Ab­schied vom le­cke­ren Dorsch – EU dros­selt Fang­quo­ten in der Ost­see

EU re­agiert auf sin­ken­de Be­stän­de, vor al­lem bei Dorsch und He­ring. Be­schrän­kun­gen gel­ten auch für Frei­zeit­ang­ler. Um­welt­ver­bän­den ge­hen Re­du­zie­run­gen nicht weit ge­nug.

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - VORDERSEIT­E - Von Ni­na Jeg­lin­ski

In der Nacht zum Di­ens­tag ha­ben die Eu-fi­sche­rei­mi­nis­ter bei ei­nem Tref­fen in Lu­xem­burg die Quo­ten deut­lich ge­senkt. Beim für Deutsch­land wich­ti­gen west­li­chen He­ring ei­nig­ten sich die Mi­nis­ter dar­auf, die er­laub­te Fang­men­ge um 65 Pro­zent zu sen­ken. Beim west­li­chen Dorsch sind mi­nus 60 Pro­zent vor­ge­se­hen. In der öst­li­chen Ost­see darf Dorsch nur in sehr ge­rin­gen Men­gen als Bei­fang ge­fischt wer­den. Auch Frei­zeit­ang­ler sind be­trof­fen.

Es sei­en schwie­ri­ge, aber not­wen­di­ge Ent­schei­dun­gen ge­we­sen, sag­te Eu-fi­sche­rei­kom­mis­sar Kar­me­nu Vel­la nach der Ei­ni­gung. „Vie­le bal­ti­sche Fisch­be­stän­de und Öko­sys­te­me sind in ei­nem alar­mie­ren­den Zu­stand.“Es ge­be Sor­gen um die Um­welt, aber auch um an der Ost­see ge­le­ge­ne Ge­mein­den, die für ih­ren Le­bens­un­ter­halt auf die­se Öko­sys­te­me an­ge­wie­sen sei­en.

„Es wird erns­te kurz­fris­ti­ge Wirt­schafts­fol­gen für ei­ni­ge Fi­scher ge­ben“, sag­te der Eu-kom­mis­sar. Die Kom­mis­si­on wer­de da­her Hilfs­mög­lich­kei­ten prü­fen. Zum ers­ten Mal ge­be es au­ßer­dem ei­ne schrift­li­che Er­klä­rung der Ost­see-staa­ten, wei­te­re Ur­sa­chen für den schlech­ten Zu­stand der Dorsch­be­stän­de an­zu­ge­hen, sag­te er. Da­zu zähl­ten et­wa Ver­schmut­zun­gen und Le­bens­raum­ver­schlech­te­run­gen durch In­dus­trie und Land­wirt­schaft.

Die Kom­mis­si­on und Um­welt­ver­bän­de hat­ten für He­ring und Dorsch in der west­li­chen Ost­see noch här­te­re Ein­schnit­te ge­for­dert. Bun­des­land­wirt­schafts­mi­nis­te­rin Ju­lia Klöck­ner (CDU) hat­te die­se Plä­ne vor den Ver­hand­lun­gen mit ih­ren Mi­nis­ter­kol­le­gen als „ex­tre­me Kür­zun­gen“be­zeich­net. Es sei wis­sen­schaft­lich ver­tret­bar, „et­was mo­de­ra­ter zu kür­zen“. Auch bei den Be­schrän­kun­gen der Frei­zeit­fi­sche­rei setz­te sich Klöck­ner durch: Die Ta­ges­höchst­men­ge an Dor­schen pro Ang­ler wird laut der Ei­ni­gung von sie­ben auf fünf Fi­sche ge­senkt, wäh­rend der so­ge­nann­ten Schlie­ßungs­zeit im Fe­bru­ar und März dür­fen Ang­ler nur zwei Dor­sche fan­gen. Wer das kon­trol­lie­ren soll, bleibt un­klar. Die Kom­mis­si­on hat­te ein ge­ne­rel­les Li­mit von ma­xi­mal zwei Fi­schen pro Tag ge­for­dert. Bei Nicht­re­gie­rungs-or­ga­ni­sa­tio­nen (NGOS) wie der Deut­schen Um­welt­hil­fe (DUH) und der Initia­ti­ve Our Fish stieß die Ei­ni­gung hin­ge­gen auf har­sche Kri­tik. Sie be­wer­ten die Ent­schei­dung als „ver­ant­wor­tungs- und rück­sichts­los“an­ge­sichts des oh­ne­hin kri­ti­schen Zu­stands der Fisch­po­pu­la­tio­nen in der Ost­see. Die Eu-mit­glied­staa­ten ver­stie­ßen mit der Fort­füh­rung der Über­fi­schung ge­gen die recht­lich bin­den­de Frist der Ge­mein­sa­men Fi­sche­rei­po­li­tik (GFP), die Über­fi­schung in den eu­ro­päi­schen Ge­wäs­sern bis spä­tes­tens 2020 zu be­en­den.

