Iro­nie der Ge­schich­te

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - THEMEN DES TAGES/POLITIK - Leit­ar­ti­kel Ste­fan Ke­gel zur Ei­ni­gung beim Brex­it Kom­men­tar Chris­ti­an Rath zu den Öff­nungs­zei­ten von Bä­cke­rei­en le­ser­brie­[email protected]

Ein De­al macht noch kei­nen ge­ord­ne­ten Brex­it. Die­se Leh­re muss­te schon The­re­sa May als da­ma­li­ge bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­te­rin zie­hen, nach­dem sie vor nicht ein­mal ei­nem Jahr mit der EU den Aus­tritts­ver­trag ver­han­delt hat­te – und da­mit drei­mal kra­chend im Par­la­ment schei­ter­te. Es soll­te stut­zig ma­chen, dass ihr Wi­der­sa­cher und Nach­fol­ger Bo­ris John­son nun ein bei­na­he iden­ti­sches Ver­trags­werk ge­nau­so en­thu­si­as­tisch be­ju­belt. Noch ist das di­cke Do­ku­ment nicht an­ge­nom­men, we­der vom bri­ti­schen Un­ter­haus noch vom Eu-par­la­ment. Ein Cha­os-brex­it zu Hal­lo­ween ist ge­nau­so wahr­schein­lich wie zu­vor.

Die Iro­nie der Ge­schich­te ist, dass bei­de Pre­mier­mi­nis­ter den­sel­ben Feh­ler be­gan­gen ha­ben: sich der ei­ge­nen Mehr­heit zu be­rau­ben. May hat­te oh­ne Not ei­ne Un­ter­haus­wahl an­ge­setzt, die ih­rer Par­tei die al­lei­ni­ge Re­gie­rungs­ge­walt nahm und sie an den wi­der­spens­ti­gen nord­iri­schen Ko­ali­ti­ons­part­ner DUP ket­te­te. Und John­son warf ei­ne Hand­voll Geg­ner sei­nes har­ten Brex­it-kur­ses kur­zer­hand aus der Frak­ti­on und mäh­te da­mit sei­ne ei­ge­ne Ko­ali­ti­ons­mehr­heit nie­der.

Am Sams­tag muss der Pre­mier bei der Ab­stim­mung in Lon­don zei­gen, ob er trotz­dem ge­nug Ab­ge­ord­ne­te für sei­nen Aus­tritts­ver­trag zu­sam­men­be­kommt. An­sons­ten droht ihm der Gang nach Ca­nos­sa: der An­trag auf ei­ne wei­te­re Ver­schie­bung des Br­ex­its bis En­de Ja­nu­ar 2020. Da­zu hat­te ihn das Par­la­ment ver­pflich­tet – für den Fall, dass es am 19. Ok­to­ber kei­nen ab­ge­seg­ne­ten De­al gibt. Er wür­de lie­ber tot in ei­nem Gra­ben lie­gen als das zu tun, hat­te er im Sep­tem­ber ge­sagt.

Da­bei ist die Ei­ni­gung zwi­schen Brüs­sel und Lon­don nach den Mo­na­ten der fest­ge­fro­re­nen Fron­ten tat­säch­lich ei­ne Sen­sa­ti­on. Für die Lö­sung des Nord­ir­land-pro­blems – es wird kei­ne Grenz­kon­trol­len ge­ben – müs­sen aber bei­de Sei­ten Krö­ten schlu­cken. Auch die EU, die das gan­ze Jahr lang so stolz war, kei­nen Mil­li­me­ter vom ver­ein­bar­ten Ver­trag ab­ge­rückt zu sein. Sie über­lässt nun die Über­wa­chung von Zoll­for­ma­li­tä­ten und Eu-pro­dukt­stan­dards den bri­ti­schen Be­hör­den. Wie das kon­trol­liert wer­den soll, ist völ­lig un­klar.

Die Ei­ni­gung ist nach den Mo­na­ten der fest­ge­fro­re­nen Fron­ten tat­säch­lich ei­ne Sen­sa­ti­on.

Gleich­wohl ist die­ser Ver­trag tau­send­mal besser als gar kei­ner. Denn er wür­de nicht nur ei­nen neu­en Bür­ger­krieg in Nord­ir­land ver­hin­dern. Mit ihm gä­be es bis min­des­tens En­de 2020 Pla­nungs­si­cher­heit für die Wirt­schaft, für Eu-bür­ger in Groß­bri­tan­ni­en und für Bri­ten auf dem Kon­ti­nent. Es wä­re ein be­deu­ten­der Schritt zur Ge­stal­tung ei­ner künf­ti­gen Part­ner­schaft zwi­schen Groß­bri­tan­ni­en und der Eu­ro­päi­schen Uni­on.

Wenn dem Hal­lo­dri John­son das Kunst­stück ge­lin­gen soll­te, im Lon­do­ner Par­la­ment ei­ne Mehr­heit für die­se Ver­ein­ba­rung zu ge­win­nen, dann soll­te ihm nicht nur ein Platz in der Hall of Fa­me des Mac­chia­vel­lis­mus si­cher sein, son­dern ei­ne tie­fe Ver­beu­gung. Ge­lingt es ihm aber nicht – und da­nach sieht es lei­der aus –, dann hat er nur zwei Op­tio­nen. Ent­we­der er wird mit ei­nem har­ten Brex­it zum To­ten­grä­ber ge­deih­li­cher Be­zie­hun­gen zur EU oder er stol­pert als Ab­zieh­bild von The­re­sa May von Ver­län­ge­rung zu Ver­län­ge­rung. Vor­aus­ge­setzt, je­mand fischt ihn aus dem Gra­ben.

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