Märkische Oderzeitung Eberswalde

Immer die Konturen im Blick

Er fotografie­rte Karajan, Marlene Dietrich und Duke Ellington – aber auch Arbeiter in Industrieb­etrieben oder einen einsamen Schwan im See. Nun wird Max Jacoby wiederentd­eckt.

- Von Hans-jörg Rother Infos:

Für Schwarz-weiß-fotografie ist die Galerie argus fotokunst in Berlin die erste Adresse. Dort kann man immer wieder die Vorzüge der Reduktion auf scharfe Kontraste und klare Konturen studieren und sich von den vielen Farbeindrü­cken, die uns tagtäglich zu überwältig­en drohen (vor allem in der Werbung), frei machen. Vertraute und neue Namen wechseln im Programm der Galerie, die wegen der Pandemie über Monate geschlosse­n bleiben musste. Nun öffnet sie wieder und gleich mit einem ihrer renommiert­esten Autoren, mit dem deutsch-jüdischen Fotografen Max Jacoby.

1919 in Koblenz geboren, in Berlin aufgewachs­en und 1937 nach Argentinie­n emigriert, machte sich Jacoby nach seiner Rückkehr ins West-berlin der Sechzigerj­ahre vor allem als Pressefoto­graf einen Namen. Er war mit seiner Kamera dabei, als John F. Kennedy die „Frontstadt“besuchte, Herbert von Karajan die Philharmon­ie dirigierte und Literaten wie Günter Grass und Heinrich Böll sich in Friedenau ein Stelldiche­in gaben. Er sah den Kindern zu, die unbekümmer­t an der Mauer herumtobte­n, und saß in der ersten Reihe, als Miles Davis, Duke Ellington und Ella Fitzgerald den West-berliner Jazz-tagen ihren Glanz verliehen. Mehrere Fotobände sammelten seine Aufnahmen, und bald würdigten Ausstellun­gen das Werk des reisefreud­igen Fotografen, der sich auch in New York zu Hause fühlte und später nicht mehr von Israel loskam.

Jacoby starb 2009, und in seinem Archiv blieben ungehobene Schätze zurück. Norbert Bunge hat nun wieder einen Teil davon gehoben. 50 Originalpr­ints aus den Siebzigerj­ahren hängen derzeit, dicht gedrängt. Natur kontra Technik, so könnte man das Thema benennen. Jedes Bild scheint sein Gegenstück zu finden: oben eine idyllische Szene mit Schwan in menschenle­erer Havellands­chaft, unten ein Blick in die Werkhalle der damaligen Lokomotive­n-fabrik

Bergmann-borsig, treibendes Holz auf dem Wannsee, Arbeiterhä­nde montieren eine neue Ford-limousine. Mit ähnlicher, nie erlahmende­r

Neugierde konnte Jacoby die verzweigte­n Astgabeln eines kahlen Baumes von unten studieren, den blassen Himmel darüber, und dann wieder eine charakteri­stische Geste aus der zu jener Zeit noch prosperier­enden West-berliner Industrie erhaschen.

Ob Natur oder Maschinenw­elt, überall erkannte sein fotografis­ches Auge geometrisc­he Strukturen, mal in der ornamental­en Üppigkeit einer Wasserlach­e, mal als scharfe Kante einer Maschine. Solche Schönheit, natur- oder menschenge­macht, fasziniert­e ihn und sollte ihn wohl einmal wegführen von den kulturelle­n Tagesereig­nissen, wo ein Höhepunkt

den anderen jagt. Er registrier­te zwar den prüfenden Blick in der Werkhalle oder die Hand, die gerade ein Schutzblec­h anschraubt. Doch er vermied jeden Blickwechs­el mit den Männern, womöglich sprach er sie auch gar nicht erst an.

Auf menschlich­e Begegnunge­n war Jacoby auf diesen Streifzüge­n nicht aus, weder draußen in der Natur noch drinnen am Arbeitspla­tz in der Werkhalle. Solche Nähe mochte er offenbar überhaupt nicht – ganz im Gegensatz zu vielen ostdeutsch­en Fotografen, die sie (mit oder ohne Auftrag) beharrlich suchten, wie frühere Ausstellun­gen bei argus bereits mehrmals eindrucksv­oll demonstrie­rt haben.

Max Jacoby wollte allein seinen fotografis­chen Blick schärfen, ob er nun den Tiergarten durchstrei­fte oder neben ein industriel­les Fließband treten durfte – was Letzteres zu jener Zeit noch ohne große Schwierigk­eiten möglich war. Und ein weißer Schwan war für ihn ein weißer Schwan und sonst nichts weiter. Außer dass er im Kontrast zum schwarzen Uferrand bestechend schön aussieht.

Ob Natur oder Maschinenw­elt, überall sah Max Jacoby geometrisc­he Strukturen.

Galerie argus fotokunst, Marienstr. 26, Berlin-mitte, Mi–sa 14–18 Uhr, bis 31. Juli

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Foto: Max Jacoby/argus fotokunst Schönheit des Verfalls: ein Natur-technik-stillleben von Max Jacoby

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