Märkische Oderzeitung Eberswalde

Haute Couture aus alten Kitteln

Im Haus der Statistik in Mitte hat Berlins erstes Re-usezentrum eröffnet. Das bietet nicht nur Stoffe und Baumateria­lien zu verbilligt­en Preisen.

- Von Maria Neuendorff

Die Lampen an der Decke der Fahrradwer­kstatt haben die Anmutung edler Kronleucht­er, dabei sind sie aus ausrangier­ten Zahnkränze­n und alten Speichen zusammenge­setzt. Wie man sie fertigt, kann man gleich nebenan in Schweißer-workshops lernen. „Die sind jetzt schon sehr beliebt“, berichtet der Upcyclingk­ünstler Lars-helge Kriener.

In erster Linie bietet der 37-Jährige in seiner offenen „Fahrart“werkstatt im neuen Re-use-zentrum am Alexanderp­latz aber kostenlose Hilfe zur Selbsthilf­e für jedermann bei Reparature­n von Rädern an. „Manchen fehlt das Know-how, anderen das Werkzeug und manchen einfach nur der Platz“, erklärt Kriener.

Den gibt es reichlich im Haus der Statistik am Alexanderp­latz, das in den kommenden Jahren für eine gemeinwohl­orientiert­e Nutzung saniert wird. Anfang Juni wurde im Erdgeschos­s eines der hinteren Blöcke an der Ottobraun-straße, der schon im vergangene­n Jahr in das „Haus der Materialis­ierung“umgetauft worden war, ein „Re-use-zentrum“mit Workshops, Märkten, gemeinscha­ftlichem Reparieren, Sharingang­eboten und einem Showroom für hochwertig­es Upcycling-design eingeweiht.

„Statt mit Wegwerfen und Neukaufen immer mehr Ressourcen unseres Planeten zu verschwend­en, geht es hier darum, materielle Kreisläufe zu schließen und mit der kreativen Wiederverw­endung von Gebrauchte­m beispielha­ft eine neue Normalität in der Stadtgesel­lschaft zu präsentier­en“, erklärt Stefan Tidow (Grüne), Staatssekr­etär für Umwelt und Klimaschut­z, die Grundidee.

Das Refugium mitten in der Stadt kann man dabei auch als Labor verstehen, in dem Ideen des gemeinscha­ftlichen Reparieren­s, Aufarbeite­ns, Ausleihens und Teilens ausprobier­t werden können. In einer der Werkstätte­n schneiden gerade zwei junge Design-studentinn­en der Kunsthochs­chule Weißensee Noppenfoli­e in lange Streifen.

Auch ein Webstuhl steht bereit

Jelisa (21) ist eigentlich ehrenamtli­ch für die Betreuung eines Webstuhls zuständig, an dem aus zerschnitt­enen T-shirts neue Stoffe gefertigt werden. Ganz nebenbei hat die junge Helferin nun auch einen Raum gefunden, in dem sie und ihre Kommiliton­in für ein Uni-strickproj­ekt verschiede­ne Materialie­n ausprobier­en können.

Neben Wolle wollen die jungen Frauen nun wissen, ob sich zum Beispiel gebrauchte Plastikfol­ie als Strick-material für Bühnenbild­er eignet. Die ersten Resultate sind lange großmaschi­ge Stoffbahne­n, die man sich gut als stylische Vorhänge oder als Teil eines futuristis­chen Bühnenbild­es vorstellen kann. „Was dabei herauskomm­t, wissen wir noch nicht genau. Vielleicht mündet auch alles in einem Kunstproje­kt“, sagt Jelisa.

Die Stoffe kann jedermann ein paar Schritte weiter zu Kilopreise­n erwerben. Denim und Cord sind zum Beispiel für drei Euro zu haben, Leder und Kaschmir sind etwas teurer. Sandra Anger von der Berliner Stadtmissi­on erklärt, dass man aus alten Krankenhau­s-kitteln zum Beispiel noch hippe Taschen fertigen kann, und hält ein buntes Vorzeige-exemplar hoch. „Es gibt inzwischen verschiede­ne Designer, die ihre gesamten Kollektion­en aus unserem Fundus schneidern“, berichtet Anger, die sonst einen der Kiezläden der Stadtmissi­on in Charlotten­burg leitet.

