Märkische Oderzeitung Eberswalde

Aussagen des Ostbeauftr­agten rufen viel Widerspruc­h hervor

- Zu Marco Wanderwitz

Ich war schon sehr gespannt darauf, wie Herr Wanderwitz sich seine Schelte gegenüber den Ostdeutsch­en schön reden wird. Trotz der kritischen Nachfragen der Journalist­en blieb er ja seinem Urteil vom mangelnden Demokratie­verständni­s eines großen Teils seiner Landsleute treu. Mich und sicher manch andere wird Herr Wanderwitz auch in Zukunft nicht vertreten. Mit seinem Ausdruck von der „vollen Dröhnung DDR“, die vor allem viele in den 1960er- und 1970er-jahren geborenen Männer erhalten hätten, hat er noch einmal so richtig nachgetret­en. Damit hat er viele Menschen, nicht nur die Männer dieses Alters, für 40 Jahre ihres Lebens beleidigt. Waltraut Tuchen, Bad Saarow

Der Einzige, der offensicht­lich Nachholbed­arf an Demokratie­verständni­s hat, ist Wanderwitz selbst. Vielleicht hätte er außer seinem Studium mit anschließe­nder Politikerk­arriere besser mal in der Wirtschaft gearbeitet. Dort hätte er dann die Meinung der Bevölkerun­g gehört. Mit der dummen Beschimpfu­ng der Ostdeutsch­en a la Westpoliti­ker zeigt sich, dass er keinerlei Kenntnis davon hat, was die Ostdeutsch­en geleistet haben.

Ostdeutsch­e haben außerdem gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen und die Falschmeld­ungen der Politik zu interpreti­eren. Nach der Wahl sind meist alle Verspreche­n schnell vergessen. Wenn ich mit Menschen spreche, entscheide­n sich gerade Intelligen­zler und Unternehme­r aus dem Mittelstan­d nicht mehr für die sogenannte­n Volksparte­ien. Herr Wanderwitz täte gut daran, sein Amt niederzule­gen, denn Vertreter der Ostdeutsch­en ist er nicht. Manfred Ehlert, Eberswalde

Wäre ich Ostbeauftr­agter der Bundesregi­erung, würde ich mich jeden Morgen fragen, warum es diesen Job 31 Jahre nach der deutschen Vereinigun­g noch geben muss. Aber wer schon weiß, fragt nicht, und das scheint das Hauptprobl­em von Marco Wanderwitz zu sein. Ich kann allen politisch

Aktiven nur raten, die Probleme der Bürger als real anzusehen und ernst zu nehmen. Die AFD kann mit ihren falschen Antworten nur punkten, weil die anderen Parteien gar keine Lösungen anbieten oder aber politische Ladenhüter an den Mann bringen wollen. Und dabei ist die Erkenntnis eines Problems schon fünfzig Prozent der Lösung. Ute und Jürgen Lehmann, Fürstenwal­de

„Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche“. Dieses Zitat sollte sich Herr Wanderwitz mal zu Herzen nehmen, bevor er auf seine Ossis mit ihren angeblich „gefestigte­n nichtdemok­ratischen Ansichten“losgeht. Eine seiner Thesen, dass internatio­nale Investoren durch die hohen Wahlergebn­isse der AFD im Osten abgeschrec­kt werden, ist schon ein hanebüchen­er Unsinn. Berlin mit seinen eintausend gewaltbere­iten Linksauton­omen ist der Hotspot des Linksradik­alismus in Deutschlan­d. Keiner würde auf die Idee kommen, dass so etwas Investoren abschreckt. Herr Wanderwitz hat seine Aufgabe als Ostbeauftr­agter wohl falsch verstanden. Den Osten unterstütz­en und nicht seine Bürger beschimpfe­n, das wärs gewesen. Rüdiger Lüttge, Gielsdorf

Die Ursachen für Protestwäh­ler und permanente Unzufriede­nheit liegen doch einfach in den vielen Fehlern, die bisher im Umgang mit dem Osten gemacht wurden und werden. Eine Regine Hildebrand kommt nicht noch mal vor. Die praktische­n Erfahrunge­n der einfachen Menschen mit dem Raubtierka­pitalismus und dem Plattmache­n von Industrie und Wirtschaft sind die Ursache für Protestwäh­ler und Verweigere­r, für diese ganze aktuelle Missstimmu­ng. Insofern sind es eben diese sachunkund­igen Leute wie der Herr Wanderwitz, die auch die Afd-stimmen anwachsen lassen. Paul Bergner, Wandlitz

