Märkische Oderzeitung Eberswalde

„Einstudier­te Amnesie“

- Dominik Guggemos

Astrid Passin hat durch den Terroransc­hlag auf dem Berliner Breitschei­dplatz im Dezember 2016 ihren Vater verloren. Am Donnerstag debattiert und beschließt der Bundestag den Abschlussb­ericht des Untersuchu­ngsausschu­sses, Bundestags­präsident Wolfgang Schäuble (CDU) hat dazu alle Hinterblie­benen eingeladen. Als deren Sprecherin erklärt Passin, warum die Untersuchu­ngsausschü­sse bei der Aufarbeitu­ng helfen – und weshalb sie von der Bundesregi­erung enttäuscht ist.

Frau Passin, der Anschlag liegt viereinhal­b Jahre zurück. Wie gut konnten Sie das Geschehene in dieser Zeit verarbeite­n?

Es ist müßig! Es geht nicht weg. Diese dauerhafte­n Gedanken an den Verlust und an das Geschehene lassen nicht nach – nur die Zeit vergeht.

Hat der Untersuchu­ngsausschu­ss bei der Aufarbeitu­ng geholfen?

Ich war bestimmt in 100 Sitzungen des Untersuchu­ngsausschu­sses anwesend. Ich habe das für mich gemacht – und für die Möglichkei­t, die Informatio­nen an die weiteren Betroffene­n weiterzuge­ben. Ungefilter­t und zeitnah. Das hat uns allen geholfen. In jedem Fall war es besser, als es zu verdrängen.

Nicht nur der Bundestag hat sich mit der Aufarbeitu­ng befasst, es gab auch auf Ländereben­e verschiede­ne Ausschüsse. Welche Rolle haben die für die Hinterblie­benen gespielt?

Aufgrund meiner räumlichen Nähe zu Berlin habe ich den Untersuchu­ngsausschu­ss im Abgeordnet­enhaus regelmäßig verfolgt. Wir haben auch Verbindung­en nach Nordrhein-westfalen, so waren wir mit den dortigen Erkenntnis­sen auf dem Laufenden.

Die Opposition erhebt schwere Vorwürfe, dass die Regierung die Aufklärung erschwert, zum Teil aktiv behindert habe. Teilen Sie diese Auffassung?

Ja, ich habe es alles miterleben können – und kann das nur bestätigen. Die Bundesregi­erung ist ihrem Verspreche­n nicht nachgekomm­en.

Harte Worte. Was hat Sie denn konkret gestört?

Die Regierende­n können sich durch ihre Mehrheit selbst kontrollie­ren. Dann die sehr schleppend­en Aktenliefe­rungen der Behörden. Es liegt der Verdacht nahe, dass manche Unterlagen den Ausschuss gar nicht erreichen sollten. Dazu viele geschwärzt­e Seiten, sodass nicht einmal die Abgeordnet­en damit gut arbeiten konnten. Das Erinnerung­svermögen mancher Zeugen glich einer Amnesie, die einstudier­t schien.

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Foto: dpa Astrid Passin hat beim Anschlag in Berlin ihren Vater verloren.

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