„Für ver­rück­te Ide­en gibt es ein­fach kein Geld“

Er ist der neue Mann für das, was man Sprun­gin­no­va­tio­nen nennt. Im Auf­trag der Bun­des­re­gie­rung soll der Un­ter­neh­mer Er­fin­der auf­spü­ren und för­dern, de­ren Pro­duk­te unser Le­ben ra­di­kal ver­än­dern.

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - POLITIK - Von Ma­thi­as Pud­dig

Für Ra­fa­el La­gu­na de la Ve­ra be­ginnt der Blick in die Zu­kunft mit ei­ner Rei­se in die ei­ge­ne Kind­heit. Denn die von der Bun­des­re­gie­rung ins Le­ben ge­ru­fe­ne Agen­tur für Sprun­gin­no­va­tio­nen, de­ren Grün­dungs­di­rek­tor La­gu­na ist, fin­det ih­ren Sitz in Leip­zig, wo der Un­ter­neh­mer ge­bo­ren wur­de. Ein Zu­fall, wie er gleich zu Be­ginn des Ge­sprächs im rus­ti­ka­len Rats­kel­ler be­tont. Spä­ter am Tag, so er­zählt er, wird er mit Ver­tre­tern der Stadt Leip­zig „ei­ne Men­ge Pa­pie­re“un­ter­schrei­ben. Mit bis zu 50 Mit­ar­bei­tern soll er vom nächs­ten Jahr an auf die Su­che nach bahn­bre­chen­den Ide­en ge­hen und sie so­lan­ge be­glei­ten, bis sie sich am Markt be­haup­ten. La­gu­na brennt dar­auf, end­lich mit der Ar­beit zu be­gin­nen.

Herr La­gu­na, wie bli­cken Sie heu­te auf die Stadt Ih­rer Kind­heit?

Wenn ich mir Leip­zig an­schaue, er­ken­ne ich es kaum wie­der. Kurz nach dem Mau­er­fall wur­den hier ja erst die Prunk­bau­ten in der In­nen­stadt sa­niert. Mitt­ler­wei­le sind die Bau­lü­cken ge­schlos­sen, und die Stadt hat ei­ne per­fek­te Ver­kehrs­in­fra­struk­tur mit Flug­ha­fen, Au­to­bahn und schnel­len Bahn­ver­bin­dun­gen nach Nor­den, Sü­den und Wes­ten. Und nun sieht man, wie das greift. Die Stadt wächst wie­der, übe­r­all herrscht Auf­bruch­stim­mung. Das Le­ben ist zu­rück. Leip­zig hat heu­te die Auf­bruch­stim­mung, die es in Ber­lin be­reits vor fünf oder zehn Jah­ren gab. Die Zeit ist jetzt reif für Leip­zig. Das passt gut zur Agen­tur.

Die Agen­tur soll Sprun­gin­no­va­tio­nen fin­den und för­dern. Was ist das ei­gent­lich?

Ei­ne Sprun­gin­no­va­ti­on ver­än­dert unser Le­ben und die Wirt­schaft so, dass man Vor­her und Nachher deut­lich un­ter­schei­den kann. Wenn ei­ne Sprun­gin­no­va­ti­on pas­siert ist, dann fragt man sich im Rück­blick, wie man ei­gent­lich oh­ne sie le­ben konn­te. Das Smart­pho­ne ist so ein Bei­spiel oder das In­ter­net. Wie konn­te man oh­ne In­ter­net über­haupt at­men?

Ist es Zu­fall, dass von die­sen bei­den Er­fin­dun­gen vor al­lem Us-fir­men pro­fi­tiert ha­ben?

Nein, ich nen­ne des­halb oft auch das Au­to als Bei­spiel. Das war die letz­te Sprun­gin­no­va­ti­on, die aus Deutsch­land kam und hier nach­hal­tig für wirt­schaft­li­chen Nut­zen ge­sorgt hat. Wir ha­ben die stol­zes­ten Au­to­mar­ken der Welt ge­schaf­fen! Nur da­nach ha­ben wir so et­was nicht mehr auf die Rei­he be­kom­men. Wir ha­ben tol­le Er­fin­dun­gen ge­macht: Kon­rad Zu­ses Com­pu­ter, die Mp3-tech­no­lo­gie und den ers­ten Walk­man. Aber die In­dus­trie ist wo­an­ders ent­stan­den. Die Sprun­gin­no­va­tio­nen, die wir för­dern, sol­len bei­des schaf­fen: die Er­fin­dung selbst und auch die wirt­schaft­li­che Um­set­zung in un­se­rem Land.

