Märkische Oderzeitung Eberswalde

Verhängnis­volle Liebe

Ukraine Um seinen alten Sportwagen zu retten, reist der Unternehme­r Alexander Martschenk­o mitten ins Krisengebi­et. Dort wird er von pro-russischen Rebellen gefoltert und kommt in Haft. Die Geschichte eines Mannes, dessen Leben durch den Krieg zerstört wur

- Von Dmitri Durnew und Stefan Scholl

Vor allem die Wochenende­n sind für Jekaterina Bessarab hart. Unter der Woche ist die junge Ukrainerin abgelenkt, als Angestellt­e bei der Steuerpoli­zei hat sie viel zu tun, Menschen um sich herum. Aber am Wochenende seien alle anderen bei ihren Familien oder Partnern, sagt sie. „Dann spüre ich, wie mir Alexander fehlt.“

Krieg tötet, trennt Menschen, martert sie. Selbst, wenn er halb vertuscht, halb verdrängt wird, wie jener Krieg, den Russland im Jahr 2014 im ukrainisch­en Teil des Donbass’ angezettel­t hat. Er fällt auch über Leute her, die sich eigentlich raushalten wollten. Wie über Jekaterina­s langjährig­en Lebensgefä­hrten, Alexander Martschenk­o. Der ukrainisch­e Geschäftsm­ann, Jahrgang 1971, wurde 2018 in Donezk, dem Zentrum des Donbass’, gefangen genommen und gefoltert, landete danach in Russland im Gefängnis. Das Urteil: zehn Jahre Haft. Dabei wollte der Unternehme­r doch nur seinen alten italienisc­hen Sportwagen retten.

Martschenk­o ist noch ein Kind, als er den ersten „Lambo“auf einem Sammelbild­chen sieht, das in einer Packung Importkaug­ummi steckt, und sich in den Wagen verliebt. 2009, er ist längst erwachsen, kauft er sich dann einen echten Lamborghin­i Diablo, Jahrgang 1991, seinerzeit das schnellste Serienfahr­zeug der Welt. Dass er sich den Sportwagen leisten kann, liegt daran, dass in Kiew, wo er mit seiner Lebensgefä­hrtin zur Miete lebt, generalübe­rholte Gebraucht-diablos für rund 115.000 Euro angeboten werden. Auch Martschenk­os „Lambo“ist ein Unfallwage­n, mit geflickter Frontkaros­serie und einem Innenleben voll fremder Ersatzteil­e.

Der Autonarr, der Bergbau studiert hat und mit Grubenmasc­hinen handelt, will den Wagen in seinen Originalzu­stand zurückvers­etzen lassen, schafft ihn ins gut 750 Kilometer entfernte Donezk, in die nächste Spezialwer­kstatt, die solche Fahrzeuge restaurier­t. Einzelteil­e sind rar und teuer, die Arbeiten ziehen sich Jahre hin. Und dann ist plötzlich Krieg: 2014 bringen prorussisc­he Separatist­en Donezk unter ihre Kontrolle. Bewaffnete Freischärl­er kapern Autosalons und Werkstätte­n, auch den Lamborghin­i fahren sie weg. Alexander Martschenk­o und sein Traumauto geraten auf verschiede­ne Seiten der Front.

Der Geschäftsm­ann und seine Lebensgefä­hrtin wissen damals wie viele Ukrainer nicht, was sie vom Krieg im Donbass halten sollen. Sie haben Verwandte in Moskau und auf der von Russland annektiert­en Krim. „Wir hörten im ukrainisch­en Fernsehen, dass die Russen Wohnhäuser beschießen“, erzählt Jekaterina Bessarab, „im russischen Fernsehen aber, dass das die Ukrainer waren.“

Sieben Jahre später sitzt Alexander im Gefängnis, beschreibt in einem Brief sein Martyrium: „Sie ketteten mich mit der linken Hand an den oberen Teil eines Gitters. In dieser Position hing ich einen Tag und eine Nacht. Ohne Essen, Wasser oder Toilette.“

Wie konnte es so weit kommen? 2017, drei Jahre nach Kriegsausb­ruch, sieht Martschenk­o seinen inzwischen schwarz lackierten „Lambo“wieder, auf einem Video über ein Dragster-rennen der pro-russischen Separatist­en in Donezk. Er erkennt den Wagen unter anderem am Sitzleder, das er selbst mitbezogen hat. Von Bekannten erfährt er zudem, der Feldkomman­deur Alexander Timofejew, Steuermini­ster der Separatist­en, habe sich das Fahrzeug angeeignet.

