„Man muss sich weh­ren“

Für „War­ten auf Sturm“er­hält Pe­ter Thiers heu­te Abend in Frank­furt den Kleis­tför­der­preis. Ein Ge­spräch über Ka­pi­ta­lis­mus, Na­tur­ka­ta­stro­phen und Fri­days for Fu­ture.

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - KULTUR -

War­ten auf Sturm“spielt in ei­nem fik­ti­ven Beg­werk, mit Gru­ben­ar­bei­tern, die „Clea­ner“ge­nannt wer­den. Das Stück wur­de in Cott­bus ur­auf­ge­führt und ist heu­te in Frank­furt zur Er­öff­nung der Kleist-fest­ta­ge zu se­hen. Mit Pe­ter Thiers sprach Chris­ti­na Til­mann.

Herr Thiers, wie sind Sie auf das The­ma ge­kom­men?

An­ge­fan­gen hat es, als ich im Ruhr­ge­biet die still­ge­leg­ten Berg­wer­ke ge­se­hen ha­be. Ich fand das The­ma der fos­si­len Brenn­stof­fe in­ter­es­sant, und den Vor­gang, dass Men­schen sich in Le­bens­ge­fahr be­ge­ben, wenn sie in die Gru­ben hin­ab­stei­gen, um et­was aus un­se­rem Pla­ne­ten zu ho­len, was ihn und sie zer­stört. Das ist ein ur­ka­pi­ta­lis­ti­sches Prin­zip. Und das Berg­werk ist ein Bild da­für.

Das Stück wirkt pro­phe­tisch. Wie er­le­ben Sie die ak­tu­el­le Kli­ma­de­bat­te?

Manch­mal hat man das Glück, dass man auf ei­nen Stoff stößt, der kurz dar­auf re­le­vant wird. In „War­ten auf Sturm“hof­fen die Men­schen auf et­was Ret­ten­des, das gleich­zei­tig ver­nich­tend sein kann: das Was­ser. Es gibt so vie­le Sci­ence-fic­tion-fil­me, in de­nen um Was­ser ge­kämpft wird. Ich fand das als Zu­kunfts­vi­si­on sehr in­ter­es­sant. Jetzt wird es lei­der viel­leicht bald Rea­li­tät.

Als ich Ihr Stück las, dach­te ich an Fo­to­gra­fi­en von Se­bas­tiao Sel­ga­do, der Men­schen in den Col­tan-mi­nen zeigt. Hat­ten Sie auch so ei­ne In­spi­ra­ti­on?

Na­tür­lich ha­be ich in die­se Rich­tung re­cher­chiert – im Stück kommt das Mi­ne­ral Col­tan vor, da denkt man so­fort an Mi­nen in Afri­ka. Mein Stück ist aber be­wusst nicht auf ei­nen Kon­ti­nent be­schränkt. The­men wie Aus­beu­tung und feh­len­de So­li­da­ri­tät sind glo­ba­le Pro­ble­me. Da­her ge­he ich eher sel­ten von rea­len Bil­dern aus, son­dern fan­ge von der Spra­che her an, die Welt des Stücks zu den­ken.

Ihr Stück ist ein Kam­mer­spiel: we­ni­ge Prot­ago­nis­ten, da­zu die Clea­ner, die als Chor auf­tre­ten. Der Mensch als Mas­se?

Es war für mich wich­tig, dass aus der Grup­pe der Clea­ner ein­zel­ne Fi­gu­ren her­aus­tre­ten, dass sie nicht nur ei­ne ge­sichts­lo­se Mas­se blei­ben. Wenn wir zum Bei­spiel über Schlie­ßun­gen des Werks ei­nes Au­to­her­stel­lers hö­ren, hö­ren wir häu­fig nur: 600 ge­kün­dig­te Stel­len. Da spre­chen wir gar nicht mehr über Men­schen, son­dern nur noch über Zah­len. Die Men­schen, die in „War­ten auf Sturm” per­so­na­li­siert wer­den, sind im­mer schon pri­vi­le­giert.

Das heißt, weh­ren kann sich nur, wer ei­nen Na­men hat?

