17.11., 12.12., 13.12. , Glas­haus/are­na, Ei­chen­str. 4, Berlin-trep­tow, Kar­ten­tel. 0180 657000

Foto: Jens Ka­lae­ne/dpa

Kämpft mit Su­per­kei­men, läh­men­der Er­schöp­fung und dem im­mer vol­len War­te­zim­mer: Die Schau­spie­le­rin Hei­ke Feist steht in ei­ner Drei­fach­rol­le auf der Büh­ne im Glas­haus Are­na Berlin.

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