Krat­zen bis der Arzt kommt – Ex­per­ten ge­ben Rat­schlä­ge bei Nes­sel­sucht

Vie­le ken­nen es als Ju­cken, Bren­nen oder als mys­te­riö­se Qu­ad­deln. Was ef­fek­tiv ge­gen die läs­ti­gen Be­schwer­den hilft und ab wann man tat­säch­lich drin­gend den Arzt auf­su­chen soll­te, ver­rie­ten Fach­leu­te am Lesertelef­on.

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - VORDERSEIT­E -

Rund ein Vier­tel al­ler Deut­schen hat be­reits ein­mal ei­ne Ur­tika­ria er­lebt, bei ei­nem von zehn Er­krank­ten ist die Nes­sel­sucht so­gar chro­nisch. Die für die Ur­tika­ria ty­pi­schen Sym­pto­me wie flüs­sig­keits­ge­füll­te Qu­ad­deln, Rö­tung der Haut, Bren­nen und Juck­reiz kön­nen die Le­bens­qua­li­tät der Be­trof­fe­nen er­heb­lich ein­schrän­ken. Um die Krank­heit in den Griff zu be­kom­men, müs­sen ei­ner­seits ih­re mög­li­chen Aus­lö­ser iden­ti­fi­ziert wer­den, an­de­rer­seits soll­te das ge­sam­te heu­te ver­füg­ba­re the­ra­peu­ti­sche Spek­trum zur An­wen­dung kom­men.

Wor­auf es bei der nicht im­mer ein­fach zu stel­len­den Dia­gno­se und der Be­hand­lung der Ur­tika­ria an­kommt, da­zu in­for­mier­ten Ex­per­tin­nen und Ex­per­ten bei ei­nem Lesertelef­on in Zu­sam­men­ar­beit mit dem Deut­schen All­er­gie­und Asth­ma­bund DAAB. Hier die wich­tigs­ten Fra­gen und Ant­wor­ten zum Nach­le­sen:

SYM­PTO­ME

Soll ich mit Ur­tika­ria-sym­pto­men auch dann zum Arzt ge­hen, wenn sie schnell wie­der ver­schwin­den?

Klin­gen die Be­schwer­den in­ner­halb von sechs Wo­chen wie­der ab, ist le­dig­lich ei­ne über­brü­cken­de sym­pto­ma­ti­sche The­ra­pie er­for­der­lich. Dau­ern sie län­ger an, spre­chen wir von ei­ner chro­nisch spon­ta­nen Ur­tika­ria. Über die sym­pto­ma­ti­sche The­ra­pie hin­aus soll­te dann ei­ne gründ­li­che Un­ter­su­chung und Ana­mne­se er­fol­gen, um zu­grun­de­lie­gen­de Ur­sa­chen iden­ti­fi­zie­ren und be­han­deln zu kön­nen.

DIA­GNO­SE

War­um dau­ert es häu­fig so lan­ge, bis Pa­ti­en­ten ei­ne ge­si­cher­te Dia­gno­se er­hal­ten?

Ei­gent­lich ist das Stel­len der Dia­gno­se chro­ni­sche Ur­tika­ria nicht schwie­rig, wenn man die Er­kran­kung aus­rei­chend kennt. Tat­säch­lich ha­ben vie­le Pa­ti­en­ten aber ei­nen lan­gen Weg hinter sich, be­vor ei­ne wirk­sa­me The­ra­pie ein­ge­lei­tet wird. Ein Haupt­pro­blem der chro­ni­schen Ur­tika­ria ist, dass die Sym­pto­me stark schwan­ken und beim ver­ein­bar­ten Arzt­ter­min oft kei­ne sicht­ba­ren Qu­ad­deln oder Schwel­lun­gen zu se­hen sind.

Ge­ra­de in der Ur­tika­ria un­er­fah­re­ne­re Ärz­te lau­fen dann Ge­fahr, die Er­kran­kung nicht zu er­ken­nen oder in der Schwe­re zu un­ter­schät­zen. Das Ri­si­ko ist hoch, dass ei­ne ad­äqua­te Dia­gno­se­stel­lung und The­ra­pie un­ter­bleibt und die Pa­ti­en­ten sich nicht ernst ge­nom­men füh­len. Man­che Be­trof­fe­ne ver­su­chen dann erst ein­mal, selbst mit der Er­kran­kung klar­zu­kom­men be­vor sie ei­nen neu­en Arzt­be­such wa­gen.