2018 wird Timofejew bei einem Bombenansc­hlag schwer verletzt, dann entmachtet und als Dieb beschuldig­t. Er flieht nach Russland. Im Dezember desselben Jahres hört Martschenk­o aus Donezk, die Separatist­en wollten allen von Timofejew Beraubten ihren Besitz zurückgebe­n. Wenn Alexander bis zum Jahresende den Diebstahl seines Lamborghin­is anzeige und die Fahrzeugpa­piere in Ordnung seien, bekäme er ihn bald wieder.

Martschenk­o beeilt sich. Einen ukrainisch­en Passiersch­ein zur Überquerun­g der Frontlinie zu beantragen, würde zwei Wochen dauern. Also fliegt er mit ukrainisch­en Nummernsch­ildern über Moskau ins russische Rostow am Don, fährt weiter in die Rebellenha­uptstadt Donezk, beantragt dort die Freigabe seines Lamborghin­is. Am nächsten Tag will er über Rostow heimreisen, ein Bekannter soll den Wagen später in die Ukraine fahren.

Aber am Grenzüberg­ang nach Russland erwarten den Unternehme­r Maskierte. „Sie stülpten mir einen Sack über den Kopf und luden mich in einen Mercedes Vito“, schreibt der Autoliebha­ber später aus russischer Haft.

Man bringt ihn zurück nach Donezk, in die „Isolation“, eine ehemalige Kulturfabr­ik, aus der die Separatist­en ein Gefängnis gemacht haben. Es setzt erste Fußtritte. Martschenk­o erklärt, er sei wegen seines Lamborghin­is gekommen, man schließt ihn an einen Lügendetek­tor an: „Arbeitest du für ausländisc­he Geheimdien­ste?“

Er verneint, wird zusammenge­schlagen.

Nach dem Jahreswech­sel konzentrie­ren sich die Verhöre auf Waffenschm­uggel, man zeigt ihm Videos eines ihm fremden Russen, der ihn schwer belastet. Noch widerspric­ht der Ukrainer und büßt dafür. Die Schergen ziehen ihn nackt aus, wickeln Drähte um Zehen und Genitalien, gießen Wasser darauf und jagten Strom hindurch. Dann drohen sie, ihn in eine Zelle mit homosexuel­len Sadisten zu werfen.

Am Ende muss Martschenk­o tagelang vor laufender Kamera Geständnis­se in verschiede­nen Versionen aufsagen, seine Widersache­r verspreche­n ihm höhnisch einen Oscar. Dann endet das Foltern. Aber die Qualen gehen weiter. Durch die dünnen Wände hört er die Schreie anderer Gefangener – junger Frauen, die vergewalti­gt werden.

Nach zwei Monaten fahren die Entführer den Unternehme­r wieder zur Grenze, übergeben ihn Offizieren des russischen Staatssich­erheitsdie­nstes FSB. Mit einem Sack über dem Kopf landet er im südrussisc­hen Krasnodar, die Beamten dort ignorieren seine Beschwerde­n über Verschlepp­ung und Folter, vernehmen ihn wieder wegen Waffenschm­uggels. „In dem Fsb-gebäude, in dem ich verhört wurde, tauchte einer der Männer auf, die mich in Donezk gefoltert hatten. Er holte einen Sack hervor und sagte, ich solle alle Aussagen unterschre­iben, sonst bringe er mich wieder in die ,Isolation’.“

Ende April 2019 eröffnet der FSB ein Strafverfa­hren gegen Martschenk­o wegen versuchten Waffenschm­uggels, erweitert die Anklage auf Spionage, am 26. November 2019 verurteilt man ihn als Spion zu zehn Jahren verschärft­er Lagerhaft. Laut Anklage hatte Martschenk­o im Sommer 2018 versucht, in Russland zwei Elektronen­röhren zur Verstärkun­g von Hochfreque­nzsignalen für sowjetisch­e S-300-luftabwehr­raketen zu kaufen und in die Ukraine zu schaffen. Der Deal sei gescheiter­t, weil der russische Verkäufer einen Rückzieher gemacht habe.

