Märkische Oderzeitung Eberswalde

Schuldirek­tor radelt vom Hof

Um 5 Uhr steht Jörg Goßlau morgens auf. Ob der Leiter der Georg-büchner-grundschul­e von Joachimsth­al im Ruhestand nun ausschläft und wie in Eberswalde alles begann.

- Von Marco Marschall

Ich freue mich auf die Zeit, die ich dann mehr habe“, sagt Joachimsth­als Schuldirek­tor Jörg Goßlau über den bevorstehe­nden Ruhestand. Zeit für seine Enkelkinde­r, vier, acht und zwölf Jahre jung. Zeit mit seiner Frau, die in der Kämmerei von Joachimsth­al tätig war und gemeinsam mit ihrem Mann aus dem Berufslebe­n ausscheide­t. Mit ihr will er auf dem Rad die Wege entlang der Flüsse erkunden. Strecken von bis zu 60 Kilometern sind beide gewohnt. Nicht per E-bike und ohne Anreise per Flieger. Denn der 65-Jährige begibt sich ungern in die Lüfte.

Unterricht­en wird ihm fehlen

Viel Zeit dürfte Goßlau in jedem Fall haben. Schließlic­h steht er für gewöhnlich bereits um 5 Uhr morgens auf. „Meine Frau hofft, dass sich das ändert, aber ich glaube das nicht“, sagt er und lacht. Ab 6 Uhr war der Joachimsth­aler in der Regel in der Georg-büchner-schule anzutreffe­n. Unterricht­sbeginn 7.35 Uhr. Das Unterricht­en, sagt er, werde ihm am meisten fehlen. Dass der drahtige Mann mit dem freundlich­en Blick und dem weißen Vollbart einmal Lehrer werden sollte, war keine Überraschu­ng, stammt er doch aus einer echten Lehrerfami­lie. Beide Eltern, Schwester und zwei Tanten – alles Lehrer. Und die eigene Tochter, eines von zwei Kindern, arbeitet ebenfalls in jenem Beruf, den er anfangs gar nicht für sich vorgesehen hatte. „Ich wollte nicht Lehrer werden. Ich wollte in die Landwirtsc­haft gehen“, erzählt er.

In Joachimsth­al aufgewachs­en und zur Schule gegangen, machte der spätere Direktor Abitur mit Beruf und lernte Zootechnik­er, wollte nach anderthalb Jahren Armee dann aber doch lieber mit Menschen statt mit Tieren arbeiten. An der Humboldt-universitä­t Berlin wurde er Lehrer für Polytechni­k. „Im Grunde das, was heute Wirtschaft, Arbeit, Technik, kurz WAT, heißt“, erklärt Goßlau. Mit diesem Rüstzeug unterricht­ete er die jüngeren Klassen im Fach Werken und die älteren im technische­n Zeichnen und Einführung in die Sozialisti­sche Produktion (ESP).

Allerdings begann seine berufliche Laufbahn nicht in Joachimsth­al sondern an der Max-reimann-schule im gleichnami­gen Viertel von Eberswalde, dem heutigen Brandenbur­gischen Viertel. Sein Kollegium seien zum Start 1981 ausschließ­lich Frauen gewesen, berichtet er. Das störte ihn nicht. Doch freute er sich auch über flüchtige Treffen mit dem Hausmeiste­r, mit dem er sich dann über Fußball habe austausche­n können.

In Joachimsth­al unterricht­en wollte Goßlau anfangs nicht. Auch weil noch viele seiner eigenen ehemaligen Lehrer dort tätig waren, erzählt er. Und doch zog es den Mann aus der Schorfheid­estadt ab 1986 an die Schule seines Heimatorte­s. Dort löste er den eigenen Vater ab, der zuvor im gleichen Fach lehrte und aus dem Schuldiens­t ausschied. Damit blieb die Stelle in der Familie. Ambitionen in Schulleitu­ng zu gehen, habe er nie gehabt, meint Goßlau. Auch dass damit ein Eintritt in die Sozialisti­sche Einheitspa­rtei der DDR (SED) verbunden war, störte ihn. Nach der Wende stand dem nichts mehr entgegen und der Joachimsth­aler wurde 1993 stellvertr­etender Schulleite­r. Knapp zehn Jahre später folgte der große Umbruch im Haus. Die Sekundarst­ufe I fiel weg, die Einrichtun­g wurde zur reinen Grundschul­e. Als die Kinderzahl unter 180 sank, waren es der Lehrer zu viele. Auch die Stelle des stellvertr­etenden Leiters sollte wegfallen. Und so kam es, dass Jörg Goßlau, noch einmal wechseln musste. Für ihn ging es 2003 an die damalige Goethe-realschule nach Eberswalde, die zu jenem Zeitpunkt noch von Eberswalde­s heutigem Bürgermeis­ter Friedhelm Boginski geleitet wurde. „Der Wechsel ist mir nicht leicht gefallen. Ich hatte mich eigentlich darauf eingestell­t, bis zur Rente in Joachimsth­al zu bleiben. Im Nachhinein aber fand ich es gut, nochmal über den Tellerrand zu blicken. Es waren gute Schüler und ein gutes Kollegium“, sagt Goßlau heute. Fünf Jahre dauerte die Stippvisit­e in der Waldstadt. Dann wurde die Grundschul­e in Ringenwald­e geschlosse­n. Viele Schüler von dort wechselten nach Joachimsth­al und die magische Grenze von 180 wurde wieder geknackt. Goßlau kehrte 2008 als stellvertr­etender Schulleite­r an seine alte Wirkungsst­ätte zurück. Als der damalige Direktor Andreas Krenzin 2012 in Rente ging, bewarb sich Goßlau und wurde neuer Chef der Einrichtun­g.

Bei den Schülern, so meint der erfahrene Lehrer, habe er über die Jahre im Grunde keine Veränderun­g im Verhalten beobachtet. Unveränder­t sei auch das Engagement von Eltern geblieben. Geändert habe sich deren Einstellun­g in Erziehungs­fragen. Es werde mehr erklärt, Kinder dürften mehr selbst entscheide­n. So sei seine Beobachtun­g. Werten wolle er das nicht.

Schon als Stellvertr­eter hatte Goßlau die Ausrichtun­g als Ganztagssc­hule vorangetri­eben. Die Stadt hat in den vergangene­n Jahren baulich viel investiert in ihren Standort. Zur Eröffnung der zu Sporträume­n umgebauten ehemaligen Schulküche, die auf sich warten lässt, wird der Direktor schon im Ruhestand sein. Sein Stellvertr­eter Steffen Meyer übernimmt zunächst kommissari­sch die Leitung der Einrichtun­g, deren Schülerzah­l sich nach der schwierige­n Phase um die Jahrtausen­dwende wieder stabilisie­rt hat. 280 Kinder sind es derzeit an der Georg-büchner-schule. Vielleicht begegnet der eine oder andere dem Direktor im Ruhestand ja künftig mal, wenn dieser auf dem Drahtesel durch Joachimsth­al fährt.

Als er an die Schule im Heimatort wechselte, löste er den eigenen Vater ab.

 ?? Foto: Marco Marschall ?? Vor dem Eingang der jahrelange­n Wirkungsst­ätte: Schulleite­r Jörg Goßlau hört auf an der Georg-büchner-schule von Joachimsth­al und geht in Rente.
Foto: Marco Marschall Vor dem Eingang der jahrelange­n Wirkungsst­ätte: Schulleite­r Jörg Goßlau hört auf an der Georg-büchner-schule von Joachimsth­al und geht in Rente.

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