Wie­so ist die­se Um­set­zung nicht mehr ge­lun­gen?

Ge­schicht­lich be­trach­tet ha­ben wir das bis zum Zwei­ten Welt­krieg sehr gut ge­schafft. Wir ha­ben oh­ne En­de No­bel­preis­trä­ger pro­du­ziert, die Phy­sik- und Che­mie­bü­cher wa­ren auf Deutsch ge­schrie­ben. Je­mand wie Wil­helm Con­rad Rönt­gen hat ja Sprun­gin­no­va­tio­nen ge­macht! Die spä­te­ren ame­ri­ka­ni­schen No­bel­preis­trä­ger muss­ten Deutsch ler­nen und zum Stu­di­um her­kom­men. Dann kam der Zwei­te Welt­krieg, da ha­ben wir ei­ne gan­ze Be­völ­ke­rungs­grup­pe, aus der vie­le Er­fin­der stamm­ten, aus­ge­rot­tet oder weg­ge­jagt. Und was dann noch an Spit­zen­for­schern üb­rig war, ha­ben die Ame­ri­ka­ner und Rus­sen mit­ge­nom­men.

Das ist doch Jahr­zehn­te her. Wirkt das bis heu­te nach?

Heu­te gibt es sys­te­mi­sche Pro­ble­me. Unser Wis­sen­schafts­sys­tem ist sehr ge­schlos­sen. Da geht es um Zi­tie­rungs­in­di­zes, und die Wis­sen­schaft legt selbst fest, wer Dok­tor und Pro­fes­sor wer­den darf. Es geht nicht um Er­fin­dun­gen, es geht ums Pu­bli­zie­ren. Selbst bei ei­ner tol­len Er­fin­dung wie MP3 – das ist aber auch schon 30 Jah­re her – war es für uns das höchs­te Glück, Li­zenz­ein­nah­men zu ge­ne­rie­ren. Das wa­ren zwar Hun­der­te Mil­lio­nen, aber nie­mand hier hat dar­an ge­dacht, selbst ein Pro­dukt und ei­ne Fir­ma dar­aus zu ma­chen. Das ha­ben App­le und Spo­ti­fy über­nom­men.

Wie­so kann die deut­sche Wirt­schaft das nicht aus­glei­chen?

Die gro­ßen Fir­men müs­sen Quar­tals­be­rich­te ab­lie­fern und Di­vi­den­den zah­len. Des­we­gen wird dort im­mer nur kon­ti­nu­ier­lich ver­bes­sert und nicht in Sprün­gen ra­di­kal Neu­es ge­macht. Ris­kan­te In­vest­ments wer­den ver­mie­den. Und die klei­nen Fir­men krie­gen das nicht fi­nan­ziert. Für ver­rück­te Ide­en gibt es ein­fach kein Geld.

Die Agen­tur be­kommt jetzt gut ei­ne Mil­li­ar­de Eu­ro für die kom­men­den zehn Jah­re. Wann wer­den Sie ers­te Sprun­gin­no­va­tio­nen prä­sen­tie­ren kön­nen?

Das ist wahn­sin­nig schwer zu sa­gen, so­lan­ge man es nicht aus­pro­biert. Wer kei­ne Lot­to­schei­ne aus­füllt und ab­gibt, kann ja auch nicht ge­win­nen. Ich fül­le jetzt – na­tür­lich wis­sen­schaft­li­cher – ei­ne Men­ge Lot­to­schei­ne aus. Das muss man nur oft ge­nug ma­chen, dann wer­den auch Tref­fer da­bei sein. Die, die nicht klap­pen, wer­den wir schnell fin­den. Das ist ei­ne gu­te Nach­richt und ei­ne schlech­te. Denn in zwei Jah­ren wer­den wir wahr­schein­lich ei­ne ho­he Aus­fall­quo­te prä­sen­tie­ren. Da­bei ist es gut, früh zu schei­tern. Spät zu schei­tern, ist teu­er.

