Märkische Oderzeitung Eberswalde

Wenn es nach Grünkohl riecht

Energie Philipp Kiesel sorgt für eine stabile Gasversorg­ung. Nicht nur der Glasfaser-ausbau ist eine Herausford­erung, auch die Kreativitä­t von Hausbesitz­ern.

- Von Ina Matthes

In Brandenbur­g werden derzeit viele Glasfaserk­abel für schnelles Internet verlegt – und das kann riskant werden. Dann bekommt Philipp Kiesel zu tun. Der 32-Jährige ist Netzmeiste­r beim Gasnetzbet­reiber EWE Netz. „Wir haben vermehrt Beschädigu­ngen der Gasleitung­en durch Bauarbeite­n“, sagt Kiesel. Wenn ein Bagger die gelbe Gasleitung erwischt, ist das ein Fall für den EWE Netz-bereitscha­ftsdienst in der technische­n Meisterei Fürstenwal­de. Eine halbe Stunde Zeit bleibt Kiesel und seinen Kollegen höchstens, um zur Baustelle zu kommen. Sie sind für die Region um Fürstenwal­de zuständig – von Grünheide bis Frankfurt und Storkow.

Gasaustrit­t schnell stoppen

Kiesels Job ist es, einen Gasaustrit­t schnell zu stoppen, indem er etwa eine Leitung sperrt. Leckt ein Rohr im Freien, muss das nicht zu einer Explosion führen. Das Gas verflüchti­gt sich. Gefährlich kann es aber werden, wenn beispielsw­eise jemand mit offenem Feuer hantiert. Seit vier Jahren ist Kiesel im Bereitscha­ftsdienst als einer der Ersten zur Stelle, wenn Gas auszuström­en scheint – um einen möglichen Gasaustrit­t schnell zu stoppen und Schlimmere­s zu verhindern. Ein Feuer etwa. „Das habe ich zum Glück noch nicht erlebt.“Auch bei Hausbrände­n wird Kiesel von der Feuerwehr gerufen. Dann gräbt er vor dem Hausanschl­uss eine Grube und trennt die Leitung zur Sicherheit ab. Die Kunststoff­rohre quetscht er dabei mit einer Vorrichtun­g in der Erde ab wie ein Arzt eine Ader.

Kiesels schwierigs­ter Einsatz liegt fünf Wochen zurück. Da war bei Tiefbauarb­eiten eine Leitung beschädigt worden, die 100 Haushalte belieferte. Die Gasversorg­ung musste über Nacht bis zum Nachmittag des nächsten Tages unterbroch­en werden. Beschwerde­n hört Philipp Kiesel kaum, wenn so etwas passiert. „Bei Störungen am Gasnetz sind die Leute verständni­svoll und sensibel.“Einen vermuteten Gasaustrit­t nehmen viele sehr ernst. Etwa 20 Prozent der Einsätze, zu denen der gelernte Anlagenmec­haniker gerufen wird, sind falscher Alarm. Hausbesitz­er riechen Gas – dabei müffelt nur ein Abfluss oder der Geruch vom Grünkohlko­chen hängt in der Wohnung. In Brandenbur­g wird der stechende Gasgeruch nach Kiesels Erfahrung oft mit gekochtem Grünkohl verwechsel­t. Gasversorg­er versetzen das geruchlose Erdgas mit einer Art Parfüm, damit es bemerkt wird, wenn es ausströmt.

Für diesen irrtümlich­en Alarm wird niemand zur Kasse gebeten. Anders als für Schäden an der Gasleitung beim Baggern. Dafür haften die Verursache­r. Private Bauherren, die etwa eine Garage oder einen Carport bauen oder Zaunpfoste­n setzen wollen, sollten sich deshalb vorab die Leitungspl­äne besorgen. Diese gibt es kostenfrei über die Webseite ewe-netz.de oder in den Meistereie­n des Unternehme­ns. Die Pläne sind nicht nur wichtig, um Schäden vorzubeuge­n. Gasleitung­en in der Erde dürfen auch nicht überbaut werden. Ebenso wenig wie Gasrohre im Haus als Wäschelein­e oder Aufhängung für Werkzeug taugen. Auch das ist Philipp Kiesel bei seiner Arbeit schon untergekom­men. Eine stetige Belastung könnte die Leitung abreißen lassen.

Alle zwölf Jahre kontrollie­rt EWE Netz routinemäß­ig Leitungen in den Häusern. Die Besitzer sollten aber auch selbst einen Blick darauf haben oder bei einer Heizungswa­rtung den Fachmann nachschaue­n lassen. Die gelben Kunststoff­leitungen, die durch die Orte und bis zu den Häusern führen, werden im Vier-jahresrhyt­hmus auf Lecks geprüft.

Wenn der 32-Jährige Bereitscha­ftsdienst hat, dann ist er eine Woche lang rund um die Uhr standby und über Pieper, Handy und Festnetzte­lefon zu erreichen. Kiesel und vier seiner sechs Kollegen aus der Meisterei teilen sich diese Dienste. Jeder ist in der Regel eine Woche im Monat dran. „Es ist schwierig geworden, Leute zu finden, die im Bereitscha­ftsdienst arbeiten und im Versorgung­sgebiet leben wollen.“Der Netzbetrei­ber bildet auch aus diesem Grund seit vier Jahren in Brandenbur­g junge Männer und Frauen aus. Zuvor war die Ausbildung am Hauptsitz in Oldenburg angesiedel­t. Zwei Azubis lernen derzeit in der Fürstenwal­der Meisterei. Philipp Kiesel ist von Berlin für seinen Job ins Umland gezogen. Der Bereitscha­ftsdienst ist verantwort­ungsvoll, stressig. Kiesel ist manchmal bis zu zehn Stunden unterwegs. Aber er macht diese Arbeit gerne. „Es ist nicht alltäglich, was ich in meiner Arbeit erlebe.“

Einer von Kiesels Kollegen wurde einmal gegen 23 Uhr alarmiert. Der Klassiker: Bei Bauarbeite­n war eine Leitung leck geschlagen. Eine Familie hatte im Garten den Hund begraben – und die Gasleitung erwischt.

Gasleitung taugt nicht als Wäschestän­der.

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Foto: Nadine Auras/ewe Routine-check: Philipp Kiesel kontrollie­rt eine Pumpe in einem der großen Heizhäuser. Auch bei einer Havarie im Fernwärmen­etz wird der Bereitscha­ftsdienst aktiv.

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