Mit Sta­tiv über die Bau­stel­le

Sie be­geis­ter­te sich für Land­ma­schi­nen, Bau­gru­ben und Tun­nel: Das Ver­bor­ge­ne Mu­se­um Ber­lin er­in­nert an Ma­ri­an­ne Strobl, Pio­nie­rin der In­dus­trie­fo­to­gra­fie.

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - KULTUR REGIONAL - Von Hans-jörg Ro­ther

Ge­nau 100 Jah­re hat es ge­dau­ert, bis man sie wie­der ent­deck­te: Ma­ri­an­ne Strobl, die ers­te In­dus­trie­fo­to­gra­fin Ös­ter­reichs und die ers­te in die­sem Fach über­haupt. 1865 im ös­ter­rei­chi­schen Teil Schle­si­ens ge­bo­ren, kam sie 1891 nach Wi­en und hei­ra­te­te den Ver­mes­sungs­in­ge­nieur Jo­sef Strobl, der ihr den Zu­gang zum „Club der Wie­ner Ama­teur-pho­to­gra­phen“ver­schaff­te.

Oh­ne Aus­bil­dung leg­te sie los

Die Sach­fo­to­gra­fie war zu je­ner Zeit im Auf­wind. Wie die Haupt­stadt der k.u.k. Mon­ar­chie mo­der­ni­siert wur­de und durch den Zustrom vom Land in die Brei­te wuchs, wie neue Wohn­an­la­gen aus der Er­de schos­sen, Ab­was­ser­ka­nä­le ge­gra­ben und Via­duk­te für die Bahn ge­baut wur­den, soll­te in Fo­to­gra­fi­en fest­ge­hal­ten und der Nach­welt über­lie­fert wer­den. Für die­se Auf­ga­be an­statt für re­tu­schier­te Fa­mi­li­en­por­träts, wie sie da­mals in Mode wa­ren, konn­te sich die neu da­zu ge­kom­me­ne Ele­vin of­fen­bar schnell be­geis­tern – oh­ne lang­wie­ri­ge Aus­bil­dung.

Der Er­folg gab ihr Recht. Schon 1894 mel­de­te sie ihr ei­ge­nes Fo­to­ge­wer­be an und er­hielt prompt ei­nen lu­kra­ti­ven Auf­trag. „Ty­pen der Land­fuhr­wer­ke der Ös­terr.-ung. Mon­ar­chie“lau­te­te die von der „In­ter­na­tio­na­len Aus­stel­lung für Volks­er­näh­rung, Ar­men­ver­pfle­gung, Ret­tungs­we­sen und Ver­kehrs­mit­tel“be­stell­te Se­rie. 95 Al­bu­min­ab­zü­ge füll­ten am En­de das be­stell­te Map­pen­werk. Der se­ri­el­le Cha­rak­ter die­ser in glei­cher Wei­se auf­ge­nom­me­nen Fo­tos (glei­cher Ab­stand, glei­che Licht­ver­hält­nis­se) er­in­nert an die In­dus­trie-ar­te­fak­te, die Bernd und Hil­la Be­cher in den Sieb­zi­gern des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts ge­dul­dig ab­lich­te­ten. Hier die werk­statt­neu­en Fuhr­wer­ke und Kut­schen, die auf dem Land wie in der Stadt ver­mut­lich noch lan­ge in Ge­brauch ge­we­sen sind, bis Trak­to­ren und Au­tos sie ver­dräng­ten, dort die au­ßer Be­trieb ge­setz­ten För­der­tür­me, Hoch­öfen und La­ger­hal­len, kurz vor dem Ab­riss. Das macht den Un­ter­schied.

Fast ein Dut­zend Fo­to­gra­fi­en ver­schie­dens­ter „Land­fuhr­wer­ke“füllt der­zeit ei­ne Wand des Ver­bor­ge­nen Mu­se­ums in Char­lot­ten­burg, doch man wird nicht mü­de, die Sch­licht­heit die­ser Ar­bei­ten zu be­wun­dern. Es ist nichts Über­flüs­si­ges da­bei, kei­ne Ne­ben­sa­che, die ab­len­ken wür­de.