Aber Sie ha­ben erst ein­mal die Li­zenz zum Schei­tern?

Ja, Schei­tern ge­hört zum Sys­tem. Ich sa­ge ja nicht, dass wir schei­tern wol­len, das will nie­mand. Aber wir trau­en uns zu schei­tern.

Da pral­len Wel­ten auf­ein­an­der: Sie als queck­silb­ri­ger Un­ter­neh­mer und die Po­li­tik, die eher schwer­gän­gi­ger ist.

Das ist schon so. Aber ich bin ja aus dem Grund aus­ge­sucht wor­den.

Hat das schon ein­mal je­mand be­reut?

(lacht) Da gibt es si­cher Leu­te. Al­lein die Tat­sa­che, dass es Leip­zig wur­de, liegt ja an mir. Ich als Di­rek­tor ha­be den Stand­ort aus­ge­wählt. Je­der durf­te sich be­wer­ben, das ha­ben 17 Re­gio­nen ge­tan. Pots­dam, Karls­ru­he und Leip­zig ha­ben wir uns nä­her an­ge­schaut, und Leip­zig ist es schließ­lich ge­wor­den. Das hat si­cher­lich nicht je­dem ge­fal­len. Aber es sind trotz­dem noch al­le da­bei und sa­gen, dass das der rich­ti­ge An­satz ist. Ich soll ja po­li­tik­fern und agil sein.

Sie ha­ben jetzt Ih­re Füh­ler aus­ge­streckt. Kön­nen Sie ein Bei­spiel nen­nen, an dem Sie schon ar­bei­ten?

Wir ha­ben in Deutsch­land die Welt­ko­ry­phäe für Ana­log­com­pu­ter. Pro­fes­sor Bernd Ul­mann ist ein In­no­va­tor, wie er sein muss: ein ab­so­lu­ter Nerd. Er hat auch das Buch über Ana­log­com­pu­ter ge­schrie­ben und in sei­nem Haus ein ei­ge­nes Mu­se­um für Ana­log­com­pu­ter ein­ge­rich­tet. Er hat aber auch ei­nen mo­der­nen Ana­log­com­pu­ter ge­baut …

… al­so ei­nen Rech­ner, der ein Pro­blem mit­hil­fe phy­si­ka­li­scher Kräf­te wie Schwer­kraft, Druck oder Span­nung ab­bil­det und löst. Sieht das dann so aus wie in „Imi­ta­ti­on Ga­me“, die Ver­fil­mung von Alan Tu­rings Bio­gra­fie?

Ja, so ein biss­chen, nur mo­der­ner. Da rat­tert jetzt nichts mehr, die sind nicht mehr mecha­nisch. Ul­mann hat ei­ne mo­der­ne Form des Ana­log­com­pu­ters ge­baut, und wir ha­ben ge­mein­sam her­um­phi­lo­so­phiert, wie ei­ne kom­plett in­te­grier­te Ver­si­on ei­nes Ana­log­com­pu­ters aus­sä­he.

Wel­chen Nut­zen hät­te der Ana­log­com­pu­ter?

Di­gi­tal­com­pu­ter wur­den im­mer leis­tungs­fä­hi­ger, auf de­nen kann man al­les si­mu­lie­ren. Des­we­gen wa­ren Ana­log­com­pu­ter lan­ge un­at­trak­tiv. Jetzt wer­den die Dig­tal­com­pu­ter aber nicht mehr leis­tungs­fä­hi­ger, wir sind an den Gren­zen an­ge­kom­men. Es gibt be­reits Ana­log­rech­ner, die für be­stimm­te Auf­ga­ben ein Tau­sends­tel des Stroms ver­brau­chen und hun­dert Mal schnel­ler sind.

Wo­für braucht man sie?

Selbst­fah­ren­de Au­tos sind ein gu­tes Bei­spiel. Die heu­te üb­li­che Bat­te­rie im E-au­to wä­re mit heu­te üb­li­chen Rech­nern nach zehn St­un­den leer – und da sind Sie noch kei­nen Me­ter ge­fah­ren. Ein Ana­log­rech­ner ist für vie­les aus der ana­lo­gen Welt bes­ser ge­eig­net.

