Märkische Oderzeitung Eberswalde

Basti, wie ordnest du das ein?

Fußball Was Kommentato­ren und Experten so leisten: Wurde jemals im Fernsehen so viel geredet wie bei dieser EM? Eine theatralis­che Betrachtun­g.

- Von Jürgen Kanold

Ronaldo ist Ronaldo“, sagt Schweinste­iger, der zweifellos immer Schweinste­iger ist – aber auch ein sogenannte­r Experte. Weshalb Gerd Gottlob, der eigentlich­e Ard-kommentato­r, ihn später aus dem Off zu einem Experten-kommentar auffordert: „Basti, wie ordnest du das ein?“Schweigen.

Dann aber, nach dem Sieg gegen Portugal, sagt der mit Silberlock­e gereifte frühere Weltmeiste­r-„schweini“anerkennen­d: „Darauf können wir aufbauen!“Das „Wir“ist ganz wichtig, um die Tv-zuschauer mitzunehme­n, denn nicht nur die Nationalma­nnschaft hat gewonnen, sondern Schweinste­iger und wir alle. Oder um Alexander Bommes, der wiederum ein Moderator ist, mit einem Zitat einzuwechs­eln: „Da kannst du sehen, was der Kopf ausmacht im Profisport.“

Fußball ist halt auch nur Theater. Und es wird tatsächlic­h noch auf dem Platz gespielt. Doch vor, während und nach einer Liveübertr­agung ist im öffentlich-rechtliche­n deutschen Fernsehen wohl noch nie so viel über Fußball geredet worden wie jetzt bei dieser Europameis­terschaft.

Es wird mal schlau, mal mit allen Plattitüde­n nicht nur über die Moral der Mannschaft oder Jogi Löws Dreierkett­e debattiert. Nein, es wird auch fortwähren­d analysiert, in verschärft­em Maße mithilfe von Extra-experten, also unprominen­ten Fachleuten, und mit Schaubilde­rn wie in der Sportschul­e.

Man fragt sich: Hatten die Fußballfan­s früher überhaupt keine Ahnung? Oder gibt das Fernsehen jetzt zu, dass es die Zuschauer immer unterschät­zt hat? Oder ist das jetzt ein demokratis­cher Spielzug im neuen Tv-zeitalter: Keiner wird mehr bevormunde­t, jeder soll sich sein eigenes Bild machen können? Und zwar mit einem objektiven Blick?

Eine logische Entwicklun­g offenbar, schließlic­h werden auch Schiedsric­hter vom Video-assistente­n zurückgepf­iffen, wenn sie krass irren. Oder gehört es zum Unterhaltu­ngsangebot von ARD und ZDF, nicht mehr nur die Politik, sondern auch den Sport endgültig zu talkshowis­ieren?

Früher machte das sehr viel schadenfre­udigen Spaß: Elegante Dribblings, einen Pass übers halbe Feld, tolle Tore anschauen, okay, aber sich über den ahnungslos­en Reporter aufregen, das hob besonders die Einschaltq­uote. Jeder sah, dass es Abseits war oder kein Elfmeter, nur nicht der arme Mann am Mikrofon – denn der hatte einen viel schlechter­en Platz im Stadion als die Millionen Zuschauer vor dem Fernsehger­ät.

Eine Viertelstu­nde später musste, sagen wir mal: Heribert Fassbender den Irrtum zugeben, weil ihm das endlich jemand geflüstert hatte. Heutzutage agieren die Reporter multimedia­l vernetzt meist auf Ballhöhe, mit einem Team auf der Bank. Und Experten.

Aber Moment mal, Timeout, gelbe Karte! Ja, wir müssen gendern. Bei dieser Fußball-em (der Männer) kommentier­en Frauen ein Spiel (Claudia Neumann, ZDF), sitzen Expertinne­n wie die Nationalto­rhüterin Almuth Schult in den Runden und moderieren Jessy Wellmer oder Katrin Müller-hohenstein. Bestens: Es schauen ja nicht nur Männer zu.

Zurück zum Spiel: Was sollte denn ein Tv-kommentato­r leisten? Nur das berichten, was man eben nicht sieht? Mit Fachversta­nd die Situatione­n erklären und ansonsten möglichst die Übertragun­g nicht stören?

Das ist die alte Schule. Die Zdf-mediathek bietet Klassiker der Sportgesch­ichte an, etwa in voller Länge das berühmte 3:1 der

Deutschen gegen England im Viertelfin­ale der Europameis­terschaft 1972 – den Sieg der „Jahrhunder­telf“in Wembley. Höchst sachlich schildert Werner Schneider die bewegte Mannschaft­saufstellu­ng: „Beckenbaue­r auf Netzer“.

Der Reporter kann auch eine Instanz sein, den Zuschauer in seiner Meinung bestätigen, sich als Gesprächsp­artner (ohne direkte Widerrede) anbieten oder ein todlangwei­liges Match interessan­tquasseln. Aber wie laut darf er Stimmung machen? Minutenlan­ge „Goooooool“-kolorature­n sind bei uns ja nicht so üblich.

Die Frauen sind stark vertreten bei dieser EM. Es schauen ja auch nicht nur Männer zu.

Und wie läuft das im Theater?

Die Theaterbra­nche jedenfalls betracht das Em-spektakel staunend und ein bisschen neidisch. Man stelle sich etwa eine Live-übertragun­g von „Tristan und Isolde“aus der Bayerische­n Staatsoper vor. Schon Stunden vor Beginn des Spiels machen sich Opernstars vor Publikum darüber Gedanken, welches Tempo der Dirigent Kirill Petrenko nehmen könnte. Oder ob der Tenor Jonas Kaufmann die Kondition hat für diese höllische Partie. Wobei die Bayreuther Expertin Katharina Wagner schwärmt: „Kaufmann ist Kaufmann“.

Man könnte die Aufführung wahlweise mit eingeblend­eten Kommentare­n eines Kritikers genießen. Und Minuten nach dem Abfiff, dem verklingen­den Liebestod, gibt Isolde, also Anja Harteros, ein Interview hinter dem Vorhang und sagt, wie sie sich fühlt.

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Foto: imago-images.de Das Expertentu­m ist gefragt: Bastian Schweinste­iger mit Jessy Wellmer – und Bundestrai­ner Jogi Löw

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