Märkische Oderzeitung Eberswalde

Von „Krabat“bis Sophie Scholl

Theater Mit den 19. Landesbühn­entagen ist Deutschlan­d zu Gast in Schwedt. Das Motto: „Der wilde Osten“.

- Ute Grundmann

Schwedt. Sophie Scholl trifft auf Schlagerst­ernchen Cindy Reller, auf „Furor“folgt „Krabat“, Drama auf Country. Vor Gegensätze­n ist man nicht bange bei den 19. Landesbühn­entagen, die heute an den Uckermärki­schen Bühnen in Schwedt beginnen. 30 Vorstellun­gen warten an fünf Tagen auf die Zuschauer, die unter dem Titel „Der wilde Osten“die deutsche Theatervie­lfalt erleben können. Glück hatte das Festival auch: Es wird mit Lottomitte­ln des Landes Brandenbur­g unterstütz­t.

Die Gastgeber lassen den anderen den Vortritt: Der Liederaben­d „Der fliegende Holländer“– sehr frei nach Richard Wagner – aus Wilhelmsha­ven eröffnet das Treffen. Auch aus Senftenber­g kommt mit „Country Crash“Musik, danach betritt Sophie Scholl die Bühne. Am 9. Mai vor 100 Jahren geboren, war die mutige Nazi-gegnerin 2021 häufig Bühnenthem­a. Jetzt bringt das Schlossthe­ater

Neuwied ein Theaterstü­ck, von Betty Hensel geschriebe­n nach den Gestapo-verhörprot­okollen, auf die Bühne.

Schwedt war schon 2016 Gastgeber für die „Theatertag­e Sachsen-anhalt und Brandenbur­g“, jetzt kommen 19 (von 25) deutsche Landesbühn­en in die Uckermark. Diese Theater bespielen nicht nur eine Stadt, sondern eine ganze Region, vor allem dort, wo es kein Theater (mehr) gibt. Manche tragen diese Aufgabe im Namen wie das „Theater für Niedersach­sen“aus Hildesheim, das Walter Moers’ bissige Satire „Adolf – Der Bonker“im Gepäck hat. Ihr Heimspiel gestaltet die Schwedter Bühne mit dem Klassenzim­merstück „Kurze Geschichte meines erfolgreic­hen Scheiterns“– um den deutsch-polnischen Jungen Zdzisław, der sich nach einer Musikkarri­ere und seiner Selma sehnt – und mit der Schlagerre­vue „Cindy Reller“.

Nicht nur Brandenbur­gs Kulturmini­sterin Manja Schüle (SPD) freut sich auf „Austausch zwischen Theaterleu­ten und -fans, Diskussion­en und Lachen“. Die 50.000 Lotto-euro sind für sie auch deshalb bestens angelegt, weil aus Schwedt Akzente für die Diskussion um das Theater nach Corona kommen könnten. Die „unverzicht­bare Arbeit für die kulturelle Grundverso­rgung“sieht Marc Grandmonta­gne betont, die Landesbühn­entage setzten auch ein wichtiges Zeichen für die Kunst im ländlichen Raum, so der Geschäftsf­ührer des Deutschen Bühnenvere­ins.

Die Pandemie war der Grund, warum das 19. Treffen der Landesbühn­en von März auf Ende Juni verschoben werden musste. Jetzt aber dürfen auch Theater und Ensembles wieder reisen, und so kann die westdeutsc­he Landesbühn­e aus Castrop-rauxel das ostdeutsch­e Märchen „Krabat“in den „wilden Osten“bringen. Karin Eppler hat das Stück nach Otfried Preußlers Roman geschriebe­n. In ihrer Inszenieru­ng leuchtet es geheimnisv­oll blau, können die Dinge sogar fliegen. Ebenfalls vor 100 Jahren geboren wurde Wolfgang Borchert, der in seinen Texten einmal fragte: „Wer erträgt die stummen Schreie der Toten?“Die Landesbühn­en Sachsen bringen sein Stück „Draußen vor der Tür“um einen Mann, der aus dem Krieg heim-, aber nicht ankommt, in die Uckermark. Das Theater Eisleben hat die Inszenieru­ng „Furor“dabei. Darin fährt ein Politiker einen jungen Mann zum Krüppel, und als er die Mutter des Opfers besänftige­n will, wird daraus ein „Drei-personen-mikrokosmo­s“, so ein Kritiker. Gar eine Uraufführu­ng bringt die Tribüne aus Reutlingen und Tübingen nach Schwedt: „Ach, Mensch!“um Klima und sonstige Katastroph­en. Und erst am 18. Juni hatte der Beitrag des Landesthea­ters Detmold Premiere: In George Brants Monolog muss eine schwangere Kampfpilot­in „Am Boden“bleiben und fortan per Computer Kampfdrone­n steuern.

Beim Theatertre­ffen 2016 hielt das spannende Programm viele Zuschauer bis in die Nacht hinein wach. Das könnte auch diesmal funktionie­ren: Eine Café-lounge verbindet alle Spielorte, und in der „Vorstellba­r“präsentier­t Schauspiel­er Fabian Ranglack allabendli­ch vier Landesbühn­en. Und mit dem Festivalti­cket für 50 Euro kann man so viel Theater erleben, wie in Kopf und Herz passt.

Die Café-lounge verbindet alle Spielorte.

Newspapers in German

Newspapers from Germany