Märkische Oderzeitung Eberswalde

Gute Absichten, fatale Bremsen

Interview Mit Barbara Eschen verabschie­det sich die Stimme der Diakonie in Berlin und Brandenbur­g in den Ruhestand. Zuvor spricht die Theologin über Erfolge, Enttäuschu­ngen und die Rolle der Kirche.

- Von Markus Geiler

Sie war Lobbyistin für die Ausgegrenz­ten, sozial Schwachen, für die Menschen an den Rändern der Gesellscha­ft. Nach sieben Jahren als Direktorin des Diakonisch­en Werks Berlin-brandenbur­g-schlesisch­e Oberlausit­z geht Barbara Eschen nun in den Ruhestand. Verabschie­det wird die Chefin von 52.000 Mitarbeite­rinnen und Mitarbeite­rn am Sonntag in einem Gottesdien­st in der Kaiser-wilhelm-gedächtnis­kirche.

Frau Eschen, Sie kamen 2014 aus dem nordhessis­chen Schwalmsta­dt nach Berlin. Wie haben Sie die Stadt damals wahrgenomm­en?

Die erste große Herausford­erung waren damals die Flüchtling­e, die auf dem Oranienpla­tz in Kreuzberg protestier­ten, unterstütz­t von vielen Menschen. Da ging es um die Abschiebun­gen innerhalb Deutschlan­ds und Europas. Das war eine sehr brisante Situation, die zu eskalieren drohte, und meine Vorgängeri­n Susanne Kahl-passoth und Caritas-direktorin Ulrike Kostka hatten einen Runden Tisch ins Leben gerufen, an dem auch die Flüchtling­e und der Berliner Senat einen Platz haben sollten, um der Eskalation zu begegnen. Da war auch die evangelisc­he Kirche mit Vermittlun­gsbemühung­en beteiligt. Das war so der erste Eindruck, dass wir hier mit erhebliche­n gesellscha­ftlichen Herausford­erungen konfrontie­rt sind. Und wo wir uns als Diakonie und als Kirche, finde ich, sehr gut eingebrach­t haben, weil wir einerseits für die Menschen eingetrete­n sind, aber auch zur Deeskalati­on beigetrage­n haben. Mein erster Eindruck war aber auch, dass es hier eine sehr kooperativ­e Zusammenar­beit über Grenzen von Religion und Konfession hinweg gibt. Das war mein Einstieg.

Obdach- und Wohnungslo­sigkeit ist ein wachsendes Problem in Berlin und ein sehr präsentes Thema. Ziehen Senat und Wohlfahrts­verbände da an einem Strang?

Das kann man im Grunde schon so sagen. Da gab es in dieser Legislatur­periode einen großen Schritt nach vorne. So wird die Kältehilfe als niedrigsch­welliges Angebot von der Senatssozi­alverwaltu­ng ohne Diskussion mitgetrage­n. Ein gutes Beispiel sind auch die schnell geschaffen­en Ganztags-unterkünft­e für Obdachlose mit Beginn der Corona-pandemie. Wir hoffen nun sehr, dass die Unterkünft­e weiwerden, tergeführt weil die Menschen dort zur Ruhe kommen und eine Chance haben, noch mal neu Fuß zu fassen. Für mich war es auch beuneindru­ckend, wie sere ganz kleinen Träger wie die Kirchengem­einden in dieser Cohaben, rona-zeit gesagt wir machen nicht zu, wir bleiben dabei. Trotzdem bleiben Punkte offen. Dazu gehört zum Beispiel die gesundheit­liche Versorgung obdachlose­r Menschen. Die Caritas-krankensta­tion kann den Bedarf nicht decken, wir haben das Problem mit obdachlose­n Menschen, die im Rollstuhl sitzen und nicht versorgt sind. Und dann muss man das ganze Feld von Wohnungs- und Obdachlosi­gkeit betrachten. Da sind auch Fortschrit­te gemacht worden, aber die Wohnungen, den bezahlbare­n Wohnraum, den wir bräuchten, haben wir nicht. Und es dauert und dauert und dauert, bis neue Wohnungen entstehen. Da hätte ich mir deutlicher Schritte nach vorne gewünscht.

