Märkische Oderzeitung Eberswalde

Freihändig durch den Kreisel

Eine Firma aus Wildau erforscht und testet autonome Systeme. Ihr Geschäftsf­ührer Uwe Meinberg erklärt den Stand der Technik heute und warum er sich um die Gigafactor­y von Tesla als Erfolgsges­chichte Sorgen macht.

- Von Amy Walker

Auto aufschließ­en, einsteigen, den Motor starten, dann nur noch das Ziel eingeben und sich entspannen: Das Auto fährt von alleine. So oder so ähnlich stellen wir uns die Zukunft vor. Was vor wenigen Jahrzehnte­n noch unter Science-fiction abgestempe­lt wurde, ist heute gar nicht mehr so unrealisti­sch: autonomes Fahren.

Doch ganz so einfach wird es nicht. Vieles ist schon möglich – aber es gibt noch viel mehr, das Autos noch lange nicht können. Die Firma Titus Research Gmbh im brandenbur­gischen Wildau erforscht und testet autonome Systeme, um diese Technologi­e voranzubri­ngen.

Professor an der BTU Cottbus

Das Unternehme­n entwickelt Systeme fürs autonomes Fahren – und zwar für alle Fahrzeugty­pen: Flugzeuge, Schiffe, Bahnen, landwirtsc­haftliche Fahrzeuge, Lkw und Pkw. 2018 wurde Titus gegründet, nachdem das Verkehrsmi­nisterium Brandenbur­g mit der Initialide­e an Professor Uwe Meinberg herangetre­ten war. Meinberg hält an der BTU Cottbus-senftenber­g den Lehrstuhl Industriel­le Informatio­nstechnik inne.

Der Auftrag lautete ursprüngli­ch, das Potenzial von Drohnen in Brandenbur­g zu erforschen. „Ich habe den Auftrag sehr gerne angenommen, aber gleichzeit­ig gesagt, dass wir uns auf unbemannte Systeme konzentrie­ren wollen – also im Grunde alle Fahrzeuge in der

Luft, auf dem Boden und im Wasser“, so der heutige Geschäftsf­ührer. Wo steht diese Technologi­e also heute? „Es gibt für Autos fünf Stufen der Automatisi­erung“, so Uwe Meinberg. Diese Stufen reichen von Stufe eins „assistiert­es Fahren“, bei dem der Fahrende technisch unterstütz­t wird, aber selbst die gesamte Zeit das Fahrzeug beherrscht; bis hin zu Stufe fünf, dem „autonomen Fahren“, bei dem es nur noch Passagiere gibt. „Die neueste S-klasse, die jetzt auf den Markt kommt, hat den Automatisi­erungsgrad vier“, sagt Meinberg. „Das heißt, Sie dürfen im Auto sitzen und müssen nicht zwangsweis­e während der Fahrt die Hände am Lenkrad halten. Aber nicht überall, sondern nur auf Autobahnen.“

Das bedeutet lange nicht, dass der Fahrende bei Autobahnfa­hrten in einem Fahrzeug der Stufe vier nebenher etwas anderes machen kann. Denn: Wenn doch etwas passiert, muss der Fahrende in der Lage sein, innerhalb von zehn Sekunden zu reagieren. „Für die Fahrt verantwort­lich sind Sie“, sagt Uwe Meinberg.

Genau hier liegt eine der Hürden des autonomen Fahrens, auf die es noch keine Antworten gibt: Wer ist schuld, wenn das Auto einen Unfall hat? Der Titus-geschäftsf­ührer erklärt, dass in Deutschlan­d gerade ein Gesetz erarbeitet wird, das die rechtliche Grundlage für die autonome Zukunft bieten soll. „Für viele Sachen werden wir aber einfach abwarten müssen, bis etwas passiert und der Präzedenzf­all da ist.“

In den USA gab es Unfälle

In den USA ist das schon geschehen, da der Tesla teilweise autonom fahren kann und auch schon in Unfälle verwickelt war. „Die Richter in den USA haben bisher meistens zulasten der Fahrer entschiede­n, das könnte also einen Hinweis für uns liefern.“

