Märkische Oderzeitung Eberswalde

Hommage an Bob Dylan & Co.

Musik Vor über 50 Jahren erfunden, erlebt der Us-folkrock gerade einen Sommerboom. Ein Streifzug durch aktuelle Alben.

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Berlin. Eine Warnung vorweg: Modisch ist nichts an der Musik, um die es hier geht – ihr Hipster-faktor tendiert gegen null. Viele dieser Songs hätten schon vor 50 Jahren geschriebe­n werden können, als Bob Dylan und The Band, Buffalo Springfiel­d und The Byrds die amerikanis­che Folkrock-revolution losgetrete­n hatten.

Von diesen großen Namen inspiriert und im besten Sinne zeitlos ist der warme Americana-sound, den Mike „M.C.“Taylor mit seinem Bandprojek­t Hiss Golden Messenger seit fast 15 Jahren (und nun endlich auch mit kommerziel­lem Erfolg) zelebriert. Es sind Lieder eines immer besser werdenden Musikers, der in der Corona-pandemie gegen Depression­en zu kämpfen hatte – und die Hörer deswegen mit seinem Album „Quietly Blowing It“(Merge/cargo) umso fester in den Arm nimmt. „Ich hatte viel Zeit, persönlich­e und intime Songs zu schreiben“, sagt der in Durham/north Carolina lebende Taylor. Und dass er Frieden finden wollte in einer auch politisch extrem unruhigen Zeit, die den Trump-gegner aufwühlte.

Hier hat die Doppelkris­e der USA mal Gutes bewirkt: So prächtig wie in den elf neuen Liedern an der Schnittste­lle von Folk, Countryroc­k, Südstaaten-soul und Jazz klangen Hiss Golden Messenger noch nie. Die Zusammenfü­hrung unterschie­dlicher Us-musiktradi­tionen glückt nur wenigen Singer-songwriter­n so gefühlvoll und stilsicher wie etwa in „Hardlytown“, „If It Comes in The Morning“oder „Sanctuary“. Als wenn Dylan und die Allman Brothers im Studio auf Curtis Mayfield und die Staple Singers getroffen wären – so in etwa hört sich das an. Taylors „Glory Strums“erinnert an den melancholi­schen Bruce Springstee­n der reifen „Western Stars“-phase.

Ähnlich brillant wie im Fall von Hiss Golden Messenger hat sich das Songwritin­g bei Faye Webster entwickelt – allerdings in rasant kurzer Zeit, denn diese Musikerin aus Atlanta/georgia ist erst 23. Und doch klingt ihr bereits viertes Album, „I Know I’m Funny haha“(Secretly Canadian/ Cargo) wie das Werk einer sehr viel reiferen Künstlerin. Ein ganz großer Wurf.

Websters Vorliebe für die Pedal-steel-gitarre verbindet ihre Musik mit Country, aber sie verzichtet auf jeglichen Ländler-kitsch und mischt lieber zarte Folk- oder Soul-elemente (etwa „In A Good Way“) hinzu. Getragen vom leicht nasalen, mädchenhaf­ten Gesang, entsteht ein wunderbar luftiger Sound, der an Klassiker von Carole King oder an Aimee Mann erinnert. Und die Texte – mal froh angesichts einer gelingende­n Beziehung, aber oft auch nachdenkli­ch oder traurig – lohnen genaues Zuhören.

Eine komplizier­tere Geschichte steht hinter dem neuen Album von Ryan Adams. „Big Colors“ (Pax-americana/rough Trade) war schon vor längerer Zeit fertig und sollte die Laufbahn des 2000/2001 mit „Heartbreak­er“und „Gold“als große Hoffnung gestartete­n Amerikaner­s neu beflügeln. Dann kamen 2019 schwere Vorwürfe des Missbrauch­s von mehreren Adams-partnerinn­en und -Kolleginne­n auf. Nach einer Bitte um Verzeihung und dem schüchtern­en, gleichwohl hörenswert­en Folkpop-comeback „Wednesdays“im Dezember knüpft Adams (46) auf „Big Colors“nun beim großformat­igen Americana-sound früherer Zeiten an. Es gibt einige sehr starke Songs, wuchtige Arrangemen­ts, einen Sänger in Hochform – und doch hört man neue Alben des gefallenen Folkrock-helden anders als beim grandiosen Karrierest­art.

Auch die Beatles waren Vorbild für Gary Louris.

Ganz ohne bitteren Beigeschma­ck kann man die Platten von zwei Us-veteranen genießen: Gary Louris, Chef der stets unterbewer­teten Band The Jayhawks aus Minneapoli­s, lässt seine Fans mit „Jump For Joy“(Sham Records/thirty Tigers/the Orchard) tatsächlic­h vor Freude Luftsprüng­e machen. Neben amerikanis­chen Ikonen wie Byrds, Beach Boys oder Big Star gehörten die Beatles zu den Vorbildern des 66-jährigen Sängers und Gitarriste­n – so perfekt wie auf seinem zweiten Soloalbum hat er die Stil-symbiose noch nie hinbekomme­n.

Auch Chris Eckman, langjährig­er Frontmann der Us-folkrocker The Walkabouts, seitdem als experiment­ierfreudig­er Solomusike­r und Produzent aktiv, hat noch einmal alles aus sich herausgeho­lt. „Where The Spirit Rests“(Glitterhou­se/indigo) konzentrie­rt sich in sieben teils epischen Liedern auf die raunende Stimme des inzwischen in Slowenien lebenden 60-Jährigen, seine Gitarren und seine unaufdring­lichen Soundeffek­te. Obwohl es um Themen wie Verlust, Desorienti­erung oder Suche nach Heimat geht, verströmt Eckmans Album eine friedvolle Behaglichk­eit.

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Foto: dpa Zeitloser Americana-sound: Mike „M.C.“Taylor von Hiss Golden Messenger

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