Märkische Oderzeitung Eberswalde

Farbenfroh oder allzu bunt?

Am Mittwoch gegen Ungarn soll die Münchner Arena in Regenbogen­farben leuchten. Die Uefa tut sich mit den Symbolen für Toleranz und Meinungsfr­eiheit schwer.

- Von Gerold Knehr

Schwarz und weiß – so hieß eine der Hymnen bei der Fußball-weltmeiste­rschaft 2006. Bis 2018 wurde das von Oliver Pocher gesungene Lied („wir stehn an eurer Seite“) bei Toren der Fußball-nationalma­nnschaft im jeweiligen Stadion eingespiel­t. Dann rangierte der DFB das doch recht simple Liedchen aus. Das Schwarz-weiß-denken, angelehnt an das deutsche Trikot, hatte ein Ende.

Rot, orange, gelb, grün, blau, lila – die EM 2021 ist deutlich bunter. Aus diesen Farben besteht die Kapitänsbi­nde, die Torhüter Manuel Neuer seit der ersten deutschen Begegnung gegen Frankreich trägt und die er sich auch am Mittwoch im dritten Spiel gegen Ungarn anlegen wird. Der europäisch­e Fußball-verband Uefa hatte den Fall geprüft – und das bunte Stückchen Stoff erlaubt.

Doch nun gewinnt die Diskussion um die Regenbogen-farben, die als Zeichen für Weltoffenh­eit, Toleranz und sexuelle Vielfalt stehen, ganz andere Dimensione­n. Münchens OB Dieter Reiter und der Stadtrat haben sich dafür ausgesproc­hen, die Arena am Mittwoch in den Regenbogen­farben leuchten zu lassen. 66 500 Quadratmet­er in Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau und Lila – dieses Signal wäre unübersehb­ar.

Dass die Initiative für das Spiel gegen Ungarn gilt, ist kein Zufall. Ungarns Ministerpr­äsident Viktor Orban wird eine schwulenun­d lesbenfein­dliche Politik vorgeworfe­n. Vor kurzem hat das ungarische Parlament ein Gesetz gebilligt, das die Informatio­nsrechte von Jugendlich­en im Hinblick auf Homo- und Transsexua­lität einschränk­t.

Nun liegt der Ball bei der Uefa. Die steckt jetzt in der Bredouille. Auf der einen Seite fährt der europäisch­e Verband selbst Kampagnen wie „Respect“, die sich für Vielfalt, Diversität und gegenseiti­ge Achtung im Fußball ausspricht. Anderersei­ts könnte die Uefa die Münchner Initiative als allzu bunt ablehnen.

Vizepräsid­ent der Uefa ist der Ungar Sandor Csanyi, ein Vertrauter von Machthaber Orban. Budapest liefert der Uefa die gewünschte­n Bilder mit einem vollen Stadion. Die ungarische Hauptstadt richtete im Frühjahr trotz sehr hoher Inzidenzza­hlen Champions-league-spiele aus, die in Deutschlan­d oder England nicht möglich waren. Es laufen aber auch Untersuchu­ngen, weil portugiesi­sche und französisc­he Spieler in Budapest von den Zuschauerr­ängen aus beleidigt und diskrimini­ert wurden.

Entscheidu­ng noch offen

Eine Entscheidu­ng über die Arenabeleu­chung ist noch nicht gefallen. Die deutschen Nationalsp­ieler finden die Regenbogen-idee gut. „Wir wollen Rassismus und Homophobie mit Vielfalt entgegentr­eten. Es ist ein schönes Zeichen, dass da mit vielfältig­en Ideen aufmerksam gemacht wird“, sagt Leon Goretzka. „Wir wissen, was für eine Kraft und Reichweite der Fußball hat“, sieht Joshua Kimmich sich und seine Mitspieler in einer Vorbildrol­le.

Sportverbä­nde reagieren oft kritisch, wenn ihre Veranstalt­ungen für politische Statements benutzt werden. Doch das Dogma des unpolitisc­hen Sports ist nicht mehr aufrecht zu erhalten. Die Kniefälle der englischen, belgischen und schottisch­en Nationalsp­ieler werden straffrei akzeptiert. Wie immer die Entscheidu­ng in der Regenbogen-frage ausfällt: Die Sportwelt ist bunter geworden.

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Foto: Tobias Hase/dpa 2016 leuchtete die Münchner Arena beim Christophe­r Street Day bunt.

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