Ein Wun­der auf Be­wäh­rung

In letz­ter Mi­nu­te ha­ben sich die Eu­ro­päi­sche Uni­on und Groß­bri­tan­ni­en auf ei­nen Ver­trag ge­ei­nigt. Ein ge­re­gel­ter Aus­stieg ist En­de Ok­to­ber aber trotz­dem noch nicht si­cher.

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - THEMEN DES TAGES/POLITIK - Von Chris­ti­an Kerl

Ei­gent­lich ist dies der ganz gro­ße Auf­tritt im Brex­it-dra­ma, aber so rich­tig will den bei­den Män­nern die In­sze­nie­rung nicht ge­lin­gen. „Wir ha­ben ein fai­res, aus­ge­gli­che­nes Ab­kom­men ge­schlos­sen – es schafft Si­cher­heit, wo der Brex­it Un­si­cher­heit schafft“, sagt der Eu-kom­mis­si­ons­prä­si­dent Jean-clau­de Juncker am Nach­mit­tag in sei­nem Brüs­se­ler Amts­sitz. Der bri­ti­sche Pre­mier Bo­ris John­son ne­ben ihm, sicht­lich über­mü­det, nickt freund­lich, aber sei­ne Bot­schaft klingt da­nach doch deut­li­cher schär­fer: „Wir kön­nen jetzt end­lich ei­nen ech­ten Brex­it voll­zie­hen“, sagt John­son und stellt klar: Groß­bri­tan­ni­en wer­de die EU am 31. Ok­to­ber „voll­stän­dig und ganz ver­las­sen“, der „gro­ße De­al“wer­de dem Land die Kon­trol­le zu­rück­ge­ben.

Am Mor­gen ha­ben die bei­den am Te­le­fon die letz­ten Hür­den für den Brex­it-de­al ab­ge­räumt, we­nig spä­ter war der Ver­trag per­fekt, der ei­nen ge­re­gel­ten Aus­tritt Groß­bri­tan­ni­ens si­chern soll. Jetzt schei­nen Juncker und John­son er­leich­tert. Der Pre­mier hat zwar be­reits an­de­re Sor­gen. Er muss den De­al noch durch das Par­la­ment brin­gen. Trotz­dem ist die Ver­trags­ei­ni­gung ein Durch­bruch.

Wett­lauf mit der Zeit

Die fi­na­len Ver­hand­lun­gen hat­ten sich über meh­re­re Ta­ge und Näch­te hin­ge­zo­gen. Ob­wohl es früh­zei­tig hieß, ei­ne Ei­ni­gung in der um­strit­te­nen Nord­ir­land-fra­ge sei zum Grei­fen na­he, gab es im­mer wie­der Ver­zö­ge­run­gen – zu­letzt vor al­lem, weil nicht klar war, wel­che Zu­ge­ständ­nis­se John­sons von ei­ner Par­la­ments­mehr­heit in Groß­bri­tan­ni­en noch mit­ge­tra­gen wür­den.

Es war ein Wett­lauf mit der Zeit, denn der am Nach­mit­tag be­gin­nen­de Eu-gip­fel soll­te den ge­än­der­ten Aus­tritts­ver­trag ab­seg­nen. Das Ab­kom­men wer­de an­ge­nom­men, am 1. No­vem­ber sol­le es in Kraft tre­ten, hieß es dann auch in ei­ner Be­schluss­vor­la­ge für die Re­gie­rungs­chefs. Die wa­ren zu Be­ginn des Gip­fels zwar nicht ganz glück­lich, den im Nord­ir­land-ka­pi­tel ge­än­der­ten De­al erst im al­ler­letz­ten Mo­ment prä­sen­tiert zu be­kom­men – aber das Ge­fühl, dass das Brex­it-dra­ma ein gu­tes En­de fin­den könn­te, über­wog. Auch Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) sprach von ei­nem gu­ten Kom­pro­miss.