Fin­den denn Sprun­gin­no­va­tio­nen nur im Com­pu­ter-be­reich statt?

Nein, wir ar­bei­ten mit ver­schie­de­nen Be­rei­chen zu­sam­men. Auch die Um­welt ist ein Rie­sen­the­ma, denn das Kli­ma­pa­ket der Bun­des­re­gie­rung ist kei­ne Lö­sung. Re­duk­ti­on und Ver­zicht ha­ben noch nie ge­klappt, wir kön­nen Deutsch­land nicht de-in­dus­tria­li­sie­ren. Al­so müs­sen wir Er­fin­dun­gen ma­chen und zwar drin­gend.

Da kommt dann oft der Vor­wurf, die Men­schen woll­ten auf Er­fin­dun­gen war­ten, um ihr Ver­hal­ten nicht än­dern zu müs­sen.

Wir kön­nen nicht al­les ab­schal­ten, denn dann bleibt die Welt ste­hen. Und selbst wenn wir das in Deutsch­land ma­chen, wird das kei­nen Ein­fluss ha­ben. Das in­ter­es­siert die Chi­ne­sen und Ame­ri­ka­ner nicht. Gre­ta Thun­berg hat es ja ge­sagt: Wir müs­sen an die Wis­sen­schaft glau­ben und da­nach han­deln. Wir müs­sen jetzt an den In­no­va­tio­nen ar­bei­ten.

Ih­re Auf­ga­be ist es, Deutsch­land in­no­va­ti­ver zu ma­chen. Ha­ben Sie ei­gent­lich Ver­ständ­nis da­für, dass Men­schen Angst vor Ve­rän­de­run­gen ha­ben?

Ich ha­be die­ses Gen nicht, das muss ich mir er­klä­ren las­sen. Na­tür­lich passt mir auch nicht je­de Ve­rän­de­rung. Ich bin aber Op­ti­mist. Wer die Zu­kunft vor­her­sa­gen will, der muss sie ma­chen. Sonst weiß man nicht, was kommt, und das macht Angst. Ich wür­de al­so sa­gen, am bes­ten be­geg­net man Ve­rän­de­run­gen, in­dem man teil­nimmt. Aber die Welt ist kom­pli­ziert, und wir Men­schen sind emp­fäng­lich für Ne­ga­tiv­sze­na­ri­en.

Die­se Angst spiel­te bei den Wah­len in Sach­sen auch ei­ne Rol­le. Wie bli­cken Sie auf die Er­fol­ge der AFD? Ge­fähr­det das die gu­te Ent­wick­lung in Leip­zig?

Ja, ich ha­be mit vie­len Men­schen be­spro­chen, auch mit Mi­nis­ter­prä­si­dent Micha­el Kret­sch­mer und dem Leip­zi­ger Ober­bür­ger­meis­ter Burk­hard Jung, was wir bei den ver­schie­de­nen Sze­na­ri­en tun wür­den. Wir als Agen­tur wol­len für In­no­va­tio­nen aus der gan­zen Welt at­trak­tiv sein. Wenn das Hor­ror­sze­na­rio ein­ge­tre­ten wä­re, dass Rechts­au­ßen ge­winnt und den Mi­nis­ter­prä­si­den­ten stellt, dann wä­re ich nicht her­ge­kom­men. Des­we­gen ha­be ich auch bis nach der Wahl ge­war­tet. Denn ei­ne frem­den­feind­li­che Par­tei ist na­tür­lich Gift für den Fort­schritt ei­ner Stadt.

Ich ha­be die­ses Angst-gen nicht. Wer die Zu­kunft vor­her­sa­gen will, der muss sie ma­chen.

Fo­to: BMBF/ Hans-joa­chim Ri­ckel

„Wir ha­ben tol­le Er­fin­dun­gen ge­macht, aber die In­dus­trie ist wo­an­ders ent­stan­den“, sagt Ra­fa­el La­gu­na de la Ve­ra, der das än­dern will.

Fo­to: Chris­ti­an Eg­le

Re­dak­teur Ma­thi­as Pud­dig und Ra­fa­el La­gu­na

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