„Null os­tal­gi­sche Ge­füh­le“

Re­gis­seur Andre­as Dre­sen möch­te in sei­nen Fil­men Ge­schich­ten er­zäh­len, die von der Wirk­lich­keit sei­nes Lan­des han­deln.

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - KULTUR REGIONAL - Von Ni­co­le Kie­se­wet­ter

Sein In­ter­es­se und sei­ne Lie­be gilt den klei­nen Leu­ten, die Ge­schich­te an der Pe­ri­phe­rie er­le­ben. Über sie, teils die Ver­lie­rer der Ge­sell­schaft, er­zählt Andre­as Dre­sen in sei­nen Fil­men. Wie zu­letzt in „Gun­der­mann“, dem Film über den sin­gen­den Bag­ger­fah­rer Ger­hard Gun­der­mann aus dem Lau­sit­zer Braun­koh­le­re­vier. Ein Film, den er ha­be ma­chen wol­len, „um ein dif­fe­ren­zier­te­res Bild von der DDR zu zeich­nen, als das in man­chen Fil­men bis­her ge­sche­hen ist“, sag­te Dre­sen im ver­gan­ge­nen Jahr in sei­ner Hei­mat­stadt Schwe­rin.

„Das Le­ben der An­de­ren“von Flo­ri­an Henckel von Don­ners­marck et­wa sei ein gu­ter Film. „Aber er hat mit der DDR so viel zu tun wie Hol­ly­wood mit Hoy­ers­wer­da“, sagt Dre­sen. „Wir soll­ten in Fil­men Ge­schich­ten er­zäh­len, die von der Wirk­lich­keit ei­nes Lan­des han­deln“, lau­tet sein Plä­doy­er.

Be­gon­nen hat der Sohn des Thea­ter­re­gis­seurs Adolf Dre­sen und der Schau­spie­le­rin Bar­ba­ra Bach­mann da­mit be­reits in sei­ner Ju­gend. Sein Va­ter ha­be ihm im Al­ter von zwölf Jah­ren ei­ne Schmal­film­ka­me­ra ge­schenkt, „da ha­be ich an­ge­fan­gen, Fil­me zu ma­chen – klei­ne sa­ti­ri­sche Ge­schich­ten über das Le­ben in der DDR“. Nach dem Abitur ar­bei­te­te Dre­sen als Ton­tech­ni­ker am Schwe­ri­ner Thea­ter und ab­sol­vier­te ein Vo­lon­ta­ri­at im De­fa-stu­dio für Spiel­fil­me. Von 1986 bis 1991 stu­dier­te er Re­gie an der Hoch­schu­le für Film und Fern­se­hen „Kon­rad Wolf“in Pots­dam-ba­bels­berg. Seit 1992 ar­bei­tet er als frei­er Au­tor und Re­gis­seur.

Sie hät­ten Glück ge­habt mit ih­ren Bio­gra­fi­en, sag­te Dre­sens lang­jäh­ri­ge Dreh­buch­au­to­rin Lai­la Sti­e­ler im ver­gan­ge­nen Jahr in ei­nem ge­mein­sa­men „Zeit“-in­ter­view. Sie sei­en fer­tig aus­ge­bil­det ge­we­sen und 1990/91 ins Be­rufs­le­ben ge­kom­men. „Ich bin his­to­risch zwi­schen die Sys­te­me ge­ra­ten“, for­mu­lier­te es Dre­sen. „Des­halb ha­be ich ei­ne Mi­schung in mir.“

Mit die­sen ge­misch­ten Ge­füh­len blickt er auch auf die Er­eig­nis­se vor 30 Jah­ren. Er sei „froh, dass die DDR weg ist. Ich ha­be da null os­tal­gi­sche Ge­füh­le.“Den­noch ha­be er die Wie­der­ver­ei­ni­gung wie ei­ne Ka­pi­tu­la­ti­on emp­fun­den. „Das war nicht der Im­pe­tus, mit dem wir im Herbst 1989 an­ge­tre­ten sind.“Die­se Mo­na­te sei­en ei­ne Chan­ce ge­we­sen, „die DDR vom Kopf auf die Fü­ße zu stel­len und end­lich das zu ver­wirk­li­chen, wo­von wir im­mer ge­träumt hat­ten: ei­ne so­zi­al ge­rech­te­re, de­mo­kra­ti­sche Kon­struk­ti­on von Ge­sell­schaft“.