Die Brex­it-lö­sung sieht so aus: Die um­strit­te­ne „Back­stop“-re­ge­lung im vor­lie­gen­den Brex­it-ver­trag, nach der Groß­bri­tan­ni­en not­falls in ei­ner Zoll­uni­on mit der EU blei­ben müss­te, wird ge­stri­chen, was der zen­tra­len For­de­rung des bri­ti­schen Pre­miers ent­spricht. Statt­des­sen wer­den nach dem Aus­tritt nur in Nord­ir­land die Stan­dards des Eu-bin­nen­markts und auch die Zoll­re­ge­lun­gen der EU wei­ter gel­ten. Aber: For­mal bleibt Nord­ir­land in ei­nem Zoll­ge­biet mit dem rest­li­chen Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reich – die bri­ti­sche Pro­vinz könn­te da­mit auch von neu­en Han­dels­ab­kom­men pro­fi­tie­ren, die Lon­don mit an­de­ren Staa­ten schlie­ßen will. Der gro­ße Ha­ken: Zoll- und Pro­dukt­kon­trol­len sind dann zwi­schen Nord­ir­land und dem üb­ri­gen Kö­nig­reich not­wen­dig.

Die Zoll­gren­ze wird zwi­schen EU und Groß­bri­tan­ni­en durch die iri­sche See ver­lau­fen; da­mit wür­de die sicht­ba­re Land­gren­ze zwi­schen Ir­land und Nord­ir­land ver­mie­den, aber die bri­ti­sche Pro­vinz rück­te wirt­schaft­lich wei­ter vom üb­ri­gen Kö­nig­reich ab. Die Zoll­kon­trol­len sol­len in Groß­bri­tan­ni­en statt­fin­den. In den Ver­hand­lun­gen spiel­te zu­letzt ei­ne gro­ße Rol­le, wie die Bri­ten die­se Kon­trol­len so zu­ver­läs­sig durch­füh­ren kön­nen, dass Schmug­gel und Be­trug tat­säch­lich ver­hin­dert wer­den.

Wir kön­nen jetzt end­lich ei­nen ech­ten Brex­it voll­zie­hen. Bo­ris John­son Groß­bri­tan­ni­ens Pre­mier

Ver­ein­bart sind aber auch Aus­nah­men für die Zoll­kon­trol­len: Für Wa­ren, die Rei­sen­de per­sön­lich ein­füh­ren, und für an­de­re aus­ge­wähl­te Pro­duk­te. Die Ei­ni­gung sieht auch vor, dass das nord­iri­sche Re­gio­nal­par­la­ment nach vier Jah­ren erst­mals ent­schei­det, ob das ge­sam­te Ar­ran­ge­ment fort­ge­setzt wird oder nicht.

Die Qua­li­tät der Nord­ir­land-lö­sung ist da­mit ei­ne völ­lig an­de­re als beim frü­he­ren Back­stop-mo­dell: Letz­te­res soll­te nur für den Not­fall gel­ten, wenn kei­ne an­de­re Ver­trags­lö­sung ge­fun­den wird – jetzt geht es um ei­ne dau­er­haf­te Ver­ein­ba­rung. Dar­über hin­aus wur­de die po­li­ti­sche Er­klä­rung über die künf­ti­gen Be­zie­hun­gen der EU zu Groß­bri­tan­ni­en ge­än­dert. Bar­nier sag­te, Groß­bri­tan­ni­en ge­be „so­li­de Ga­ran­ti­en“, dass Eu-stan­dards et­wa bei Um­welt- oder So­zi­al­auf­la­gen nicht un­ter­bo­ten wür­den.

Fo­to: Vir­gi­nia Mayo/ap/dpa

In Brüs­sel pro­tes­tier­ten am Don­ners­tag Brex­it-geg­ner.

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Prä­sen­tier­ten am Don­ners­tag den Brex­it-de­al: Pre­mier John­son und Eu-kom­mis­si­ons­prä­si­dent Juncker.

Im bri­ti­schen Par­la­ment wird es am Sonn­abend wahr­schein­lich hoch her­ge­hen.

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