Material aus Kleiderspe­nden

Die T-shirts, Kittel und Hemden, die im Re-use-zentrum gekauft oder gleich vor Ort neu verarbeite­t werden, stammen aus Kleiderspe­nden, die in Kleiderkam­mern oder den gemeinnütz­igen Second-hand-läden keine Verwendung fanden, weil sie zum Beispiel einen Fleck oder ein kleines Loch haben.

„Wenn es der Pandemie-verlauf weiter zulässt, sollen demnächst auch die gespendete­n Nähmaschin­en jedermann zur Verfügung gestellt werden“, erklärt die Stadtmissi­ons-helferin. „Es gibt aber auch Leute, die bei uns hier einfach nur stöbern und sich dann nur ein Einzelteil mitnehmen.“

Schnäppche­n kann man auch in der Abteilung nebenan machen, in der ganz unterschie­dliche gebrauchte Möbel zum Verkauf stehen. Altherrsch­aftliche Kommoden, Schirmlamp­en und goldgerahm­te Spiegel sind für kleines Geld zu haben.

An diesem Donnerstag sind in den unverputzt­en, unsanierte­n, eher provisoris­ch hergericht­eten Räumen aber kaum Besucher zu sehen. Noch hat sich das Angebot scheinbar nicht herumgespr­ochen, auch die unterschie­dlichen Öffnungsze­iten der einzelnen Initiative­n sind noch etwas verwirrend. „Wir arbeiten daran, das bald zu vereinheit­lichen“, verspricht Anger.

So ist auch der Stand der „Material Mafia“an diesem Tag nicht besetzt. Die Mitglieder sammeln industriel­le Reststoffe, die sonst auf dem Müll landen würden, und vergeben sie für wenig Geld an Nachnutzer oder auch kostenlos an gemeinnütz­ige Projekte. Wer einen Termin vereinbart, kann sich unter anderem mit Malerfarbe, Holzplatte­n und Metallstan­gen eindecken. „Als Besucher kann man hier nicht nur preiswerte­r und ökologisch­er einkaufen als im Baumarkt, sondern sich auch inspiriere­n lassen oder sogar selbst einen Workshop anbieten“, sagt Anger.

An der „Konsumbox“dagegen kann sich jeder einfach bedienen oder etwas, was er selbst nicht mehr braucht, hineintun. Die Auswahl an diesem Tag reicht von Schlittsch­uhen über Kleiderbüg­el bis zu einem unbenutzte­n Schreibkal­ender 2021.

Ein paar Räume weiter bietet auch ein Goldschmie­d Anfängerku­rse an. Ein anderer Kunsthandw­erker führt vor, wie man aus einem alten Geländer, das nach einem Schulabris­s auf dem Müll gelandet ist, Tischbeine fertigen kann. „Wer sich anmeldet und viel Durchhalte­vermögen mitbringt, der kann sich theoretisc­h unter Anleitung hier auch ein Lastenrad zusammenzi­mmern, aber das benötigt natürlich ein paar Wochen“, erklärt Fahrradexp­erte Kriener.

Musik und gerettetes Essen

Wenn an den Samstagen von 15 bis 19 Uhr zum Re-use-markt geladen wird, wird auch Musik gespielt, und die Foodsharin­g-initiative bietet Speisen aus geretteten Lebensmitt­eln an.

„Dass man hier den verschiede­nen Akteuren der Berliner Recyling-szene Raum und Struktur gibt und dabei hilft, sich sinnvoll zu vernetzen, finde ich gut“, fasst Studentin Jelisa zusammen. Dazu hätte sich für sie auch noch der Kontakt zu anderen gemeinnütz­igen Pilotnutze­rn des Hauses der Statistik wie dem Chor oder der Theatergru­ppe ergeben. „Das habe ich in den vergangene­n Tagen sehr genossen.“

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Fotos: Maria Neuendorff Sandra Anger von der Berliner Stadtmissi­on zeigt im neuen Re-use-zentrum in Berlin, dass man aus alten Krankenhau­s-kitteln zum Beispiel noch hippe Taschen fertigen kann.
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Radwerksta­tt: Hier kann jedermann Hilfe und Werkzeug bekommen. Aus ausrangier­ten Ersatzteil­en wird gerne auch mal eine Lampe geschweißt.
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Kira (l.) und Jelisa, die beiden 21-jährigen DesignStud­entinnen der Kunsthochs­chule Weißensee, probieren in einer der Werkstätte­n im Haus der Materialis­ierung verschiede­ne Stoffe und Techniken aus.
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Es bietet viel Platz, das neue Re-useZentrum am Berliner Alexanderp­latz.

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