Märkische Oderzeitung Erkner

Eine Firma ganz ohne Chef

Wukantina aus Biesenthal ist ein Kollektivb­etrieb. Die Mitglieder wollten weg aus hierarchis­chen Strukturen. Doch der Alltag ist oft knifflig.

- Von Joachim Göres

Gleicher Lohn für alle, Entscheidu­ngen werden gemeinsam getroffen, es gibt keinen Chef – das ist die Idee der Kollektivb­etriebe. Einer von ihnen ist der Verein Gesunde Ernährung für Kinder und Jugendlich­e im Barnim, der die Wukantina in Biesenthal betreibt (www.wukantina.de). Auf dem Gelände des Wukania Projekteho­fes werden täglich mehr als 220 Essen für Schulen und Kindergärt­en in der Umgebung gekocht, zudem wird auch Catering für weitere Interessen­ten angeboten.

Das Motto der drei Kollektivm­itglieder seit fast vier Jahren: vernünftig­e Produkte in guter Qualität herstellen, selbstbest­immt arbeiten und davon leben können. Sie verdienen pro Stunde alle gleich viel. Wichtige Entscheidu­ngen werden einstimmig getroffen. „Wir drei haben Erfahrung in der Gastronomi­e. Wir wollten weg von den dortigen Hierarchie­n und dem Arbeitsdru­ck, deswegen haben wir uns für die Arbeit als Kollektiv entschiede­n“, sagt Tobias Schumann.

Der 40-Jährige hat zusammen mit seinen Mitstreite­rinnen Franziska Ernst und Annette Schmidt die Küche aufgebaut, mit Hilfe von Eu-förderung und Krediten von Freunden. Bankdarleh­en wollte man nicht in Anspruch nehmen. Neben den drei Kollektivm­itgliedern arbeiten noch mehrere Angestellt­e bei der Wukantina, die etwas weniger verdienen. „Einige Interessie­rte an unserer Arbeit hat die Verantwort­ung abgeschrec­kt, die man als Kollektivm­itglied hat. Deswegen gibt es bei uns auch Angestellt­e“, sagt Schumann. Täglich mindestens 350 Essen sind das Ziel, bis zu 500 Portionen wären möglich.

Ein weiterer Kollektivb­etrieb in Brandenbur­g ist das Studio 114 in Potsdam, das sich auf den Siebdruck spezialisi­ert hat. „Da unser Gewinn nicht in der Ausbeutung liegt, tun wir, was wir können, um dem Anspruch eines fairen, sozial verantwort­lichen und ökologisch­en Arbeitens gerecht zu werden“, heißt es auf der Homepage.

Nicht selten werden Kollektivb­etriebe nebenbei betrieben, und ihre Mitglieder verdienen ihren Lebensunte­rhalt anderweiti­g. So ist es auch bei der Augsburger Sprengstof­f Brauerei. Fünf Aktive haben im vergangene­n Jahr in Eigenregie 5500 Liter Bier gebraut, das an Privatpers­onen und Gaststätte­n verkauft wird. „Diese Menge reicht nicht aus, um davon leben zu können. Doch das wollen wir auch gar nicht, wir sind zufrieden, wenn wir durch den Verkauf die Unkosten decken“, sagt Jörg Dudat.

Eine spezielle Rechtsform für Kollektive, die die Rechte und Pflichten der Mitglieder genau regelt, fehlt bislang in Deutschlan­d. Die Sprengstof­f Brauerei hat sich für eine Gesellscha­ft bürgerlich­en Rechts entschiede­n, bei der die Mitglieder mit ihrem Privatkapi­tal haften. Dudat hofft darauf, dass die GBR in eine Genossensc­haft umgewandel­t wird, um das finanziell­e Risiko für die Aktiven zu senken. „Wir werden weiter diskutiere­n, bis wir zu einer einvernehm­lichen Lösung kommen“, sagt Dudat.

Er räumt ein, dass diese Form der Entscheidu­ngsfindung ohne Chef zeitaufwen­dig ist, doch genau deswegen engagiert er sich in einem Kollektivb­etrieb: „Ich habe lange bei einem Bahn-tochterunt­ernehmen gearbeitet und dabei viel Frust erlebt. Solche hierarchis­chen Strukturen brauche ich nicht mehr, sondern ich möchte erleben, dass Arbeit auch Spaß machen kann.“

Der Hamburger Verein „Kunst des Scheiterns“berät Kollektivb­etriebe bei der Gründung oder bei Krisen. Kneipen, Bioläden, Handwerksb­etriebe, Kaffeeröst­ereien, Buchhandlu­ngen und Druckereie­n gehören zu den Ratsuchend­en. Das Prinzip „gleicher

Lohn“wird in der Praxis unterschie­dlich gehandhabt – zum Beispiel kann die Zahl der Kinder oder der Gesundheit­szustand ein Grund für einen Zuschlag sein.

Mindestens 1000 Kollektivb­etriebe ohne Hierarchie­n und mit einheitlic­her Bezahlung gibt es in Deutschlan­d nach Schätzung der Diplom-pädagogin Sonja Löser, die seit mehr als zehn Jahren für den Hamburger Verein ehrenamtli­ch Kollektive berät. „Diese Zahl steigt in letzter Zeit. Gerade junge Leute gründen mit Freunden solche Betriebe, weil sie anders arbeiten und das bestehende Wirtschaft­ssystem verändern wollen“, sagt Löser und fügt hinzu: „Die wollen nicht das große Geld verdienen, sondern selbstbest­immt ihren Beruf gestalten.“Sie kennt die Schwierigk­eiten für Gründer: Viele Banken trauen Kollektive­n nicht und verweigern Kredite. „Aber in der Dienstleis­tungsbranc­he braucht man meist nicht so viel Geld, um loszulegen. Außerdem werben neue Kollektive oft erfolgreic­h um Crowdfundi­ng-mittel“, sagt Löser.

Vor allem in Berlin, Hamburg und München sind Kollektive zu finden, aber auch in der Provinz. Bekanntest­es Beispiel für einen Betrieb, dessen Produktion nach der Pleite von einem Mitarbeite­rkollektiv fortgeführ­t wurde, ist eine Fahrradfab­rik in Nordhausen in Thüringen. Als sie 2007 geschlosse­n wurde, haben 18 Mitarbeite­r zwei Jahre lang in Eigenregie Fahrräder hergestell­t und verkauft. „Leider haben sie nicht überlebt, denn der Fahrradmar­kt war sehr schwierig“, sagt Löser. Sie kennt auch etliche einstige Kollektive, die irgendwann doch unterschie­dlichen Lohn und betrieblic­he Hierarchie­n eingeführt haben. Löser: „Wenn einer mehr Geld zur Gründung beigesteue­rt hat, entstehen informelle Machtstruk­turen. Das passiert auch, wenn nur eine Person eine bestimmte Kompetenz hat.“

Junge Leute gründen solche Betriebe, weil sie das Wirtschaft­ssystem verändern wollen.

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Archivfoto: Wolfgang Rakitin Es werden vier Jahre, seit Tobias Schumann mit Mitstreite­rn einen Kollektivb­etrieb in Biesenthal gegründet hat.

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