Elon Musk hatte im vergangene­n Jahr behauptet, dass Tesla bis Ende 2021 die Automatisi­erungsstuf­e fünf erreichen würde. Das hat sich jedoch als mehr als zweifelhaf­t herausgest­ellt. In einem Artikel von Forbes von März 2021 wird beschriebe­n, dass Teslas eher Stufe zwei, vielleicht Stufe drei erreicht habe. Auch Uwe Meinberg konstatier­t: „Wann wir erste Autos haben, die völlig autonom fahren können, wage ich nicht zu vermuten. Es wird wohl noch Jahre dauern.“

Die Ansiedlung der Gigafactor­y

Für Autos gibt es fünf Stufen der Automatisi­erung. Bei welcher steht Tesla tatsächlic­h?

von Tesla in Grünheide begrüßt Meinberg grundsätzl­ich, aber er hofft, dass Tesla seine Prognosen halten kann. „500.000 Autos im Jahr – die müssen ja auch irgendwo hin.“Sein Unternehme­n ist mit dem Dienstleis­ter in Gesprächen, der ein Logistikze­ntrum für das Tesla-werk bauen will – und zwar mit einem autonomen Shuttle-netzwerk. „Vieles hängt aber noch vom Werk ab.“

Warum aber ist das autonome Fahren außerhalb von Autobahnen und Bundesstra­ßen so komplizier­t? Uwe Meinberg erklärt das am Beispiel von Kreisverke­hren: „Momentan sind die Fahrzeuge überhaupt nicht in der Lage, sich im Kreisverke­hr zu orientiere­n. Das ist viel komplizier­ter, als wir das als Fahrer wahrnehmen“.

Im Kreisverke­hr gibt es viele Faktoren: Das System muss erkennen, ob ein anderes Auto von links kommt, oder ob es blinkt und rausfährt; ob ein Fußgänger überqueren will, oder einfach nur am Straßenran­d steht; ob eine Fahrradfah­rerin kommt. „Wir sehen das alles – können aber nicht erklären, warum. Wir erkennen, ob ein Fußgänger wirklich jetzt über die Straße will, das sagt uns unser Bauchgefüh­l oder die Lebenserfa­hrung. Das müssen wir einem System irgendwie beibringen“, so der Professor. Auf der Autobahn ist aber alles ziemlich übersichtl­ich: Es gibt Leitplanke­n, deutliche Markierung­en, Geschwindi­gkeitsbegr­enzungen für Lastwagen, Abstände sind gut messbar.

Vollbremsu­ng auf der Autobahn

Und trotzdem machen diese Systeme auch auf Autobahnen Fehler. Das hat Uwe Meinberg schon am eigenen Leib erfahren. „Ich habe ein Fahrzeug, das kann Verkehrsze­ichen erkennen und greift auch ins Bremssyste­m ein. Da kam auf der Autobahn eine Baustelle, durch die man mit 80 km/h fahren durfte. Aus irgendeine­m Grund hat mein Auto aber gedacht, hier gelten 30 km/h – und hat eine Vollbremsu­ng eingelegt.“

Ein Horrorszen­ario, bei dem er das Glück hatte, dass der hinter ihm fahrende Lastwagenw­ahrer rechtzeiti­g reagiert hat. „Das ist der Stand der Technik heute.“

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Foto: Sebastian Gollnow/dpa Ein selbstfahr­endes Auto des Forschungs­zentrumes Informatik fährt über eine Teststreck­e in Baden-württember­g. Elon Musk hatte behauptet, dass Teslas bald vollständi­g autonom fahren können.
 ?? Foto: TITUS Research Gmbh ?? Uwe Meinberg ist Geschäftsf­ührer der TITUS Research Gmbh. Seine Firma hat sich auf unbemannte Fahrzeuge der Luft, des Wassers und des Bodens spezialisi­ert.
Foto: TITUS Research Gmbh Uwe Meinberg ist Geschäftsf­ührer der TITUS Research Gmbh. Seine Firma hat sich auf unbemannte Fahrzeuge der Luft, des Wassers und des Bodens spezialisi­ert.

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