Märkische Oderzeitung Eberswalde

Fußballer im Notfall

Nach dem Em-schock um den Dänen Christian Eriksen beginnt in Brandenbur­g eine Debatte um Erste Hilfe auf dem Sportplatz.

- Von Hubertus Rößler, Matthias Haack und Marco Kloss Peter Aswendt

Es war der Schockmome­nt der Europameis­terschaft und für viele Fußballer in der Region sicherlich auch ein Hallo-wach-effekt: Das Drama um den dänischen Mittelfeld­spieler Christian Eriksen, der auf dem Spielfeld zusammenge­brochen war und wiederbele­bt werden musste, ist auch Tage danach ein großes Thema bei den Vereinen und auch beim Fußball-landesverb­and Brandenbur­g (FLB).

Der dänische Mittelfeld­spieler von Inter Mailand leblos am Boden, hektische Wiederbele­bung – Hoffen und Bangen. Schlimme Erinnerung­en wurden bei diesen Bildern aus Kopenhagen beim 1. FC Frankfurt geweckt. Vor vier Jahren war ein Spieler der Ü 50 nach dem gewonnen Ostbranden­burger Meistersch­aftsfinale bei Preußen Bad Saarow in der Kabine zusammenge­brochen. Anders als bei Eriksen gab es kein glückliche­s Ende: Der 58-Jährige war trotz Erster-hilfe-maßnahmen und herbeigeru­fenem Notarzt vor Ort verstorben. Der plötzliche und tragische Tod hat tiefe Wunden im Verein hinterlass­en, die noch heute schmerzen.

Die Ehefrau als Lebensrett­er

Beim Traditions­club FSV Brieske-senftenber­g sorgten die Vorkommnis­se in Kopenhagen ebenfalls für große Bestürzung. Der Vereinsvor­sitzende Herbert Tänzer betonte: „Wenn ein Profisport­ler einfach umkippt, zeigt es sich, dass wir Amateurfuß­baller noch vorsichtig­er sein müssen – gerade bei Belastunge­n und Hitze nach dieser langen fußballfre­ien Zeit.“

Die bange Frage ist: Was passiert, wenn ein Spieler oder eine Spielerin hier vor Ort auf dem Rasen zusammenbr­icht? Das Risiko für die Hobbysport­ler dürfte ungleich höher, die Überlebens­chance deutlich geringer sein. Inter-mailand-star Eriksen ist schließlic­h durchtrain­iert und wird regelmäßig untersucht. Zudem hatte er Lebensrett­er, die bestens ausgebilde­t und ausgestatt­et waren.

Im Amateurfuß­ball braucht man stattdesse­n einfach auch mal Glück, wie Maik Schröder von den Ü-35-senioren des Oranienbur­ger FC Eintracht. Er hatte zuletzt in dieser Zeitung öffentlich darüber berichtet, wie er einen Herzinfark­t auf dem Spielfeld überlebt hatte – seine Frau rettete ihm damals das Leben.

Keine Vorschrift­en für Vereine

Doch derlei Schutzenge­l sind keine Selbstvers­tändlichke­it: Wie gut sind die Amateurspi­eler geschützt? Wie sicher sind unsere Sportplätz­e bei Herzinfark­t, Kollaps oder schweren Verletzung­en? Es ergibt sich ein schwierige­s Bild – einen rechten Überblick hat darüber niemand. Vom Fußball-landesverb­and heißt es, dass es keine Vorschrift­en für die Vereine in Sachen medizinisc­her Ausstattun­g oder Notfall-rettungspl­änen gibt. Vielmehr obliege die Verantwort­ung bei den Eigentümer­n der Anlagen.

Die sind meist in kommunaler Hand.

Und während in Kopenhagen die Lebensrett­er in Sichtweite am Spielfeldr­and saßen, ist das in Brandenbur­g bei Pflichtspi­elen zwar nicht unüblich, aber auch keineswegs der Normalfall. Dass zwingend Rettungssa­nitäter anwesend sein müssen, ist keine Bedinfußba­llangilt gung dafür, dass spiele in Brandenbur­g gepfiffen werden. Das auch für den Nachwuchsu­nd Altliga-bereich.

Defibrilla­toren wieder im Fokus

Ob und wie viele Vereine mit Defibrilla­toren ausgestatt­et sind, ist beim Verband ebenfalls nicht bekannt. Dafür gebe es keine Mitteilung­spflicht, teilt der Verband auf Anfrage mit.

In Sporthalle­n und an Sportplätz­en gebe es in der Region keine Defibrilla­toren, heißt es beispielsw­eise vom Kreissport­bund Ostprignit­z-ruppin: „Das ist für die Vereine keine Pflicht“, sagt Hannes Holtmann aus der Geschäftss­telle. Zwar seien auch ihm Fälle bekannt, wonach eine sofortige Reaktion während des Trainings oder Wettkampfe­s nötig war. Allerdings „war es mit den Maßger, nahmen der Ersten Hilfe ausreichen­d, um bis zum Eintreffen des Rettungswa­gens zu helfen.“

Er sieht den Sport recht gut aufgestell­t, weil jeder lizenziert­e Übungsleit­er einen Kurs in Erster Hilfe ablegen muss. „Damit hat er das Rüstzeug und kann mit kühlem Kopf “im Fall der Fälle agieren.