Kri­tik von den Grü­nen

Auch die Op­po­si­ti­on be­män­gelt die Be­schlüs­se. Fried­rich Os­ten­dorff, Spre­cher für Agrar­po­li­tik der Bun­des­tags­frak­ti­on von Bünd­nis90/die Grü­nen er­klärt: „Die Fi­sche­rei­mi­nis­ter igno­rie­ren die War­nun­gen der Wis­sen­schaft. Die Über­fi­schung wich­ti­ger Po­pu­la­tio­nen soll dem­nach auch im Jahr 2020 wei­ter­ge­hen. Mi­nis­te­rin Klöck­ner stellt da­mit die kurz­fris­ti­gen In­ter­es­sen der Fi­sche­rei­wirt­schaft über in­ter­na­tio­na­le Zie­le zum Schutz der Mee­re und den ge­sam­ten Fort­be­stand die­ses Wirt­schafts­zwei­ges.“

Die Ost­see­fi­scher ha­ben be­reits jetzt gro­ße Pro­ble­me. Micha­el Schütt, Lei­ter der Fi­sche­rei­ge­nos­sen­schaft Freest in Meck­len­burg-vor­pom­mern, be­fürch­tet gar um den Be­rufs­stand der Fi­scher an der Ost­see und for­der­te im ZDF staat­li­che Hil­fen. Die Ge­nos­sen­schaft zählt mit ih­ren 81 Mit­glie­dern zu den größ­ten Un­ter­neh­men der Re­gi­on. Bei den jetzt be­schlos­se­nen Fang­men­gen wer­den aber wohl wie­der ein paar Fi­scher auf­ge­ben.

Be­stän­de ge­schrumpft

Zu­sam­men mit den Fi­schern ma­chen sich auch die Gas­tro­no­men an der Ost­see Sor­gen. Ro­ber­to Brandt, In­ha­ber des Tra­di­ti­ons­re­stau­rants „Zum Fi­scher“in Ba­a­be, sag­te be­reits im Som­mer, dass vie­le Gäs­te vor al­lem we­gen des fri­schen, re­gio­na­len Fisch­an­ge­bots kom­men wür­den. Die Dorsch­be­stän­de sei­en der­art zu­rück­ge­gan­gen, weil An­fang der 1980er-jah­re He­rings­quo­ten ein­ge­führt wor­den sind. Da­mals hät­ten vie­le Fi­scher an­statt He­ring Dorsch ge­fan­gen. Die Zah­len sprä­chen ei­ne deut­li­che Spra­che. Im Jahr 1982 sei­en noch acht Ton­nen Dorsch ge­fan­gen wor­den, drei Jah­re spä­ter wa­ren es noch zwei bis drei, heu­te brau­che es Quo­ten, da­mit über­haupt noch was geht. Er wol­le je­doch nicht auf­ge­ben, son­dern über­le­ge sich, auf an­de­re Fisch­sor­ten um­zu­stei­gen. Da­für baue er ge­ra­de um, ne­ben ei­ner grö­ße­ren Kühl­kam­mer soll auch ei­ne Räu­cher­stu­be ent­ste­hen. „Ich hof­fe, dass sich die In­ves­ti­tio­nen loh­nen“, sagt Ro­ber­to Brandt.

Auch für Mi­nis­te­rin Ju­lia Klöck­ner ste­hen die Sor­gen um den wirt­schaft­li­chen Fort­be­stand der Küs­ten­ge­mein­den im Vor­der­grund: „Noch dras­ti­sche­re Fang­men­gen­be­gren­zun­gen wür­den die deut­schen Ost­see­fi­scher und de­ren Fa­mi­li­en zu ei­ner dra­ma­ti­schen Si­tua­ti­on füh­ren,“sag­te Klöck­ner beim Eu-tref­fen. Die von der Kom­mis­si­on für den Frei­zeit-dorsch­fang vor­ge­schla­ge­ne Höchst­men­ge von zwei Ex­em­pla­ren pro Tag be­zeich­ne­te die Mi­nis­te­rin als nicht ak­zep­ta­bel. „Dies könn­te ei­ner Schlie­ßung des An­gel­tou­ris­mus an der deut­schen Ost­see­küs­te gleich­kom­men,“sag­te sie in Lu­xem­burg.

Fi­scher fürch­ten um ih­re Zu­kunft und for­dern fi­nan­zi­el­le Hil­fen.

Fo­to: Mar­kus Scholz/dpa

Ost­see-fang­quo­ten: Vor al­lem die Fi­scher in Meck­len­burg-vor­pom­mern fürch­ten um den Dorsch­fang, im­mer we­ni­ger Fisch darf ge­fan­gen wer­den.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.