Kann ei­ne chro­nisch-spon­ta­ne Ur­tika­ria auch oh­ne ei­ne ent­spre­chen­de Be­hand­lung wie­der ab­klin­gen?

Tat­säch­lich kön­nen al­le Ur­tika­ria-for­men spon­tan wie­der ab­klin­gen. Es lässt sich je­doch nicht vor­her­sa­gen, ob und wann. Was wir aber wis­sen ist: Pa­ti­en­ten mit chro­nisch spon­ta­ner Ur­tika­ria lei­den häu­fig über lan­ge Zeit an der Er­kran­kung. Bei über der Hälf­te der Pa­ti­en­ten dau­ert die Krank­heit län­ger als ein Jahr an, bei fast ei­nem Fünf­tel so­gar mehr als acht Jah­re. Rund fünf Pro­zent der Pa­ti­en­ten lei­den so­gar län­ger als 20 Jah­re un­ter den Sym­pto­men.

Wie kann ich si­cher­stel­len, dass das ge­sam­te the­ra­peu­ti­sche Spek­trum bei der Be­hand­lung mei­ner Ur­tika­ria auch wirk­lich ge­nutzt wird?

Die The­ra­pie der chro­ni­schen Ur­tika­ria rich­tet sich nach den Be­schwer­den des Pa­ti­en­ten und der in­di­vi­du­el­len Wirk­sam­keit der The­ra­pie. Die ak­tu­el­len in­ter­na­tio­na­len Leit­li­ni­en schla­gen ei­nen gu­ten Al­go­rith­mus für das prak­ti­sche Vor­ge­hen vor, al­so in wel­cher Rei­hen­fol­ge und wel­cher Si­tua­ti­on wel­che The­ra­pi­en zu be­vor­zu­gen sind.

Wich­tig ist aus mei­ner Sicht, dass die Pa­ti­en­ten ih­ren be­han­deln­den Arzt ak­tiv an­spre­chen, wenn sie das Ge­fühl ha­ben, ih­re ak­tu­el­le The­ra­pie kon­trol­lie­re ih­re Be­schwer­den nicht aus­rei­chend. Arzt und Pa­ti­ent kön­nen dann ge­mein­sam ei­ne Be­wer­tung der ak­tu­el­len Krank­heits­si­tua­ti­on vor­neh­men. Hier­für gibt es hilf­rei­che und zu­ver­läs­si­ge Fra­ge­bo­gen­in­stru­men­te, zum Bei­spiel den Ur­tika­ria-ak­ti­vi­tätsscore oder den Ur­tika­ria-kon­troll­test.

LANG­ZEIT­FOL­GEN

Mit wel­chen Lang­zeit­fol­gen ist ei­ne chro­ni­sche Ur­tika­ria ver­bun­den?

Pro­ble­ma­tisch ist so­wohl die Un­vor­her­sag­bar­keit der Be­schwer­den als auch ih­re In­ten­si­tät: plötz­lich und im­mer wie­der auf­schie­ßen­de quä­lend ju­cken­de Qu­ad­deln, ent­stel­len­de Schwel­lun­gen im Ge­sicht, die aus hei­te­rem Him­mel auf­tre­ten so­wie ein wie­der­keh­ren­der, un­er­träg­li­cher Juck­reiz.

Vie­le Pa­ti­en­ten lei­den des­halb un­ter er­heb­li­chen Schlaf­stö­run­gen, ha­ben tags­über Schwie­rig­kei­ten sich zu kon­zen­trie­ren und kön­nen All­tag, Pri­vat- und Be­rufs­le­ben nur noch schwer pla­nen und meis­tern. Das Ge­fühl, die Kon­trol­le über das ei­ge­ne Le­ben zu ver­lie­ren, kann wie­der­um De­pres­sio­nen und Angst­stö­run­gen be­güns­ti­gen, was die Be­las­tung wei­ter er­höht. Um­so wich­ti­ger ist es, ei­ne The­ra­pie zu fin­den, die Krank­heits­sym­pto­me zu­ver­läs­sig kon­trol­liert und die Aus­lö­ser der Ur­tika­ria auf­deckt.

AUS­LÖ­SER Spie­len Um­welt­ein­flüs­se bei der stei­gen­den Zahl der Ur­tika­ria-fäl­le ei­ne Rol­le?

