Nie­mals sein, im­mer wer­den

Mit dem mo­nu­men­ta­len Über­blicks­band „Ber­lin. Bio­gra­fie ei­ner gro­ßen Stadt“hat Jens Bis­ky der Me­tro­po­le ei­nen bun­ten Kranz ge­floch­ten.

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - KULTUR REGIONAL - Von Ha­rald Loch

Nie­mand kann Ber­lin ver­ste­hen. Aber Jens Bis­ky kann Ber­lin er­zäh­len und er­zäh­len las­sen. Der in der DDR auf­ge­wach­se­ne Au­tor ist lei­ten­der Re­dak­teur im Feuille­ton der „Süd­deut­schen Zei­tung“und be­rich­tet seit Lan­gem über Ber­lin für ein Nicht­ber­li­ner Pu­bli­kum. Jetzt hat er die mo­nu­men­ta­le „Bio­gra­phie ei­ner gro­ßen Stadt“ge­schrie­ben, ein Werk, das His­to­rio­gra­phie, Feuille­ton und ei­ne Men­ge her­vor­ra­gend aus­ge­wähl­ter O-tö­ne zu dem Ber­lin-buch der Ge­gen­wart macht.

Es spannt über sie­ben Jahr­hun­der­te ei­nen Bo­gen, der nicht et­wa Ver­gan­gen­heit und Ge­gen­wart auf ei­nen Nen­ner zu brin­gen ver­sucht – nicht ein­mal auf den des ge­flü­gel­ten Wor­tes, dass Ber­lins Schick­sal dar­in be­steht, nie­mals zu sein, son­dern im­mer zu wer­den. Das Blei­ben­de an Ber­lin ist in ers­ter Li­nie die geo­gra­phi­sche La­ge auf und an den Ufern der Spree­insel.

Was sich hier ab­spiel­te, das er­zählt Bis­ky in glän­zen­der Pro­sa, in der er kunst­voll die ei­ge­ne Er­zäh­lung mit zeit­ge­nös­si­schen Stim­men zu ei­ner Ein­heit ver­webt, die ver­läss­lich in­for­miert, das je­wei­li­ge Zeit­ko­lo­rit ein­fängt und den Le­ser fes­selt. Sein Ur­teil wird auch den Auf­bau­leis­tun­gen und manch an­de­rem in Ost­ber­lin an­ge­mes­sen ge­recht.

Die An­fän­ge der Dop­pel­stadt Ber­lin/cölln dürf­ten den We­nigs­ten be­kannt sein, war die Sied­lung doch – bis sie Haupt­stadt Bran­den­burgs wur­de – po­li­tisch un­be­deu­tend, arm und noch kei­nes­wegs se­xy, wie sie Jahr­hun­der­te spä­ter von ei­nem ge­wähl­ten Stadt­ober­haupt ge­nannt wur­de. Der Auf­stieg Ber­lins ist mit dem der Ho­hen­zol­lern und Bran­den­burgs, Preu­ßens und des Deut­schen Rei­ches un­mit­tel­bar ver­bun­den. Die Stadt schrieb an der Ge­schich­te des Lan­des mit, des­sen Haupt­stadt es wur­de, und sie teil­te die­se Ge­schich­te.

Ber­lin teil­te auch die Zä­su­ren des Lan­des – das Jahr 1701, als das Kur­fürs­ten­tum Bran­den­burg zum Kö­nig­reich Preu­ßen wur­de. Oder in der Zeit der Auf­klä­rung, die in Ber­lin im 18. Jahr­hun­dert ei­nen re­la­tiv ge­schütz­ten Ort fand. Das Zeit­al­ter Na­po­le­ons und der Re­stau­ra­ti­on nach des­sen Nie­der­wer­fung, der Wil­hel­mi­nis­mus, der Ers­te Welt­krieg und die Wei­ma­rer Zeit präg­ten Deutsch­land und Ber­lin ähn­lich, aber doch un­ter­schied­lich. Die Zu­wan­de­rung von au­ßen, von Nie­der­län­dern, fran­zö­si­schen Hu­ge­not­ten, pol­ni­schen In­dus­trie­ar­bei­tern, Ju­den aus Ost­eu­ro­pa ver­än­der­ten und ver­misch­ten die Be­völ­ke­rung. Nach dem Krieg ka­men Ita­lie­ner, wur­den Tür­ken und Ju­go­sla­wen an­ge­wor­ben; kürz­lich flo­hen Men­schen aus Sy­ri­en, Af­gha­nis­tan und Afri­ka auch nach Ber­lin. Der Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ist zwar nicht in Ber­lin ent­stan­den, fand und bil­de­te hier aber die Struk­tu­ren für sei­ne Ver­bre­chen und den Welt­krieg. Der hin­ter­ließ 1945 ein sehr zer­stör­tes Ber­lin mit ei­ner sehr ver­stör­ten Be­völ­ke­rung und vier Al­li­ier­ten, die sich bald zer­strit­ten und Deutsch­land und Ber­lin un­ter sich auf­teil­ten. Der Kal­te Krieg gip­fel­te im Bau der Mau­er, die vor 30 Jah­ren wie­der fiel und seit­dem Nach­wir­kun­gen zeigt, die von nie­man­dem ver­stan­den, von den Ber­li­nern aber – wie vie­les da­vor – als ir­gend­wie „nor­mal“emp­fun­den, von den jähr­lich 30 000 Zu­wan­de­rern mit No­ten zwi­schen „hin­nehm­bar, aber in­ter­es­sant“und „le­bens­wert“be­dacht wer­den.