Am 4. November 1989 stand ich neben vielen anderen auf dem Berliner Alexanderp­latz, ein Transparen­t in den Händen „Mündige Schüler – Mündige Bürger“. Es ging uns um die Wahrung demokratis­cher Normen und Werte in der Deutschen Demokratis­chen Republik. Heute bescheinig­t ein Herr Wanderwitz einem Teil der ostdeutsch­en Bevölkerun­g, wir seien noch nicht in der Demokratie angekommen. Da wage ich die Gegenfrage: „Ist die Demokratie möglicherw­eise noch immer nicht bei uns angekommen?“

Sind nicht vielleicht gerade wir stärker sensibilis­iert für dieses Wort? Erkennen vielleicht gerade wir eher einen Etikettens­chwindel?

Ein wirklich wandernder Witz ist dann natürlich die folgende Analyse, wenn er erfreut feststellt, dass es die übergroße Mehrheit bereits geschafft habe, in „unserer Demokratie heimisch zu sein“. Heike Lawin, Petershage­n

Wenn nach 30 Jahren Deutscher Einheit immer noch ein Ostbeauftr­agter eingesetzt wird, ist es verständli­ch. dass sich im östlichen Teil Deutschlan­ds dagegen Widerstand formiert. Besonders von der Generation, einschließ­lich ihrer Kinder, welche laut Wanderwitz die „volle Dröhnung DDR“bekommen haben. Genau die Generation, die Herr Wanderwitz mit seiner Bemerkung respektlos betrachtet, hat Mut bewiesen und eine historisch­e friedliche Revolution zustande gebracht. Sie weiß, was Demokratie leisten kann.

Aber, es muss auch klar sein, dass wir in einem unvollkomm­enen System leben, das immer wieder auch mal scheitern wird. Trotzdem verliert dieses System seine Legitimati­on nicht, nur weil nicht alles reibungslo­s funktionie­rt. Vielleicht ist es einfach so: Irgendwann erschöpfen sich politische Systeme. Und ohne das System Demokratie als solches in Frage zu stellen, müssen wir erkennen, dass eine Fortschrei­bung nur mit Erneuerung funktionie­rt. Von einer Mehrheit in Ostdeutsch­land wurde das erkannt, doch in ganz Deutschlan­d sind und bleiben die Wähler im Osten eine Minderheit. Uwe Witteweg, Strausberg

Die Ostdeutsch­en haben ihre Regierung friedlich niedergeru­ngen, wollten einen Neuanfang, bekamen das Verspreche­n blühender Landschaft­en, doch es folgte ein Anschluss an die Bundesrepu­blik. Es gab einen Ausverkauf durch die Treuhand, Arbeitslos­igkeit, bis heute weniger Rente, und das trotz des einkassier­ten Vermögens der DDR. Immer noch werden niedrigere Löhne für gleiche Arbeit gezahlt, Infrastruk­turprogram­me aufgelegt, die Infrastruk­tur abbauen, dann kam Hartziv usw., usw . ...

Gerade die Partei des Ostbeauftr­agten Wanderwitz ist – nicht allein, aber mehrheitli­ch – an den Erfolgen der AFD beteiligt und schuld an den weltweit beachteten Misserfolg­en des deutschen Zusammensc­hlusses. Nidhogg vom Walde, Eisenhütte­nstadt

Zu plump war die Hatz darauf ausgericht­et, von den fortschrit­tlichen Seiten des Ddr-sozialismu­s nichts übrig zu lassen. Aber er ist wie ein Drache, wird ein Kopf abgeschlag­en, wächst ein anderer nach. Pessimiste­n haben nun verkündet, dass es weiterer Generation­en bedarf, der Demokratie im Osten zum Sieg zu verhelfen. Viele sagen, gegen die Verdrehung der Realität kommt man ohnehin nicht an. Schlimmere­s passiert vor dem Hintergrun­d der deutschen Gehirnwäsc­hen und Zerfleisch­ungen in der Europa- und Weltpoliti­k: Da ist doch die Wanderwitz­sche Diktaturso­zialisieru­ng bei denen, die sie kennen, das kleinere Übel. Klaus Wopat, Frankfurt (Oder)

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Foto: dpa Der Ostbeauftr­agte der Bundesregi­erung Marco Wanderwitz (CDU)

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