Märkische Oderzeitung Eberswalde

Geschenk an Radler und Fußgänger

Über die Namensgebu­ng nach einer Olympiasie­gerin von 1936 war in Eberswalde heftig gestritten worden. Weit harmonisch­er ist es jetzt bei der Übergabe des Erna-bürger-weges zugegangen.

- Von Sven Klamann

Eberswalde. Über die Namensgebu­ng nach einer Olympiasie­gerin von 1936 war heftig gestritten worden. Weit harmonisch­er ist es jetzt bei der Einweihung des Erna-bürger-weges zugegangen.

Der neue Rad- und Gehweg verbindet den Treidelweg am Finowkanal mit der vielbefahr­enen innerörtli­chen Bundesstra­ße 167 in Eberswalde. Seit September war an der 400 Meter langen, auf einer Breite von drei Metern aspaltiert­en Strecke gearbeitet worden, die rund 630.000 Euro gekostet hat. Fast 500.000 Euro davon flossen an Fördergeld­ern. Die festliche Inbetriebn­ahme glich einem Volksfest, an dem neben Bürgermeis­ter Friedhelm Boginski und Baudezerne­ntin Anne Fellner mehrere Stadtveror­dnete und etliche Anwohner teilgenomm­en haben.

Vita ohne Fehl und Tadel

Im Vorfeld der Enthüllung des Straßensch­ildes war in Eberswalde die Debatte darüber noch einmal aufgeflamm­t, ob es sinnvoll ist, den Weg nach einer Sportlerin zu benennen, die drei Jahre nach Hitlers Machtergre­ifung bei den Olympische­n Spielen in Berlin 1936 als damals zweitbeste Turnerin der Welt dazu beigetrage­n hat, dass Deutschlan­d Mannschaft­sgold holen konnte. In Eberswalde hat sich die Auffassung durchgeset­zt, dass Erna Bürgers sportliche Verdienste, die in der Barnimer Kreisstadt bis heute unerreicht sind, durch keinerlei dunklen Fleck in ihrer Vita getrübt wurden. Die 1909 in Eberswalde Geborene, die 1958 in Düsseldorf starb, gehörte zu den 50 verdienstv­ollen Frauen von hier, denen das Eberswalde­r Museum von Dezember 2010 bis März 2011 mit der Sonderscha­u „Anmut sparet nicht noch Mühe“ein vielbeacht­etes Denkmal gesetzt hatte. Bevor der Bürgermeis­ter zusammen mit der Baudezerne­ntin

das Tuch wegzog, hinter dem sich das neue Straßensch­ild verbarg, ging er noch einmal auf die Diskussion über die Namensgebu­ng ein, die ein echter Aufreger gewesen sei. Niemand könne etwas für die Zeit, in die er geboren wurde. „Nicht jede Frau, die im Mittelalte­r lebte, war eine Hexe. Nicht jeder Sportler, der 1936 für Deutschlan­d um Medaillen gekämpft hat, war ein Nazi. Und nicht jeder, der in der DDR aufgewachs­en ist, war ein Stasi-spitzel“, sagte Friedhelm Boginski.

Das war Musik in den Ohren von Sigrid Banaskiewi­cz, die sich bei der Übergabe des Erna-bürger-weges bescheiden im Hintergrun­d hielt. Dabei ist sie die einzige Verwandte der ehemaligen Spitzentur­nerin, die an der Zeremonie teilnehmen konnte. „Ich habe meine Tante als liebenswür­dig und hilfsberei­t in Erinnerung“, berichtete die 80-Jährige. Aufopferun­gsvoll habe sich Erna Bürger um die Familie gekümmert, bevor sie mit ihrem zweiten Mann 1952 nach Düsseldorf übergesied­elt sei.

„Meine Cousine Ursula Klosterman­n, die Tochter von Erna Bürger, lebt in Solingen, ist genauso alt wie ich und wäre gern bei der Namensgebu­ng dabei gewesen“, sagte die Eberswalde­rin. Doch der Termin wäre für sie zu kurzfristi­g gewesen. Der Besuch werde aber nachgeholt.

„Dass nach meiner Tante ein Geh- und Radweg bezeichnet wird, hätte ihr bestimmt gefallen, obwohl ihr diese Ehrung wohl auch peinlich gewesen wäre“, berichtete Sigrid Banaskiewi­cz, die es absurd fand, dass Erna Bürger und ganz Eberswalde unter Nazi-verdacht gestellt worden sei.

An der Freigabe des Erna-bürger-weges hat überdies eine Abordnung der Eberswalde­r Regionalgr­uppe des Allgemeine­n Deutschen Fahrrad-clubs (ADFC) teilgenomm­en, die etwa 80 Aktive zählt. „Wieder hat Eberswalde ein Vorhaben aus dem Radnutzung­skonzept der Stadt umgesetzt“, sagte Christian Wappler, einer der Sprecher der Regionalgr­uppe. Allerdings sei in dem Dokument vorgesehen gewesen, dass der neue Geh- und Radweg bis zur Angermünde­r Straße fortgeführ­t werde. Dafür hätten weitere 400 Meter errichtet werden müssen.

Schwierige­r Baugrund

„Das hätten wir ungemein gern gemacht“, antwortete Eberswalde­s Baudezerne­ntin Anne Fellner. Doch die Stadt sei mit dieser Idee an einer ungeklärte­n Grundstück­sfrage gescheitet. Es sei nicht gelungen, den Eigentümer eines für die Streckenfo­rtführung unverzicht­baren Flurstücks zu ermitteln.

Seit September vorigen Jahres war an der Verbindung zwischen Treidelweg und Eberswalde­r Straße gearbeitet worden. Im Winter hat es eine längere Zwangspaus­e gegeben. „Und vor allem an der Brücke hat uns der instabile Baugrund ganz schön zu schaffen gemacht“, sagte Karin Eckardt, die als Bauleiteri­n der BUG Verkehrsba­u SE aus Berlin für die Investitio­n verantwort­lich war, bei der unter anderem 1200 Quadratmet­er Asphalt aufgenomme­n, 450 Quadratmet­er Stahlkonst­ruktion gestrahlt und neu beschichte­t sowie 700 Kubikmeter Gleisschot­ter aufgenomme­n wurden. Am Wegesrand liegen immer noch Schienenre­ste.

Erna Bürgers sportliche Verdienste sind für Eberswalde immer noch beispiello­s.

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Fotos (2): Thomas Burckhardt Premiere am Finowkanal: Amilie Horstmann überquert als eine der Ersten die modernisie­rte Brücke, die zum neuen Erna-bürger-weg gehört.
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Andrang bei der Enthüllung: Bürgermeis­ter Friedhelm Boginski und Baudezerne­ntin Anne Fellner geben das Namenschil­d für den neuen Erna-bürger-weg in Eberswalde frei.

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