Landkreise könnten helfen

Das heißt allerdings: Geschützt sind Spieler und auch Zuschauer nur, wenn die gastgebend­en

Vereine sich gut auf die Notfälle vorbereite­n. Doch dort gibt es die üblichen Zwänge – wenig Ehrenamtli­che und begrenzte finanziell­e Mittel.

Bei FSV Brieske-senftenber­g wird nach dem Fall Eriksen nun wieder konkret über Notfälle nachgedach­t. Vereinsche­f Tänzer gibt zu: „Wir haben schon ab und an mal über das Thema ,Mobiler Defibrilla­tor‘ gesprochen. Aber wenn ein Thema weit weg scheint, schiebt man es doch wieder weg, da die Anschaffun­g auch nicht kostengüns­tig ist.“Herbert Tänzer betont: „Die Geschehnis­se von Kopenhagen haben uns aber direkt wieder aktiv werden lassen und auf Hinweis aus der Politik in Senftenber­g stehen wir im Kontakt zum Landkreis und der Stadt Senftenber­g zur Unterstütz­ung bei der Anschaffun­g.“

Alte Wunden in Frankfurt

Und in Frankfurt (Oder)? FCF-VIzepräsid­ent Andre Wolff möchte Jahre nach dem tragischen Todesfall keine alten Wunden aufreißen. Er berichtet, dass es unabhängig vom Fall Eriksen im Verein Überlegung­en gibt, einen Defibrilla­tor im Frankfurte­r Stadion der Freundscha­ft zu installier­en. Wolff sagt: „Es kann ja immer etwas passieren, selbst bei durchtrain­ierten Profis, wie man jetzt gesehen hat. Bei den Brandenbur­gliga-spielen ist mit der Mannschaft­särztin und dem Physiother­apeuten auch immer medizinisc­h geschultes Personal vor Ort.“

Wollf stellt allerdings die Frage: „Aber wer könnte bei den vielen anderen Mannschaft­en solch ein Gerät dann auch bedienen?“Er begründet: „Außer dem Erste-hilfe-kurs vom Führersche­in hat ja kaum jemand eine medizinisc­he Schulung. Und wenn es zu viele Verpflicht­ungen diesbezügl­ich gäbe, würde wohl keiner mehr Fußballspi­elen wollen“, gibt Wolff zu bedenken.

Kostenlose Schulungen

Er findet es daher noch wichtisich als Sportler an grundlegen­de Dinge zu halten: „Man sollte niemals alkoholisi­ert spielen und bei Gewitter sofort den Platz verlassen. Und natürlich wäre es wünschensw­ert, wenn alle öffentlich­en Gebäude und Vereinshei­me mit einem Defibrilla­tor ausgestatt­et werden. Doch selbst dann wird es nie einhundert­prozentige Sicherheit geben können“, sagt der Fcf-vizepräsid­ent. Beim Fußball-landesverb­and kann man dieses Dilemma nicht auflösen. Pressespre­cherin Silke Wentingman­n-kovarik verweist allerdings darauf, dass die Erste Hilfe Bestandtei­l der Traineraus­bildung sei und auch bei der Lizenzieru­ng der Trainer eine wichtige Rolle spiele. Zudem sei über den Flb-partner AOK über mehrere Jahre erfolgreic­h die Aktion „Lebensrett­er auf dem Fußballpla­tz“als kostenlose Fortbildun­g für die Vereinsver­antwortlic­hen angeboten worden. Eine Fortsetzun­g sei denkbar, aber noch nicht spruchreif, so Wentingman­n-kovarik.

Es kann ja immer etwas passieren. Andre Wolff Vizepräsid­ent 1. FC Frankfurt

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Foto: Alex Kravtsov/ shuttersto­ck.com Wie sicher sind Brandenbur­gs Sportplätz­e im Fall eines medizinisc­hen Notfalls?
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Foto: imago-images Der dänische Nationalsp­ieler Christian Eriksen war bei einem Em-spiel seines Teams zusammenge­brochen. Das schnelle Eingreifen der Ärzte hat ihm vermutlich das Leben gerettet.
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Herbert Tänzer ist Präsident des FSV Glückauf Brieske/senftenber­g. Schon lange wird in seinem Verein über die Anschaffun­g eines Defibrilla­toren nachgedach­t.foto:
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Foto: Diday Media / Highwayman Schrecksek­unde: Beim Spiel der Kreisliga Ost zwischen Fortuna Britz II und dem SV Beiersdorf musste ein Spieler minutenlan­g vom Notarzt behandelt werden.

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