In Leip­zig hat­te Dre­sen da­mals ge­mein­sam mit an­de­ren Film­stu­den­ten ei­ne De­mo ge­gen die Wie­der­ver­ei­ni­gung or­ga­ni­siert. Mit rund 30 Leu­ten zog er im No­vem­ber 1989 durch die In­nen­stadt. „Uns ka­men dann un­ge­fähr 100 000 Men­schen ent­ge­gen, und die ha­ben ge­schrien: ‚Kauft euch doch ‚ne In­sel!‘“.

Den­noch ha­be er auch Ver­ständ­nis ge­habt für al­le, die sag­ten: „Wir ha­ben jetzt lan­ge ge­nug ge­war­tet und wol­len end­lich all die schö­nen Din­ge ha­ben, die wir bis­her im­mer nur durch das Bul­l­au­ge des West­fern­se­hens ge­se­hen ha­ben.“Ei­ne Kon­fö­de­ra­ti­on, die sich „lang­sam Schritt für Schritt in Rich­tung Wie­der­ver­ei­ni­gung ent­wi­ckelt“, sei sei­ne Vor­stel­lung ge­we­sen. Die ho­he Ge­schwin­dig­keit ha­be zu „Kon­struk­ti­ons­feh­lern“der deut­schen Ein­heit ge­führt.

Dre­sens Wer­ke, mit Bun­des­film­prei­sen, Darstel­ler­prei­sen, Kri­ti­ker­prei­sen und Fes­ti­val­prei­sen aus­ge­zeich­net, zäh­len zu den meist­prä­mier­ten deut­schen Fil­men. Zu sei­nen be­kann­ten Fil­men ge­hö­ren „Nacht­ge­stal­ten“(1999), „Hal­be Trep­pe“(2002), der in Frank­furt (Oder) spielt, „Som­mer vorm Bal­kon“(2005), die Al­ters-lie­bes­ge­schich­te „Wol­ke 9“(2008) und das er­grei­fen­de Krank­heits­dra­ma „Halt auf frei­er Stre­cke“(2011). Sein letz­ter Film „Gun­der­mann“(2018) war ein über­ra­schend gro­ßer Kri­ti­ker­und Kas­sen­er­folg. Er ge­wann un­ter an­de­rem sechs Lo­las beim Deut­schen Film­preis 2019.

Den­noch sei es zu­nächst schwie­rig ge­we­sen, für „Gun­der­mann“ei­ne Pro­duk­ti­ons­fir­ma zu fin­den. Für die ei­nen ha­be Gun­der­mann im Dreh­buch für sei­ne Sta­si-tä­tig­kei­ten nicht ge­nug Reue ge­zeigt, an­de­re wie­der­um hät­ten ge­fragt: Wer ist ei­gent­lich Gun­der­mann? „Manch­mal hat man das Ge­fühl, wenn man Ge­schich­ten aus der ei­ge­nen, ost­deut­schen Le­bens­er­fah­rung er­zäh­len möch­te, dass man noch mal ex­tra ei­ne ei­ge­ne Be­grün­dung da­für ab­lie­fern muss“, so der Re­gis­seur über den schwie­ri­gen Pro­duk­ti­ons­pro­zess.

Dre­sen, der in Pots­dam lebt, ist als ju­ris­ti­scher Laie Ver­fas­sungs­rich­ter im Land Bran­den­burg, Mit­glied der Aka­de­mie der Küns­te Ber­lin-bran­den­burg, der Deut­schen und der Eu­ro­päi­schen Film­aka­de­mie. Seit 2018 hat er die Pro­fes­sur für Film­schau­spiel an der Hoch­schu­le für Mu­sik und Thea­ter Ros­tock in­ne.

Im Herbst 1989 or­ga­ni­sier­te er ei­ne Ge­gen-de­mo.

Fo­to: Pe­ter Hart­wig/pan­do­ra Film

Es war nicht al­les schlecht: Alex­an­der Scheer und An­na Un­ter­ber­ger in Dre­sens Film „Gun­der­mann“

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