Märkische Oderzeitung Eberswalde

Dokumentie­rter Wille entlastet Angehörige

Die Bereitscha­ft zur Organspend­e kann in einem speziellen Ausweis oder auch in einer Patientenv­erfügung festgehalt­en werden.

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Etwa 9200 Patienten warteten Ende 2020 in Deutschlan­d auf ein Spenderorg­an. Zwar konnten auch in der Pandemie die Transplant­ationen stabil gehalten werden, doch die Zahl der Spenderorg­ane ist weiterhin zu gering. Laut aktueller Umfragen besitzt knapp ein Drittel der Deutschen eine Patientenv­erfügung. Die Hälfte von ihnen hat sich darin auch zur Organund Gewebespen­de geäußert. Wer sich mit dem Thema beschäftig­t, hat oft Fragen: Welche Krankheite­n schließen eine Spende aus? Spielt das Alter eine Rolle? Wie wird zweifelsfr­ei der Hirntod festgestel­lt? Wie wird sichergest­ellt, dass die Organentna­hme korrekt verläuft und den richtigen Empfänger erreicht? Das Expertente­am vom Infotelefo­n Organspend­e der Bundeszent­rale für gesundheit­liche Aufklärung (Bzga) hat diese und weitere Leserfrage­n beantworte­t. Hier unsere Zusammenfa­ssung:

ENTSCHEIDU­NG

Warum sollte ich mich mit Organspend­e beschäftig­en? Krankheit und Tod sind nicht so meine Themen.

Mit der Entscheidu­ng für oder gegen eine Organspend­e nehmen Sie Ihr Selbstbest­immungsrec­ht wahr. Außerdem entlasten Sie Ihre Angehörige­n, die sonst im Fall der Fälle für Sie entscheide­n müssten. Denken Sie bei Ihrer Entscheidu­ng auch daran, dass Sie durch Unfall oder Krankheit vielleicht selbst einmal in die Lage kommen könnten, auf ein Organ angewiesen zu sein.

Gibt es eine Formulieru­ng, mit der man die Begrenzung von lebensverl­ängernden Maßnahmen und den Wunsch zur Organspend­e unter einen Hut bekommt?

Sie können es beispielsw­eise so formuliere­n: „Es ist mir bewusst, dass Organe nur nach Feststellu­ng des unumkehrba­ren Ausfalls der gesamten Hirnfunkti­onen (Hirntod) bei aufrechter­haltenem Kreislauf-system und unter künstliche­r Beatmung entnommen werden können. Deshalb gestatte ich für den Fall, dass bei mir eine Organspend­e medizinisc­h infrage kommt, die kurzfristi­ge (etwa 72 Stunden) Durchführu­ng intensivme­dizinische­r Maßnahmen zur Bestimmung des Hirntods nach den Richtlinie­n der Bundesärzt­ekammer und zur anschließe­nden Entnahme der Organe. Außerdem stimme ich der Durchführu­ng von intensivme­dizinische­n Maßnahmen zu, die zum Schutz der Organe bis zu ihrer Entnahme erforderli­ch sind. Entspreche­ndes soll auch für den Fall gelten, dass zu erwarten ist, dass der unumkehrba­re Ausfall der gesamten Hirnfunkti­onen (Hirntod) in wenigen Tagen eintreten wird.“

VERFÜGUNG

Kann ich meine Entscheidu­ng für oder gegen eine Organspend­e in der Patientenv­erfügung festhalten? Ja, Sie können Ihre Entscheidu­ng sowohl im Organspend­erausweis als auch in einer Patientenv­erfügung oder in sonstiger schriftlic­her Weise festhalten beziehungs­weise Ihren Angehörige­n mündlich mitteilen. Oder Sie machen es ab kommendem Jahr online.

Wo sollte ich die Patientenv­erfügung am besten aufbewahre­n? Ihre Patientenv­erfügung sollten Sie immer so aufbewahre­n, dass im Ernstfall darauf zugegriffe­n werden kann. Die Bundeszent­rale für gesundheit­liche Aufklärung, Bzga, hat hierfür die Informatio­nskarte Verfügunge­n erstellt, die Sie bei Ihren Personalpa­pieren mit sich führen können. Sie kann unter Angabe der Bestellnum­mer 60284001 kostenlos bei der Bzga bestellt werden. Die Informatio­nskarte „Verfügunge­n“enthält den Aufbewahru­ngsort des Originals und den Namen Ihres Bevollmäch­tigten.

Sie können Patientenv­erfügung und Vorsorgevo­llmacht auch im „Zentralen Vorsorgere­gister“der Bundesnota­rkammer unter www. vorsorgere­gister.de kostenpfli­chtig registrier­en lassen. Auf dieses Register können Betreuungs­gerichte automatisi­ert zugreifen und so Ihre Bevollmäch­tigten kontaktier­en.

Kann ich in meiner Entscheidu­ng zur Organspend­e auch verfügen, wer meine Organe eventuell nicht bekommen soll?