Die fol­gen­den Auf­trä­ge wa­ren fo­to­gra­fisch schwie­ri­ger. Wor­auf soll­te sich Ma­ri­an­ne Strobl kon­zen­trie­ren, wenn sie die Ka­me­ra in ei­ne Bau­gru­be für die Wie­ner Ka­na­li­sa­ti­on rich­te­te oder die Bau­stel­le für das neue Kriegs­mi­nis­te­ri­um, ei­nen Tun­nel­bau für die Bahn do­ku­men­tie­ren soll­te? Oder wenn sie, im­mer mit ei­ner Holz­ka­me­ra, ei­nem Sta­tiv und den be­schich­te­ten Glas­plat­ten, die Fo­to­gra­fen da­mals be­nutz­ten, be­schwert, Höh­len­for­schern in schma­le Fel­sen­gän­ge folg­te?

Künst­le­ri­sche Fo­to­gra­fie lag we­ni­ger in ih­rer Ab­sicht. Es ge­nüg­te ihr, wenn sie als ei­ne der Ers­ten mit dem Blitz­licht ar­bei­te­te. Je­des ein­zel­ne Fo­to war ein Er­eig­nis, für das man gern der Bit­te nach­kam, sich nicht zu be­we­gen. Man sieht Ar­bei­ter mit Schür­ze und Schau­fel, die In­ge­nieu­re oder Bau­her­ren tra­gen An­zug und hal­ten die Hand in der Ta­sche. Wie an­stren­gend die Ar­beit war, sieht man nicht.

Sech­zig zeit­ge­nös­si­sche Ab­zü­ge hat das Ver­bor­ge­ne Mu­se­um vom Pho­to­in­sti­tut Bo­na­res aus Wi­en über­nom­men. Die schwar­zwei­ßen, zum Teil aus­geb­li­che­nen Ori­gi­nal­re­pro­duk­tio­nen be­ein­dru­cken als Do­ku­men­te der Zeit. Es wird ge­baut, ver­schönt, mo­der­ni­siert. Der Mensch bleibt klein. Re­spekt­voll drückt sich das Rei­ni­gungs­per­so­nal ei­nes Ho­tels im Flur an die Sei­te, um den Blick auf die Emp­fangs­räu­me im Hin­ter­grund frei­zu­ge­ben.

Von der „Ir­ren­an­stalt“in Triest, das da­mals zu Ös­ter­reich ge­hör­te, wird die ge­pfleg­te Au­ßen­an­la­ge ge­zeigt, vom neu­en „Män­ner­heim“in Wi­en die sau­be­ren Schlaf- und Wa­sch­räu­me, die vie­len Men­schen Platz bo­ten. Pa­ti­en­ten und Heim­be­woh­ner sind aus­ge­las­sen. Man ahnt auch so die Tris­tesse, die un­ter den Weg­ge­sperr­ten und Ärms­ten der Ar­men ge­herrscht ha­ben mag. Die An­la­ge des Män­ner­heims galt als mus­ter­gül­tig, sonst wä­re die Fo­to­do­ku­men­ta­ti­on von Ma­ri­an­ne Strobl nicht 1913 in zwei Aus­stel­lun­gen zum mo­der­nen Städ­te­bau auch in Ber­lin und Leip­zig ge­zeigt wor­den. Lei­der fin­det der Be­su­cher ge­ra­de die­se Bil­der nur im Ka­ta­log, ob­wohl sie doch we­sent­lich mehr über den Zu­stand der Ge­sell­schaft sa­gen als die Bli­cke in Bau­gru­ben.

Bald un­ter­brach der Aus­bruch des Ers­ten Welt­krie­ges Bau­tä­tig­keit und Mo­der­ni­sie­rung. Män­ner­hei­me dürf­te man noch lan­ge ge­braucht ha­ben. Mit­ten im Krieg, im Fe­bru­ar 1917, ist Ma­ri­an­ne Strobl im frü­hen Al­ter von zwei­und­fünf­zig Jah­ren in Wi­en ge­stor­ben. Ihr Na­me ge­riet in Ver­ges­sen­heit, nicht ihr Werk.

Wie an­stren­gend die Ar­beit war, sieht man nicht.

Das Ver­bor­ge­ne Mu­se­um. Do­ku­men­ta­ti­on der Kunst von Frau­en, Schlü­ter­str. 70, Ber­lin-char­lot­ten­burg, Do/fr 1519 Uhr, Sa/so 12-16 Uhr, bis 8. März 2020

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