Woran liegt das konkret?

Ich glaube, dass die Bekämpfung des Wohnungsma­ngels eine gesamtstäd­tische Aufgabe ist. Aber da fehlt der gemeinsame Push, der wahrschein­lich vom Regierende­n Bürgermeis­ter angestoßen werden müsste. Dieser Grundkonfl­ikt, dass sich die Bezirke und die Senatsverw­altungen gegenseiti­g lahmlegen, ist an dieser Stelle besonders fatal.

Haben Sie mit Ihren Anliegen beim Senat immer ein offenes Ohr gefunden?

Es ist auf jeden Fall so, dass die jetzige Sozialsena­torin sich dem Bereich Wohnungslo­senpolitik mit breit angelegten Strategiek­onferenzen besonders widmet. Das ist auch richtig und gut so. Am politische­n Willen mangelt es in der Regel nicht. Aber die Frage ist oft: Ist die Verwaltung in der

Lage, diesen politische­n Willen umzusetzen? Und da ist meine Enttäuschu­ng. Da sind viele gute Absichten und Programmat­ik, aber die Umsetzung funktionie­rt nicht, weil man die Verwaltung nicht mitgenomme­n hat oder man hat es falsch angelegt. Das ist, glaube ich, ein großes Problem. Das ist beim Wohnungsba­u so, das war aber auch bei der Flüchtling­sunterbrin­gung so. Da haben viele diakonisch­e Träger wie die Johanniter über Nacht Unterkünft­e aufgebaut und sind per Handschlag in Vorleistun­gen gegangen. Häufig mussten sie dann auf ihr vorgeschos­senes Geld monatelang warten. Dazu kam, dass die Senatsverw­altung

die Träger für die Einrichtun­gen europaweit ausgeschri­eben hat, was dazu führte, dass es einen häufigen Trägerwech­sel gab und Mitarbeite­rinnen und Mitarbeite­r immer nur befristet eingestell­t werden konnten. Das ist nach meiner Ansicht kein gutes Verwaltung­shandeln gewesen und war der Sache nicht dienlich.

Wie gestaltet sich denn die Zusammenar­beit zwischen der Diakonie und der Landeskirc­he? Fühlen Sie sich mit Ihren Anliegen im Konsistori­um wahrgenomm­en?

Auf der landeskirc­hlichen Ebene haben wir da gute Schritte nach vorn gemacht. Es gibt einen regelmäßig­en Austausch zwischen Kirchenlei­tung und Diakonisch­em Rat. Wir führen beispielsw­eise alle zwei Jahre gemeinsam eine eintägige Klausurtag­ung durch. Das haben wir während meiner Zeit hier eingeführt. Man kann die Zusammenar­beit sicherlich noch vertiefen, aber es ist schon viel passiert. Damit hat man natürlich noch nicht die Zusammenar­beit in ganz Berlin, Brandenbur­g und der schlesisch­en Oberlausit­z gelöst. Da müssen die Menschen vor Ort den Weg zueinander finden. Das haben wir versucht zu fördern. Mal ist es gelungen, mal weniger. Ein Superbeisp­iel für eine gute Zusammenar­beit ist die Berliner Kältehilfe oder das „Laib und Seele“-projekt der Berliner Tafel. Ich sage immer, eine Kirche, die nicht diakonisch ist, hat keine Zukunft. Wir sind ja nicht dafür da, ein nettes Vereinsleb­en zu schaffen und zu erhalten, sondern die Gesellscha­ft mitzugesta­lten. Angesichts schwindend­er Mitglieder­zahlen und damit einhergehe­nder Strukturve­ränderunge­n besteht die Gefahr, dass man sich zu stark nach innen wendet und mit sich selbst beschäftig­t. Das darf nicht passieren.

Wie geht denn die hiesige Diakonie mit ihren Mitarbeite­rinnen und Mitarbeite­rn ohne Kirchenbin­dung um?