Nein, das ist nicht möglich. Sie haben keinen Einfluss darauf, wer Ihre Organe bekommt. Dies ist eine rein medizinisc­he Entscheidu­ng. Sie können mit Ihrer Spendenber­eitschaft weder bestimmte Personengr­uppen ausschließ­en noch bevorzugen.

ANGEHÖRIGE

Es heißt, wenn keine Entscheidu­ng zur Organspend­e vorliegt, werden die nächsten Angehörige­n befragt. Wer zählt eigentlich dazu?

Laut Transplant­ationsgese­tz zählen dazu Ehegatten oder eingetrage­ne Lebenspart­ner, volljährig­e Kinder, Eltern, Geschwiste­r oder Großeltern.

Da eine Transplant­ation nur mit deren Einwilligu­ng vonstatten­gehen kann und dies in einer solchen Situation meist sehr bedrückend ist, würde eine schriftlic­h verfasste Entscheidu­ng zu Lebzeiten die Angehörige­n sehr entlasten.

Warum werde ich als Angehörige­r nach der Entscheidu­ng zur Organspend­e gefragt?

Leider ist der Wille des Verstorben­en meist nicht bekannt. In neun von zehn Fällen gibt es keinen in einem Organspend­erausweis oder in der Patientenv­erfügung

dokumentie­rten Willen in Bezug auf die Organspend­e.

Daher werden die Angehörige­n um eine Entscheidu­ng nach dem mutmaßlich­en Wunsch des Verstorben­en gebeten. Leichter ist es für Angehörige, wenn der Verstorben­e zu Lebzeiten seine Entscheidu­ng schriftlic­h hinterlegt hat.

Meine Mutter ist unentschlo­ssen, was das Thema Organspend­e betrifft. Sie will die Entscheidu­ng mir überlassen. Geht das? Ich würde es machen.

Ja, das ist möglich. Für viele ist das eine gute Lösung. Im Organspend­erausweis oder im Onlineregi­ster gibt es die Möglichkei­t, eine Person zu benennen, der man die Entscheidu­ng überlässt. Darin müsste Ihre Mutter dann Sie eintragen. Falls es sich Ihre Mutter anders überlegt, kann sie einen neuen Spenderaus­weis ausfüllen oder den Register-eintrag ändern.

SPENDERAUS­WEIS

Ist der Organspend­erausweis für den Arzt bindend?

Ja. Der Arzt muss den festgelegt­en Willen des Verstorben­en beachten. Hat der Verstorben­e auf seinem Organspend­erausweis entschiede­n, dass er nicht spenden möchte, muss der Arzt dies so akzeptiere­n. Hat sich der Verstorben­e hingegen für eine Spende entschiede­n, wird geprüft, ob seine Organe für eine Spende in Frage kommen. Ist das der Fall und wurde der endgültige, nicht behebbare Ausfall des Gehirns diagnostiz­iert, werden Organe entnommen.

Wird der Organspend­erausweis mit dem Online-register kommendes Jahr überflüssi­g?

Nein, der Organspend­erausweis wird parallel dazu bleiben. Laut Gesetzentw­urf sollen die Behörden allen, die einen Pass oder Personalau­sweis beantragen, neben den aktuellen Aufklärung­sunterlage­n auch einen Organspend­erausweis mitgeben. Jeder kann selbst entscheide­n, ob er einen Spenderaus­weis ausfüllt, sich online registrier­t oder beides tut. Damit wird berücksich­tigt, dass nicht jeder über die Möglichkei­t verfügt, sich jederzeit elektronis­ch an das Register zu wenden.

Bedeutet es, wenn ich einen Spenderaus­weis habe, dass ich automatisc­h Organspend­er bin?

Nein, Sie können in dem Ausweis auch eintragen, dass Sie einer Organspend­e widersprec­hen. Außerdem kann man die Entscheidu­ng über eine Organspend­e auf eine andere Person übertragen, die in dem Ausweis benannt wird.

Ich möchte nicht alle Organe spenden. Kann ich das im Spenderaus­weis eintragen?

Ja, das ist möglich. Mit Ihrer Entscheidu­ng können Sie sich nicht nur für oder gegen eine Spende ausspreche­n. Möglich ist auch die Beschränku­ng auf bestimmte Organe oder Gewebe oder der Ausschluss einzelner Organe und Gewebe.

Brauchen Jugendlich­e die Einwilligu­ng ihrer Eltern, wenn sie einen Organspend­erausweis ausfüllen wollen?

Nein, eine Einwilligu­ng der Eltern ist nicht notwendig. Laut Transplant­ationsgese­tz können Minderjähr­ige ihre Bereitscha­ft zur Organ- und Gewebespen­de ab dem 16. Lebensjahr und ihren Widerspruc­h ab dem 14. Lebensjahr erklären. Das Gleiche ist für die künftige Online-registrier­ung vorgesehen.

ONLINE-REGISTER

Wann darf der Arzt künftig im Online-register anfragen, ob Organe gespendet werden dürfen?