Bei der Ur­tika­ria geht man ak­tu­ell von ei­ner au­to­im­mun­ver­mit­tel­ten Krank­heit aus. Die ei­gent­li­chen Ur­sa­chen ei­ner chro­ni­schen spon­ta­nen Ur­tika­ria sind oft un­be­kannt – auch wenn die Aus­lö­ser iden­ti­fi­ziert wer­den kön­nen. Krank­heits­ver­stär­ken­de Fak­to­ren kön­nen Me­di­ka­men­te, In­fek­tio­nen und Le­bens­mit­tel­be­stand­tei­le sein.

Wel­che Be­deu­tung ha­ben All­er­gi­en und Un­ver­träg­lich­kei­ten als Aus­lö­ser ei­ner Ur­tika­ria?

Bei der aku­ten Ur­tika­ria im Er­wach­se­nen­al­ter ste­hen In­fek­te und Me­di­ka­men­te als Aus­lö­ser im Vor­der­grund; Le­bens­mit­tel­all­er­gi­en spie­len nur ei­ne ge­rin­ge Rol­le. Bei Säug­lin­gen und Klein­kin­dern kann ei­ne aku­te Ur­tika­ria je­doch häu­fi­ger Fol­ge ei­ner Le­bens­mit­tel­all­er­gie sein. Nach dem rei­nen Haut­kon­takt mit Le­bens­mit­teln kann sich üb­ri­gens auch ei­ne Kon­takt-ur­tika­ria aus­bil­den, von der be­son­ders häu­fig Kö­che, Bä­cker oder auch Flei­scher be­trof­fen sind.

Bei der chro­ni­schen Ur­tika­ria hin­ge­gen sind Nah­rungs­mit­tel­all­er­gi­en als Aus­lö­ser sehr un­wahr­schein­lich. Al­ler­dings kön­nen bei ei­nem Teil der Pa­ti­en­ten so ge­nann­te Pseu­do­all­er­gi­en die Be­schwer­den ver­stär­ken. Ver­ant­wort­lich da­für kön­nen da­bei Le­bens­mit­tel­zu­satz­stof­fe wie Kon­ser­vie­rungs­stof­fe sein, aber auch na­tür­li­che In­halts­stof­fe wie phe­no­li­sche Säu­ren oder Al­ko­hol. Et­wa ein Drit­tel der Pa­ti­en­ten mit ei­ner chro­nisch spon­tan ver­lau­fen­den Ur­tika­ria lei­det un­ter ei­ner Pseu­do­all­er­gie.

In wie weit sind Darm und Mi­kro­bi­om an ei­ner Ur­tika­ria be­tei­ligt?

Grund­sätz­lich kön­nen In­fek­te oder ent­zünd­li­che Pro­zes­se ei­ne chro­ni­sche Ur­tika­ria aus­lö­sen oder ver­stär­ken, al­so auch sol­che des Ma­gen-darm-trakts. Hier ist vor al­lem die In­fek­ti­on mit dem Bak­te­ri­um He­li­co­bac­ter py­lo­ri zu nen­nen, aber auch chro­nisch-ent­zünd­li­che Darmer­kran­kun­gen ge­hö­ren da­zu.

Au­ßer­dem sit­zen Mast­zel­len – die zen­tra­len „Schalt­zel­len“bei der Ur­tika­ria – auch in der Darm­schleim­haut, so dass ei­ni­ge Pa­ti­en­ten im Rah­men ih­rer Ur­tika­ria ne­ben Qu­ad­deln und Schwel­lun­gen an der Haut auch mit Be­schwer­den wie Durch­fall zu kämp­fen ha­ben. In­wie­weit das Mi­kro­bi­om, al­so die Mi­kro­or­ga­nis­men, die Haut und Schleim­häu­te des Men­schen be­sie­deln, bei der Ur­tika­ria ei­ne Rol­le spie­len, ist noch weit­ge­hend un­ge­klärt. Es gibt ers­te An­halts­punk­te für ei­ne Re­duk­ti­on an­ti­ent­zünd­lich und re­gu­la­to­risch wir­ken­der Darm­bak­te­ri­en bei Pa­ti­en­ten mit chro­ni­scher Ur­tika­ria. Um die­se Zu­sam­men­hän­ge besser zu ver­ste­hen, sind wei­te­re Stu­di­en not­wen­dig.

