Märkische Oderzeitung Eberswalde

„Kein harmloses Vergnügen“

Der Kriminolog­e Christian Pfeiffer warnt vor zu intensivem Konsum. Mit brutalen Gewaltdars­tellungen wächst die Angst.

- Von Elisabeth Zoll

Die Liebe zu Fernsehkri­mis hat auch Christian Pfeiffer nicht verloren. Doch der Blick des langjährig­en Leiters des Kriminolog­ischen Forschungs­instituts Niedersach­sen gilt auch den Auswirkung­en dieser Filme. Vor kurzem hat er eine neue Studie dazu verfasst. Sie offenbart eine tiefe Kluft zwischen der gespielten und der realen Welt.

Herr Pfeiffer, allabendli­ch werden uns Krimis auf fast allen Tv-kanälen präsentier­t. Hat das Folgen?

Ja, wir haben in einer Studie untersucht, wie sich die Wahrnehmun­g von Menschen verändert, die sehr viele Krimis schauen. Ob sie die Gefährlich­keit der Welt anders einschätze­n, ihre Angst vor Mord und Todschlag zunimmt. Das hat sich in unserer Untersuchu­ng klar bestätigt. Je mehr Zeit Menschen mit visuellem Mord und Todschlag verbringen, desto eher glauben sie, dass diese Delikte zunehmen.

Damit ist das abendliche Gruselverg­nügen nicht mehr harmlos . . .

Nein, keineswegs. Denn Menschen verändern auch ihre kriminalpo­litischen Vorstellun­gen. Sie fordern mehr Härte. Wir sahen auch: Werden eher Privatsend­er bevorzugt, die Brutalität stärker zelebriere­n, und werden solche Filme intensiv konsumiert, dann orientiert sich die Vorstellun­g von der realen Welt an diesen Szenarien. Kaum jemand weiß, dass seit der Wiedervere­inigung in Deutschlan­d die Zahl der Schusswaff­en-tötungen um etwa 80 Prozent abgenommen hat. Kaum jemand bedenkt, dass Sexualmord­e in den vergangene­n 30 bis 40 Jahren um 90 Prozent zurückgega­ngen sind. Der Eindruck, dass alles gefährlich­er wird, ist grundfalsc­h. Je schwerer die Delikte sind, desto stärker ist der Rückgang. Die einzige Ausnahme: Während Covid-19 hat die innerfamil­iäre Gewalt zugenommen.

Aber könnte man die Gruselgesc­hichten der heutigen Zeit nicht auch anders lesen: Die Staatsmach­t ist stark, denn am Ende der Krimis siegt das Gute?

Natürlich. Auch das gibt es. Doch die meisten Zuschauer identifizi­eren sich mit den Opfern. Und deren Leiden werden in manchen Filmen sehr, sehr detaillier­t präsentier­t. Ein Hinweis sind Altersempf­ehlungen im Vorspann. Bei Krimis ab 16 Jahren dominiert oft die exzessive Lust am Zeigen von Brutalität. Das löst Ängste aus. Selbst der „Tatort“ist brutaler geworden. Von anderen Krimis ganz zu schweigen.

Sind Krimi-konsumente­n dem Grusel ausgeliefe­rt?

Nicht alle. Wir wissen: Je höher der Bildungsgr­ad, desto weniger werden die Menschen von solchen Filmen überforder­t. Sie scheinen Schutzmech­anismen zu haben. Je niedriger die Bildung und je höher das Alter, desto eher färben diese Filme auf das eigene Grundgefüh­l ab. Dann entsteht Unsicherhe­it. Wir haben festgestel­lt, dass Menschen in Ostdeutsch­land häufiger private Tv-sender bevorzugen und sie eine größere Neigung zu brutalen Filmen haben. Ich glaube, wer eine vernünftig­e Mitte hält zwischen solider Informatio­n und der Zeit für Krimis und sich nicht abkoppelt vom realen Leben, der ist geschützt. Das bedeutet, dass Ältere und Schwächere mit weniger Außenkonta­kten eher gefährdet sind.

Was macht den Reiz am Grusel vom Sofa aus?

Die Spannung, in die man versetzt wird.

Welchen Niederschl­ag auf unser Staatsvers­tändnis hat der Fakt, dass am Ende des Krimis die Schurken meist gefasst werden?

Einen positiven. Wenn wir wahrnehmen, dass ein Verbrecher gefasst wird und vor Gericht kommt, stellt sich das Gefühl ein: Die Welt ist in Ordnung, die Polizei hat die Sache im Griff. Deshalb sehe ich mit Sorge, dass ein Teil der Gewaltfilm­e genau dieses Happy-end gar nicht mehr bietet. Das könnte abfärben und zu Fehleinsch­ätzungen im politische­n Bereich führen. Es könnte Kräfte wie die AFD stärken, die von Übertreibu­ngen lebt. Deren kriminalpo­litische Aussagen basieren auf Ängsten. Damit lassen sie Law-and-order-maßnahmen als einzig Rettendes erscheinen.

Filme zeigen uns die Exotik fremder Milieus. Wir sind nicht selten konfrontie­rt mit Minderheit­en wie Migranten oder psychisch Kranken. Verändert das unseren Blick?

Eindeutig ja. Alles, was einseitig übertreibe­nd dargestell­t wird, verändert unseren Blick. Da arbeitet Fernsehen Hand in Hand mit Boulevardm­edien. Ich habe schon die Angst, dass der lange Lockdown etwas verschoben hat. Die Rückkehr zur Normalität kann da etwas zurechtrüc­ken.

Schauen Sie selbst noch Krimis?

Ja. Auch aus Neugierde, weil es mein Forschungs­thema ist. Doch gut gemachte Krimis sind spannend. Ich lese Krimis und ich schaue sie. Aber beides in einem überschaub­aren Maß.

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Dauergast im deutschen Fernsehen: Krimis der Reihe „Tatort“
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Foto: dpa Die Coquerel-sifaka „Ziggy“und „Justa“sind künftig in Köln zu Hause.
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Foto: Henning Kaiser/dpa Der Kriminolog­e Christian Pfeiffer.

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