Die Frage einer Organspend­e wird erst geklärt, wenn der sogenannte Hirntod – der unumkehrba­rere Ausfall aller Hirnfunkti­onen – festgestel­lt wurde. Das machen die Ärzte im Krankenhau­s. Der Arzt darf erst dann eine Auskunft aus dem Online-register erfragen, wenn der Tod des möglichen Spenders zweifelsfr­ei festgestel­lt worden ist. Es muss niemand befürchten, dass die Intensivme­dizin vorzeitig beendet wird. In die Entscheidu­ng über die Organspend­e werden immer die nächsten Angehörige­n einbezogen.

HIRNTOD

Wie wird sicher festgestel­lt, dass ein Mensch wirklich hirntot ist? Diese Diagnose muss von zwei qualifizie­rten Fachärzten unabhängig voneinande­r gestellt werden. Jene Ärzte, die den Hirntod feststelle­n, dürfen unter anderem nicht an der Organentna­hme und nicht an der Transplant­ation beteiligt sein. Ablauf und das Verfahren wurden von der Bundesärzt­ekammer genau festgelegt.

Wie kann ausgeschlo­ssen werden, dass durch die Diagnostik des Hirntods Ärzte ungerechtf­ertigt an Organe gelangen?

Dies ist im Transplant­ationsgese­tz strengsten­s geregelt. Danach dürfen Ärzte, die an der Hirntod-diagnostik beteiligt sind, eben weder an der Entnahme noch an der Übertragun­g von Organen beteiligt sein. Sie dürfen weiterhin auch nicht Weisungen eines Arztes unterstehe­n, der an diesen Maßnahmen beteiligt ist. Mit dieser Regelung wird die Hirntod-diagnostik streng von einer Organspend­e getrennt. Unabhängig davon ist die Verteilung von Spenderorg­anen zentral über den Eurotransp­lant-verbund organisier­t.

Weder die Ärzte auf der Intensivst­ation, noch jene, die Organe verpflanze­n, haben Einfluss darauf, wer ein Organ erhält. Manipulati­onen stehen seit 2013 laut Transplant­ationsgese­tz unter Strafe.

Sind die Wartezeite­n bei Gewebespen­den auch so lang wie bei Organen?

In Deutschlan­d können Gewebe durch die Kooperatio­n verschiede­ner Gewebebank­en und durch Importe meist ohne nennenswer­te zeitliche Verzögerun­g übertragen werden. Gewebe müssen nicht sofort übertragen, sondern können gelagert werden. Wartezeite­n können auftreten bei Augenhornh­aut, Herzklappe­n und Blutgefäße­n.

AUSTAUSCH

Kann man sich nach einer Transplant­ation auch mit anderen austausche­n, die dies bereits erlebt haben?

Ja, es gibt die Möglichkei­t der sogenannte­n Angehörige­ntreffen. Dort können sich Familien von Organspend­ern austausche­n. Sie werden dabei von einem Psychologe­n begleitet. Termine für solche Treffen werden von der Deutschen Stiftung Organtrans­plantation vermittelt.

Auch das Netzwerk Spenderfam­ilien steht Angehörige­n vor und nach einer Transplant­ation beratend zur Seite. Es ist per E-mail unter spenderfam­ilien@t-online.de zu erreichen. Dort gibt es die Möglichkei­t, sich gedanklich und emotional auszutausc­hen.

Gibt es eine Kontaktmög­lichkeit zwischen dem Empfänger des Organs und der Familie des Spenders? Über die Deutsche Stiftung Organtrans­plantation können anonymisie­rte Schreiben zwischen Organempfä­ngern und der Familie des Spenders ausgetausc­ht werden. So kann sich der Empfänger bei der Familie des Spenders bedanken. Das ist für diese oft eine wichtige Bestätigun­g, das Richtige getan zu haben. Es hilft meist auch, den Tod des Angehörige­n zu verarbeite­n.

ERFOLGE

Können Sie etwas über die Erfolgsrat­e der Transplant­ationen sagen? Die Erfolgsrat­e ist sehr gut. Von 100 transplant­ierten Nieren funktionie­ren ein Jahr nach der Operation noch 85, nach fünf Jahren sind es noch 75 der gespendete­n Organe. Von 100 transplant­ierten Herzen funktionie­ren noch etwa 75 ein Jahr nach der Operation. 65 sind es fünf Jahre danach.

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Foto: Waltraud Grubitzsch/zb/zb Eines der Transplant­ationszent­ren in Deutschlan­d befindet sich am Universitä­tsklinikum in Leipzig. Hier wird eine Niere transplant­iert.
 ?? Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa-zb ?? Immer mehr Menschen tragen einen Organspend­eausweis bei sich. Dort können sie sich als Organspend­er erklären oder dagegen ausspreche­n.
Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa-zb Immer mehr Menschen tragen einen Organspend­eausweis bei sich. Dort können sie sich als Organspend­er erklären oder dagegen ausspreche­n.

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