KIN­DER

Kön­nen auch Kin­der an ei­ner Ur­tika­ria er­kran­ken?

Ja – am häu­figs­ten ist im frü­hen Kin­des­al­ter die aku­te spon­ta­ne Ur­tika­ria mit ei­ner Dau­er von we­ni­ger als sechs Wo­chen. Chro­ni­sche Er­kran­kungs­for­men spie­len erst im spä­te­ren Kin­des­al­ter zu­neh­mend ei­ne Rol­le. Die Ur­sa­chen der Nes­sel­sucht bei Kin­dern sind meis­tens In­fek­tio­nen, bei­spiels­wei­se be­glei­tend zu ei­nem grip­pa­len In­fekt, Mit­tel­ohr­ent­zün­dun­gen oder Ra­chen­ent­zün­dun­gen. Wei­te­re Ur­sa­chen kön­nen Nah­rungs­mit­tel­all­er­gi­en oder pseu­do­all­er­gi­sche Re­ak­tio­nen auf Arz­nei­mit­tel sein. Auch ein Wurm- oder Pa­ra­si­ten­be­fall als Aus­lö­ser ist im Kin­des­al­ter nicht sel­ten.

Wo­rin un­ter­schei­det sich die Ur­tika­ria-be­hand­lung bei Kin­dern?

Die Be­hand­lung der Ur­tika­ria bei Kin­dern un­ter­schei­det sich nur teil­wei­se von der der Er­wach­se­nen. Auch Kin­der wer­den mit An­t­hist­ami­ni­ka be­han­delt. Ab dem 12. Le­bens­jahr ist auch die Be­hand­lung mit ei­nem spe­zi­el­len An­ti­kör­per zu­ge­las­sen. Ört­li­che Be­schwer­den kön­nen lo­kal mit Cold­packs oder Schüt­tel­mix­tu­ren aus Menthol und dem Wirk­stoff Poli­do­ca­nol ge­lin­dert wer­den. So­weit sie be­kannt sind, müs­sen zu­dem nach Mög­lich­keit die Aus­lö­ser der Ur­tika­ria ge­mie­den wer­den. Bei be­kann­ten All­er­gi­en ge­gen Nah­rungs­mit­tel oder In­sek­ten­gif­te wird bei All­er­gen­kon­takt die ver­ord­ne­te Not­fall­me­di­ka­ti­on ein­ge­setzt. Tre­ten bei Kin­dern zu­sätz­lich zur Nes­sel­sucht Atem­not oder Kreis­lauf­schwä­che auf, ist so­fort ärzt­li­che Hil­fe nö­tig.

FOR­SCHUNG

Wor­an wird ak­tu­ell bei der Be­hand­lung der Ur­tika­ria ge­forscht?

Die bis­he­ri­ge Stan­dard­the­ra­pie der chro­nisch spon­ta­nen Ur­tika­ria ist ge­mäß den ak­tu­el­len in­ter­na­tio­na­len Leit­li­ni­en die Ga­be von nicht mü­de ma­chen­den H1-an­ti­hist­ami­ni­ka der zwei­ten Ge­ne­ra­ti­on. Doch über 50 Pro­zent der Pa­ti­en­ten ha­ben trotz­dem wei­ter re­gel­mä­ßig Sym­pto­me wie die Qu­ad­deln.

Für die Pa­ti­en­ten, die auch auf ei­ne Do­sis­stei­ge­rung der An­ti­hist­ami­ni­ka nicht an­spre­chen, steht als wei­te­re The­ra­pie­opti­on ei­ne so ge­nann­te An­ti-ige-the­ra­pie zur Ver­fü­gung. Ak­tu­ell wird ei­ne wei­te­re sol­che An­ti­kör­per-the­ra­pie in ei­ner kli­ni­schen Stu­die un­ter­sucht. An­de­re Ent­wick­lun­gen set­zen an den Si­gnal­über­tra­gun­gen auf Zel­l­e­be­ne an. pr-nrw

Fo­to: Kai Rem­mers/dpa

Un­er­klär­li­cher Juck­reiz: Bei der chro­nisch-spon­ta­nen Nes­sel­sucht schwan­ken die Sym­pto­me stark und sie bleibt oft lan­ge Zeit un­er­kannt. Ist die Dia­gno­se aber ein­mal ge­stellt, gibt es wirk­sa­me The­ra­pie­mög­lich­kei­ten.

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