Grundsätzl­ich wünschen wir uns, dass alle Mitarbeite­nde kirchlich gebunden sind. Dann gibt es Arbeitsfel­der, wo das gar nicht geht oder wünschensw­ert ist, beispielsw­eise in der Arbeit mit muslimisch­en Migranten. Es gibt in dieser Region aber auch einfach zu wenig Kirchenmit­glieder, so dass wir auf manche Fachkraft verzichten müssten. Deshalb soll jede diakonisch­e Einrichtun­g in Grundlinie­n ein Selbstvers­tändnis entwickeln und anwenden, das auf die Situation vor Ort passt. In vielen Einrichtun­gen werden zum Beispiel Fortbildun­gen angeboten, die sich mit dem christlich­en und sozialen Weltbild und interrelig­iösem Dialog auseinande­rsetzen. Idealerwei­se nehmen alle Mitarbeite­nden daran teil.

Das ist ein Kann oder ein Muss?

Das ist ein entschiede­nes Sollte. Insgesamt sind die diakonisch­en Einrichtun­gen hier aber schon weiter als im Westen des Landes. In Nordhessen, wo ich zuvor war, waren von meinen 3000 Mitarbeite­nden 50 keine Kirchenmit­glieder. Bei den anderen hieß es dann immer, das gehört halt dazu, in der Kirche zu sein. Das hilft dann auch nicht so sehr weiter. Denn darauf kommt es nicht an. Sondern darauf, sich aktiv damit auseinande­rzusetzen, was diakonisch bedeutet. Zugleich brauchen wir Respekt vor der Biografie des anderen, auch wenn es keine religiöse ist.

Wir sind nicht dafür da, ein nettes Vereinsleb­en zu schaffen.

Vor einigen Wochen kam es zu einem furchtbare­n Zwischenfa­ll im Potsdamer Oberlinhau­s, bei dem vier behinderte Bewohnerin­nen und Bewohner starben. Mutmaßlich­e Täterin war eine Mitarbeite­rin. Fehlt es an Frühwarnsy­stemen in diakonisch­en Einrichtun­gen, um so etwas verhindern zu können?

Wir müssen abwarten, was die polizeilic­hen Ermittlung­en ergeben. Vorher können wir nichts dazu sagen. Ich fände es völlig falsch, da jetzt Schlussfol­gerungen zu ziehen, was die Mitarbeite­rschaft anbelangt. Die Frage, wie gehe ich mit jemandem um, der möglicherw­eise psychisch erkrankt ist, erkenne ich das und wie spreche ich das an, was bedeutet das arbeitsrec­htlich, ist nicht leicht zu beantworte­n. Ich würde keinesfall­s daraus eine Generalisi­erung ableiten. Es ist die Verantwort­ung des Arbeitgebe­rs, dass Mitarbeite­nde, die durch die Arbeit psychisch belastet sind, Beratung und Hilfe bekommen. Dafür müssten sehr viel mehr Ressourcen zur Verfügung stehen und müsste das Bewusstsei­n bei denen, die das Geld geben, mehr vorhanden sein. Durchzuset­zen, dass Zeit und Geld eingeplant wird, um beispielsw­eise regelmäßig Supervisio­nen durchzufüh­ren, das ist sehr, sehr schwierig. Das ist auch eine Erkenntnis meiner 30 Berufsjahr­e in der Diakonie.

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Foto: Dwbo/zellentin Klare Worte: Die scheidende Diakoniedi­rektorin Barbara Eschen sieht in der Berliner Verwaltung große Schwächen bei der Umsetzung politische­r Vorgaben.
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Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa Eingereiht: Barbara Eschen (2.v.l. )d emonstrier­t als Sprecherin der Nationalen Armutskonf­erenz mit für die Forderunge­n des Bündnisses „Reichtum umverteile­n“.
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Foto: Jens Kaläne/dpa Einsatz für Bedürftige: Im Dezember vorigen Jahres geben Sänger Frank Zander und Barbara Eschen am Kältebus Suppe aus.

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