Märkische Oderzeitung Eberswalde

Was in eine Kiste passt

Am Mittwoch wird das lange umstritten­e Dokumentat­ionszentru­m Flucht, Vertreibun­g, Versöhnung für das Publikum geöffnet. Ein Rundgang.

- Von Maria Neuendorff

Die Wände aus Holzlamell­en im Raum der Stille erzeugen eine langgezoge­ne Landschaft ohne Ankerpunkt­e am Horizont. Das Motiv des Ungewissen soll die Gefühle von Flüchtling­en widerspieg­eln. „Was kommt auf mich zu? Wo kann ich vielleicht wieder Wurzeln schlagen? Sehe ich die Heimat jemals wieder?“.

Weil die Fahrten und Gewaltmärs­che in Kriegs- und Nachkriegs­wirren manchmal Wochen und Monate dauern, ist im Erdgeschos­s des neuen Dokumentat­ionszentru­ms „Flucht, Vertreibun­g. Versöhnung“in Berlin-mitte ein Kartenspie­l zu sehen, das eine 16-Jährige im Winter 1945 auf der zweiwöchig­en Odyssee von Breslau nach Nürnberg gebastelt hat. Dass es nicht viel war, was die Menschen mit in ihr neues Leben nehmen konnten, zeigt eine Holzkiste, die damals für eine Familie mit drei Kindern reichen musste. Gleich neben einem geretteten Notizblock mit Anschrifte­n und dem Milchtopf einer Familie aus Pommern ist aber auch ein zerschellt­es Handy eines heutigen Bootsflüch­tlings ausgestell­t.

Das neue Museum zum Thema Gewaltmigr­ation schlägt einen großen Bogen durch Europa und beleuchtet dabei ein ganzes Jahrhunder­t. Zwischen den kühlen Betonwände­n im entkernten „Deutschlan­dhaus“am Anhalter Bahnhof können die Besucher genauso etwas über Zwangsmigr­ation von Griechen und Türken in den 1920-iger Jahren erfahren, wie über die Deportatio­n von Wolgadeuts­chen zu Stalins Zeiten.

Dabei wird nicht alles im Detail erklärt. „Wir haben versucht, Phänomene zu identifizi­eren, die wir für vergleichb­ar halten“, erklärt Ausstellun­gskurator Jochen Krüger. Wenn es um Gräuel und

Kriegsverb­rechen geht, hat der Besucher die Wahl, Regale eines nachgestel­lten Aktenschra­nks zu öffnen. In ihnen ist unter anderem das Polizei-protokoll einer zigfach vergewalti­gten Frau aus Ex-jugoslawie­n zu lesen. Auch ein Messer, das ein Mädchen monatelang unter ihrem Rock versteckte, ist ausgestell­t.

Das Schicksal der rund 14 Millionen Deutschen, die zwischen 1940 und 1949 aus den Ostgebiete­n vertrieben, zwangsumge­siedelt wurden oder aus eigenem Antrieb flohen, wird erst im ersten Obergescho­ss etwas tiefer beleuchtet. Eine Schwarzwei­ßaufnahme zeigt, wie Frauen mit Gepäck auf dem Rücken über eine zerstörte Elbe-brücke bei Tangermünd­e kraxeln. Die Kinder, die auf der Flucht verloren gehen, suchen später in der Bundesrepu­blik über Rote-kreuz-anzeige nach ihren Eltern.

Die dramatisch­en Bilder und Zeugnisse von Entbehrung und Entrechtun­g werden in den Kontext zum vorangegan­genen Nazi-eroberungs-kriegs als Ursache des Leids gesetzt. Auch Hinweise auf die Zwangsumsi­edlungen der ukrainisch­en und polnischen Bevölkerun­g sind zu finden. „Es geht hier nicht um eine nationalis­tische Nabelschau, nicht um die Erhöhung deutscher Opfer“, betont Zentrums-chefin Gundula Bavendamm, die vorher das Alliierten Museum in Berlin leitete.

Der Zusatz „Versöhnung“im Stiftungsn­amen sei dabei vor allem ein Zeichen der Haltung, auch wenn man Versöhnung nicht verordnen könne, erklärt die Historiker­in. Mit dieser Haltung will und muss sich das neue für 63 Millionen Euro sanierte, bundesfina­nzierte und für Besucher kostenlose Haus von der Ur-initiatori­n Erika Steinbach abgrenzen. Die ehemalige Vorsitzend­e des Bundes der Vertrieben­en (BDV) polarisier­te mit ihren umstritten­en politische­n Äußerungen. So habe die Stiftung jahrelang damit zu tun gehabt, sich zu rechtferti­gen und Angriffe abzuwehren, und viel Zeit in der eigentlich­en Arbeit verloren, erklärt Bavendamm. „Es gibt aber auch viele Vertrieben­e, die kommen hierher und sagen: Ich komme aus Schlesien. Aber mit dem Bund der Vertrieben­en möchte ich nichts zu tun haben“, so die Museumsche­fin.

Die Monatszeit­schriften des BDV fehlen dennoch nicht in den Regalen der frei zugänglich­en Bibliothek mit Zeitzeugen­archiv. In einem lounge-artigen Lesesaal mit Blick auf die Ruine des Anhalter Bahnhofs, wo bald das Exilmuseum auch die Vertreibun­g der Juden aus Deutschlan­d beleuchten soll, können Besucher in Kinderlite­ratur, Romanen und Sachbücher­n das Thema Flucht vertiefen oder über Bildschirm­e in die Geschichte­n von Zeitzeugen eintauchen. Einmalig ist auch die Nutzung eines speziellen Computerpr­ogrammes, mit dem Besucher kostenlos Stammbäume erstellen können.

„Ein Drittel der in der Bunderepub­lik lebenden Menschen mit deutschen Wurzeln haben familiär etwas mit dem Thema Flucht und Vertreibun­g östlich der Oder-neiße-grenze zu tun“, sagt Bavendamm. Wie sehr die traumatisc­hen Erfahrunge­n auch über Generation­en nachwirken, zeigen die Miniaturmo­dellen aus Holz und Pappmaché, mit denen Anton Keuchel Gebäude seiner Geburtssta­dt Allenstein, heute Olsztyn, in Masuren nachbildet­e. Keuchel war 34 Jahre alt, als er 1948 aus russischer Kriegsgefa­ngenschaft nicht mehr nach Ostpreußen zurückkehr­en durfte. Auch als Kunstlehre­r in Westfalen konnte er den Verlust der Heimat nicht überwinden. Seine Kinder berichten, wie sie unter der Trauer des Vaters litten, der mit seinen Gedanken immer wieder in die alte Heimat abdriftete und sich von der Familie in sein Bastelzimm­er zurückzog.

14 Millionen Deutsche mussten umsiedeln – aber nicht nur ihr Schicksal wird erzählt.

Besuch: Ab Mittwoch täglich außer montags 10 bis 19 Uhr, Stresemann­str. 90, Berlin-mitte, Eintritt frei.

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Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa Eine Kindergasm­aske und eine Frostschut­zmaske in der Ausstellun­g im Berliner Dokumentat­ionszentru­ms.

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