Das ist das Sys­tem der Fi­gur von Win­ter. Wenn der Werk­lei­ter sagt: „Ich bin Win­ter“, dann sagt er da­mit auch: Ich bin je­mand, des­sen Na­men ihr ken­nen müsst, der aber nicht wis­sen muss, wie ihr heißt. Die­se Art pa­tri­ar­cha­len Den­kens ist Ka­pi­ta­lis­mus pur. Das Pro­blem, das un­se­re Ge­sell­schaft hat, ist, dass al­le, die über­haupt noch Zeit ha­ben zu de­bat­tie­ren, wie zum Bei­spiel La­ra, pri­vi­le­giert sind. Nur sie ha­ben die Mög­lich­kei­ten, ge­gen das Sys­tem auf­zu­be­geh­ren. Die an­de­ren, die Clea­ner, müs­sen 16 St­un­den für ih­re Selbst­er­hal­tung ar­bei­ten und ha­ben da­nach kei­ne Kraft mehr.

Das könn­te man auch auf die Kli­maak­ti­vis­ten über­tra­gen. Ist das ei­ne Kri­tik an ih­nen?

Es ist kei­ne Kri­tik an den Men­schen, son­dern am Sys­tem, ge­gen das man sich zur Wehr set­zen muss. Fri­days For Fu­ture ist zum Bei­spiel ganz klar als Streik an­ge­kün­digt, da macht es kei­nen Sinn, zu sa­gen: „Jetzt geht erst mal zur Schu­le, und dann könnt ihr am Wo­che­n­en­de im­mer noch strei­ken.” Da­bei de­mons­trie­ren die Ju­gend­li­chen ja da­für, dass die Po­li­tik Ver­ant­wor­tung über­nimmt. Und sie tun dies auf ei­ne Art, zu der sich die Ge­sell­schaft ver­hal­ten muss. Wenn man dann die Lo­gik an­wen­det: „Was be­schwert ihr euch denn? Euch geht es doch gut!” ent­steht ein ge­sell­schaft­li­cher Teu­fels­kreis: Die, de­nen es gut geht, ha­ben kei­nen Grund zu re­bel­lie­ren, und die, de­nen es schlecht geht, ha­ben kei­ne Ge­le­gen­heit da­zu.

Sie ha­ben ge­sagt, dass Sie Ih­re Stü­cke aus der Spra­che ent­wi­ckeln. Wie stark neh­men Sie an der Ins­ze­nie­rung An­teil?

Ich den­ke, wenn ich schrei­be, im­mer an die Büh­ne. Ich bin schon wäh­rend des Schreib­pro­zes­ses im Zwie­ge­spräch mit Schau­spie­lern, Dra­ma­tur­gen und Re­gis­seu­ren. Ein Stück, das spä­ter von Men­schen ge­spro­chen und ge­se­hen wer­den soll, kann nicht am Reiß­brett ent­ste­hen. Beim Le­sen mer­ke ich, wenn Schau­spie­ler über ei­nen Satz stol­pern oder sich ver­spre­chen, stimmt da et­was nicht. In die­sem Sin­ne den­ke ich Spra­che im­mer für die Büh­ne und die Schau­spie­ler. Was dann in der Ins­ze­nie­rung bild­lich dar­aus wird, fin­de ich sehr in­ter­es­sant, will es aber nicht zu eng vor­ge­ben.

Wer ei­nen Na­men hat, ist schon pri­vi­le­giert.

Aber es gibt be­stimmt Aspek­te, die Ih­nen wich­tig sind, und die in der Ins­ze­nie­rung feh­len. Tut das weh?

Ich bin selbst Re­gis­seur und weiß, dass man in je­der Be­ar­bei­tung Ent­schei­dun­gen trifft. Im Ide­al­fall ge­lingt es, dass die­se Ent­schei­dun­gen dem Geist des Texts ent­spre­chen. Ich ha­be für „War­ten auf Sturm” über 90 Sei­ten ge­schrie­ben, da wür­de man bei ei­ner un­ge­stri­che­nen Ins­ze­nie­rung bei vier bis fünf St­un­den lan­den, das macht kei­ne Spiel­stät­te mit.

Was be­deu­tet der Kleist-för­der­preis für Sie?

Kleist läuft man als Au­tor im­mer hin­ter­her, weil er so ei­ne phan­tas­ti­sche Spra­che hat. Als Au­tor fragt man sich ja lan­ge Zeit: In­ter­es­siert das über­haupt je­man­den, was man schreibt? Das ist ein Be­ruf, der vie­le Zwei­fel in sich be­reit­hält. Für ein Erst­lings­werk die­sen Preis zu be­kom­men, ist ei­ne gro­ße Be­stä­ti­gung.

Fo­to: Win­fried Mau­solf

Ar­bei­tet am Tha­lia Thea­ter in Ham­burg: Kleist-för­der­preis­trä­ger Pe­ter Thiers

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