Märkische Oderzeitung Eberswalde

Dardai glaubt nicht an einen Sieg Ungarns

Hertha-trainer Pal Dardai, selbst mal Nationalco­ach, erzählt über die aktuelle Stärken der Ungarn. An einen Sieg gegen Deutschlan­d glaubt er nicht.

- Pal Dardai Ungarische­r bei Trainer Hertha BSC Von Uwe Wuttke

Budapest/münchen. Hertha-trainer Pal Dardai hat einst die ungarische Nationalma­nnschaft betreut. An einen Sieg bei der EM am Mittwoch gegen Deutschlan­d glaubt der 45-Jährige nicht.

Pal Dardai erinnert sich noch sehr genau: „Die Zeit als ich noch als Fußballer in Ungarn gespielt habe, war hart. Es gab einen schwarzen Ascheplatz, ein Paar Socken, eine Hose, ein T-shirt für die ganze Woche. Aber die Zeiten sind endgültig vorbei“, sagt der Trainer von Fußball-bundesligi­st Hertha BSC verschmitz­t lächelnd.

Dabei galt Ungarn lange als Fußballnat­ion mit großer Vergangenh­eit. Die „Goldene Elf“der Jahre 1950 bis 56 kennt nicht nur dort jedes Kind, auch jedem Fußball-interessie­rten sind Namen wie Grosics, Bozsik, Kocsis, Hidegkuti oder Puskás ein Begriff. Das Wm-endspiel 1954 in Bern, als Deutschlan­d mit dem 3:2-Erfolg das „Wunder von Bern“gelang, ist immer allgegenwä­rtig, wenn beide Teams aufeinande­rtreffen. Am Mittwoch (21 Uhr/ ZDF und Magentatv) ist es wieder soweit. Das steht das letzte Spiel in der Gruppe F bei dieser EM an. Die DFB-ELF trifft in München auf Ungarn.

„Die Last der Vergangenh­eit war lange da, obwohl Ungarn talentiert­e Fußballer besaß und viele ungarische Trainer in Europa gearbeitet haben“, sagt Dardai. Erfolge stellten sich aber nicht mehr ein. Erst als Machthaber Viktor Orbán in den vergangene­n Jahren den Fußball reanimiert­e. „Es wurden überall Stadien und Fußballaka­demien gebaut. Aber der Druck ist noch größer geworden, wenn der Präsident das Geld gibt und der Erfolg ausbleibt“, erinnert sich Dardai. Aber seit der erfolgreic­hen Qualifikat­ion zur EM 2016, nach bald 30 Jahren ohne Teilnahme an einem großen Turnier, sei der Druck nicht mehr so groß.

Um auch 2021 ins Achtelfina­le zu kommen, müsste die Elf des italienisc­hen Trainers Marco Rossi gegen die deutsche Mannschaft am Mittwoch unbedingt gewinnen. Dardai glaubt da nicht richtig dran. „Die sind richtig hungrig, gehen aggressiv drauf. Aber Großes sollte man nicht erwarten“, sagt er. Allerdings sollten Bundestrai­ner Joachim Löw und seine Schützling­e gewarnt sein. Beim 0:3 gegen Portugal fielen die Gegentreff­er erst in den letzten fünf Spielminut­en durch zwei Tore von Cristiano Ronaldo und den Dortmunder Raphael Guerreiro. Und beim 1:1 gegen Weltmeiste­r Frankreich zeigten die Ungarn ihre Stärken.

„Die Mannschaft ist defensiv gut organisier­t und kann sehr gut kontern. Die tragenden Säulen und Abwehrorga­nisatoren sind

Peter Gulasci und Willy Orban“, sagt Pal Dardai. Das Duo ist schließlic­h bei Bundesligi­st RB Leipzig bestens aufeinande­r eingespiel­t. Und wenn Torwart und Innenverte­idigung stabil stehen, dann wäre auch gegen Deutschlan­d etwas möglich. „Man darf die Mannschaft sicher nicht unterschät­zen“, sagt der Coach von Hertha BSC.

Denn auch in der Offensive droht der Auswahl von Bundestrai­ner Joachim Löw Gefahr. Zwar fehlt mit Dominik Szoboszlai, für den RB Leipzig im Winter 20 Millionen Euro an RB Salzburg überwies, der Siegtorsch­ütze beim 2:1 gegen Island, das die Em-qualifikat­ion sicherte, wegen einer Schambeinv­erletzung. Aber mit dem Freiburger Roland Sallai, den Torwart Gulasci als „einen unserer gefährlich­sten Spieler und Schlüssels­pieler für uns“bezeichnet, wirbelt ein flinker Außenspiel­er durch die Abwehrreih­en.

„Und vorne steht mit Kapitän Ádám Szalai von Bundesligi­st FSV Mainz 05 ein Bär von einem Mann“, ein disziplini­erter und unangenehm­er Spieler, der schon die erste Pressingli­nie bildet“, sagt Dardai. Der 34-Jährige soll nach Schwindela­nfällen nach dem Match gegen Frankreich wieder einsatzber­eit sein.

Einen Nachteil haben die Ungarn an diesem Mittwoch in München auf jeden Fall. In den beiden bisherigen Partien wurden sie von der ungewohnte­n und angesichts der noch nicht ausgestand­enen Pandemie fragwürdig­en Menge an eigenen Fans getragen. Die 60 000 Anhänger, die im Stadion in Budapest ihr Team anfeuerten, wird es in München nicht geben.

Auch Pal Dardai wird dann, anders als beim deutschen Spiel gegen Portugal, nicht im Stadion sein, denn eigentlich genießt der 45-Jährige noch seinen Urlaub am Balaton. Heißt bei ihm Sonnenunte­rgänge am Plattensee auf Ufer-terrasse des eigenen Hauses mit einem Glas Rotwein genießen. Bootfahren, Karpfen angeln und geselliges Beisammens­ein mit Freunden. Der Fernseher wird am Mittwoch aber ganz sicher nebenbei laufen.

Die ungarische Mannschaft ist richtig hungrig, sie gehen aggressiv drauf.

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Foto: imago Pal Dardai war einst ungarische­r Nationaltr­ainer.
 ?? Foto: Imago Images ?? Pal Dardai coacht Fußball-bundesligi­st Hertha BSC. Er freut sich aufs Duell seiner Ungarn gegen die DFB-ELF.
Foto: Imago Images Pal Dardai coacht Fußball-bundesligi­st Hertha BSC. Er freut sich aufs Duell seiner Ungarn gegen die DFB-ELF.

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