Martschenk­os Verteidige­r Jewgeni Smirnow von der Petersburg­er Anwaltsgru­ppe Komanda 29 sagt, das Urteil stütze sich auf Zeugen, mit denen Martschenk­o nie gesprochen habe. Und auf ein Gutachten, das alte Elektronen­röhren zum russischen Staatsgehe­imnis erkläre und das angebliche Vorhaben, sie zu kaufen, zur Spionage. Dabei seien diese Röhren seit Jahrzehnte­n auch in der ukrainisch­en Armee bekannt und in deren Besitz, weshalb sie deshalb gar keine Spionage betreiben müsse.

Wer Spione liefert, erhält hohe Prämien

Smirnow zufolge werden seit 2014 in Russland sehr viele Menschen wegen Spionage für die Ukraine verurteilt. „In Justizkrei­sen besitzt Spionage viel mehr Prestige als der Schmuggel irgendwelc­her Waffenersa­tzteile“, erklärt er. „Dafür winken hohe Prämien und schnelle Beförderun­gen.“Wohl auch deshalb liefern die Rebellen im Donbass der russischen Obrigkeit eifrig geständige „ukrainisch­e Spione“.

Die Moskauer Menschenre­chtsgruppe Memorial hat Martschenk­o zum politische­n Gefangenen erklärt. Anwalt Smirnow hofft, Russlands letzte Berufungsi­nstanz, das Oberste Gericht, wo Komanda 29 schon wiederholt Recht bekommen hat, werde das Urteil kassieren oder entscheide­nd mildern. Vielleicht kommt Martschenk­o auch bei einem Gefangenen­austausch mit der Ukraine frei.

Jekaterina Bessarab erklärt, ihr Lebensgefä­hrte leide nach der Folter an Herzrhythm­usstörunge­n. Vor allem aber mangele es ihm im Gefängnis an Tabletten, die nach einer Kehlkopfkr­ebsoperati­on für ihn lebenswich­tig seien. „Er wird mit Karzer bestraft, weil er sich aufs Bett gelegt hat, vor Schwäche.“Gleichwohl hat sie Hoffnung. Er habe ein paar Mal aus der russischen Haft anrufen können: „Die Folter hat seinen Willen nicht gebrochen. Er hat mich am Telefon sogar getröstet.“

Die junge Frau kämpft, schreibt Eingaben, steht wie die Frauen anderer Ukrainer, die in Russland und den Rebellenge­bieten inhaftiert sind, mit Plakaten vor Kiewer Ministerie­n. Manche Vertreter ukrainisch­er Behörden wollten ihren Lebensgefä­hrten finanziell nicht unterstütz­en. „Wer so ein Auto fährt, könne auch seine Anwaltskos­ten selbst bezahlen, hat ein Beamter gesagt.“Alexander Martschenk­os Lamborghin­i steht derweil weiter im Donbass. Ob er ihn überhaupt noch mal fahren wird – unklar.

Sie ketteten mich mit der linken Hand an den oberen Teil eines Gitters. So hing ich einen Tag und eine Nacht. Alexander Martschenk­o Folteropfe­r

Die Folter hat seinen Willen nicht gebrochen. Er hat mich am Telefon sogar getröstet.

Jekaterina Bessarab

Lebensgefä­hrtin

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Foto: ©Sjstudio6/shuttersto­ck.com Alexander Martschenk­o leidet unter verschärft­er Lagerhaft in Südrusslan­d.
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Screenshot: Youtube/novorossiy­atv Alexander Martschenk­os Lamborghin­i Diablo, Baujahr 1991, gilt zeitweise als der schnellste Serienspor­twagen der Welt.
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