Bis­ky er­zählt von al­le­dem, als wä­re er da­bei ge­we­sen, und der Le­ser liest es, als wür­de er al­les nach­er­le­ben. Es ent­steht ein gro­ßes Ge­schichts­buch, ei­ne Kul­turund Geis­tes­ge­schich­te, aber auch ei­ne Ge­schich­te der Stadt­ent­wick­lung, die erst vor 100 Jah­ren zu dem Groß-ber­lin führ­te, das es heu­te gibt.

Skan­da­le ge­hö­ren da­zu

Über­haupt das Bau­en – Bis­ky er­zählt von den Miets­ka­ser­nen der Grün­der­jah­re, von den Re­form­be­we­gun­gen der 1920er-jah­re, vom Wie­der­auf­bau in Ost und West, von den Bauskan­da­len der 1970er- und 1980er-jah­re in West­ber­lin. „Bau­en in West-ber­lin hieß: Steu­ern spa­ren, dem Fi­nanz­amt auf ganz le­ga­lem Weg ein Schnipp­chen schla­gen.“Als Per­so­ni­fi­zie­rung hier­für dient die Ar­chi­tek­tin Kress­mann-zschach, die Er­baue­rin des Skan­dal-hoch­hau­ses Ste­glit­zer Krei­sel: „Aus der Bio­gra­phie die­ser Ar­chi­tek­tin ist mehr über die In­sel­stadt zu er­fah­ren als aus dem Le­bens­lauf man­cher Se­na­to­ren. Sie be­dien­te die Tal­mi-sehn­süch­te der Kom­mu­nal­po­li­ti­ker und wirkt in vi­e­lem wie ei­ne Fi­gur aus ei­nem Fass­bin­der-film.“

Bei al­ler kri­ti­schen Sicht auf das, was an Ber­lin zu Recht zu kri­ti­sie­ren ist, bleibt Bis­ky vol­ler Em­pa­thie mit der Stadt, de­ren Li­be­ra­li­tät er schätzt und rühmt und die zu „ver­ste­hen“er nicht vor­gibt: „Die ver­gan­ge­nen drei­ßig Jah­re ha­ben ge­zeigt, dass die Stadt­ge­sell­schaft im Gan­zen meist wei­ter ist als die Lan­des­po­li­tik, auf­merk­sa­mer, li­be­ra­ler, fle­xi­bler. (...) Ber­lin steht für ei­ne be­son­de­re Frei­heit.“Bis­kys Ber­lin-buch bleibt in sei­nem kraft­vol­len Ur­teil be­schei­den und kommt oh­ne die gro­ßen Wor­te aus, die er zi­tiert – im­mer mit ei­nem Schuss Iro­nie.

Die gan­ze Ge­schich­te spie­gelt sich in ei­ner Stadt.

Jens Bis­ky:

„Ber­lin. Bio­gra­phie ei­ner gro­ßen Stadt“, Ro­wohlt Ber­lin, 980 Sei­ten, 38 Eu­ro. Ab 21. 10. gibt es di­ver­se Le­sun­gen in Buch­hand­lun­gen in Ber­lin (mehr un­ter www.ro­wohlt.de).

Fo­to: Paul Zin­ken/dpa

Ein ewi­ger Traum in der Nacht: der Ber­li­ner Funk­turm und das Mes­se­ge­län­de, auf­ge­nom­men in ei­ner Land­zeit­be­lich­tung

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.