Märkische Oderzeitung Eberswalde

Lokführer drohen mit Streiks – was das für Reisende bedeutet

Die angekündig­ten Arbeitsnie­derlegunge­n der Lokführer könnten mitten in die Reisezeit fallen. Worum es geht und warum die Gewerkscha­ft GDL nicht nachgibt.

- Von Dorothee Torebko Claus Weselsky Gdl-vorsitzend­er

Badehose und Sonnenbril­le einpacken, los geht’s: Für viele Deutsche steht der Urlaub an. Im zweiten Pandemie-sommer freuen sie sich viele auf Entspannun­g. Die Deutsche Bahn (DB) will vom Reisefiebe­r profitiere­n und hat besonders günstige Tickets in den Verkauf gebracht. Doch die Gewerkscha­ft Deutscher Lokomotivf­ührer (GDL) könnte dem Konzern das Geschäft kaputt und vielen Bahn-kunden einen Strich durch die Pläne machen. Zwischen Gewerkscha­ft und Db-spitze tobt ein Machtkampf. Nun hat die GDL Streiks angekündig­t.

Worum geht es? Seit Monaten sind Deutsche Bahn und Lokführer im Clinch. Mittlerwei­le gab es vier Verhandlun­gsrunden und keine Lösung. Von der ursprüngli­chen Forderung ist die GDL abgewichen. Sie fordert für 2021 eine Lohnsteige­rung von 1,4 Prozent und 2022 eine Steigerung von 1,8 Prozent. Zusätzlich soll es eine Corona-prämie von 600 Euro geben. Der Konzern bietet einen Tarifvertr­ag an, der sich an dem des öffentlich­en Dienstes im Bereich Flughäfen orientiert. Hier gäbe es erst 2022 eine Lohnsteige­rung von 1,4 Prozent und 1,8 Prozent mehr im Jahr 2023.

Warum bietet die Bahn nicht mehr? Die Bahn argumentie­rt mit massiven Schulden. 2020 machte der Konzern 5,7 Milliarden Euro Verlust. Für gut vier Milliarden Euro sei Corona verantwort­lich. Dadurch ist der Schuldenbe­rg auf rund 30 Milliarden Euro angewachse­n. Das hat auch damit zu tun, dass Fahrgäste wegblieben. In den ICE- und Ic-zügen transporti­erte die Bahn 2020 nur 81 Millionen Fahrgäste, 2019 waren es 150 Millionen gewesen. Mit den Regionalzü­gen fuhren 38 Prozent weniger Passagiere im Vergleich zu 2019. Auch in diesem Jahr wird ein Fahrgastrü­ckgang erwartet.

Warum gibt Gdl-gewerkscha­ftsführer Claus Weselsky nicht nach? Weselsky zeigt sich als Anführer im Kampf derjenigen „da unten gegen die da oben“, wie er es formuliert. Als Sprecher des „kleinen Mannes“in den Betrieben. Die Schulden der Bahn seien nicht erst durch Corona entstanden, sondern seien auf Management-fehler der vergangene­n Jahre zurückzufü­hren. Die Bahn verschleud­ere Steuergeld, indem sie im Ausland Firmen betreibe, statt sich auf das Kerngeschä­ft im Inland zu konzentrie­ren. „Es ist Zeit, dass wir Ordnung schaffen im Konzern“, sagte Weselsky zu Beginn der Verhandlun­gen dieser Zeitung. Der Bahnführun­g warf Weselsky jüngst vor, über Medien Lügen zu verbreiten und trotz „maßgeblich­en Entgegenko­mmens“seitens der GDL zu keiner Lösung kommen zu wollen.

Worum geht es wirklich? Weselsky geht es auch um einen Machtkampf mit der Eisenbahn- und Verkehrsge­werkschaft (EVG). Dabei spielt das Tarifeinhe­itsgesetz eine Rolle. Bis Ende 2020 machten die verfeindet­en Gewerkscha­ften Tarifvertr­äge separat mit der Bahn aus. Das geht seit Januar nicht mehr. Das Tarifeinhe­itsgesetz gibt vor, dass in den Betrieben mit mehreren Arbeitnehm­erorganisa­tionen der Tarifvertr­ag der größeren Gewerkscha­ft gilt. In den meisten Betrieben hat die EVG das Sagen. Die GDL fürchtet, durch das Gesetz von der EVG verdrängt zu werden. Durch hartes Verhandeln mit der Bahn-spitze will Weselsky neue Mitglieder werben und damit mehr Macht gewinnen.

Zugleich geht die GDL gegen das Tarifeinhe­itsgesetz vor Gericht vor. Die Gewerkscha­ft klagt in 18 Fällen. Vier Niederlage­n haben die Lokomotivf­ührer schon kassiert. „Diese Prozesslaw­ine stellt eine sinnlose Verschwend­ung von Ressourcen dar. Die Gdl-spitze verweigert sich auch hier der Realität“, sagte der Hauptgesch­äftsführer des Arbeitgebe­rverbands Move, Florian Weh. Die Bahn setze mit dem Gesetz geltendes Recht um. Eine Bahn-sprecherin forderte die GDL auf, an den Verhandlun­gstisch zurückzuke­hren. „Eine Einigung bleibt möglich und ist eigentlich zum Greifen nahe“, sagte die Sprecherin.

Die Streiks werden länger und härter.

Was sagen die Bahnfahrer? Grundsätzl­ich hat der Ehrenvorsi­tzende des Fahrgastve­rbands Pro Bahn, Karl-peter Naumann, Verständni­s für die GDL: „Jede Gewerkscha­ft hat das Recht zu streiken. Dass es in einem Unternehme­n einen Wettbewerb zwischen zwei Gewerkscha­ften gibt, ist gut für die Arbeitnehm­er.“Doch man müsse die Corona-situation beachten und den Beginn der möglichen Reisewelle. Da müsste die GDL „behutsam vorgehen“, um den Arbeitskam­pf nicht „auf dem Rücken von Fahrgästen auszutrage­n“.

Sollten Bahnkunden aufs Auto umsteigen? „Die Streiks werden länger und härter als in der Vergangenh­eit“, kündigte GDL-CHEF Weselsky jüngst an. Wer langfristi­g planen wolle, habe es schwer, vermutet Pro-bahn-ehrenvorsi­tzender Naumann. Denn die GDL kündige Arbeitsnie­derlegunge­n stets sehr kurzfristi­g an. Ein Sprecher der GDL bestätigte dieser Zeitung, dass Streiks 24 Stunden im Voraus bekannt gemacht würden. Wann es zum Arbeitskam­pf komme, sei aber noch unklar. „Bei Streiks war die Bahn aber bisher kulant. Zur Not können Reisende auch auf den Flixbus umsteigen“, sagt Naumann.

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Foto: Boris Roessler/dpa An diese Anzeigetaf­el könnten sich Bahnreisen­de im Sommer gewöhnen müssen.

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