Fol­ter­kam­mer für die S-bahn

Im längs­ten Kli­ma-wind-ka­nal der Welt müs­sen die neu­en Zü­ge für den Ber­li­ner Nah­ver­kehr Hit­ze, Käl­te und Wind über­ste­hen. Da­für fuhr ei­ne Bahn bis nach Wi­en.

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - WIRTSCHAFT REGIONAL - Von Ina Mat­thes

Si­bi­ri­sche Käl­te hat sie schon er­lebt, die neue Ber­li­ner S-bahn. „Mi­nus 25 Grad“, sagt Andre­as Ro­sen­kranz. Der Ex­per­te für Kli­ma­tech­nik sitzt in der Steu­er­war­te der welt­weit größ­ten Kli­ma­kam­mer für Schie­nen­fahr­zeu­ge in Wi­en. An sei­nem Tisch vol­ler Mo­ni­to­re kann Ro­sen­kranz am Kli­ma in der Kam­mer dre­hen – an Tem­pe­ra­tur, Feuch­te, Wind. Im Mi­nu­ten­takt kön­nen Mess­wer­te auf­ge­zeich­net wer­den. Bei mi­nus 25 Grad muss es die Bahn schaf­fen, aus dem Stand „auf­zu­we­cken“wie Ro­sen­kranz sagt. „Sie hat es gut ge­macht.“

Der Ös­ter­rei­cher ist zu­stän­dig für die Tests, die der Zug der neu­en Bau­rei­he 483/484 in Wi­en über sich er­ge­hen las­sen muss. Be­vor die neu­ge­bau­te S-bahn ab 2021 Fahr­gäs­te durch Ber­lin kut­schiert, wird sie un­ter rea­li­täts­na­hen Be­din­gun­gen er­probt. „Wir al­le ha­ben den Ehr­geiz, ein Fahr­zeug auf den Schie­nen zu se­hen, das auf An­hieb funk­tio­niert“, sagt Alex­an­der Kacz­marek, Kon­zern­be­voll­mäch­tig­ter der Deut­schen Bahn (DB) für Ber­lin. Die S-bahn Ber­lin Gmbh, Toch­ter der Deut­schen Bahn, lässt die Zü­ge bau­en. Die Vor­gän­ger-bau­rei­he 481 mach­te in der Ver­gan­gen­heit un­ter an­de­rem we­gen Pro­ble­men mit den Tü­ren von sich re­den – bei den Neu­en soll nichts klem­men. Des­halb wur­de ein S-bahnzug per Lok und mit Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung nach Wi­en ge­schleppt – zum For­schungs- und Tes­t­in­sti­tut Rail Tec Ar­senal. Das In­sti­tut be­treibt den mit 100 Me­tern längs­ten Kli­ma-wind-ka­nal der Welt. Käl­te bis -45 Grad, Hit­ze bis 60 Grad und bis zu 300 St­un­den­ki­lo­me­ter star­ke Stür­me kön­nen hier si­mu­liert wer­den.

Die neu­en Ber­li­ner S-bahn-zü­ge der Her­stel­ler Stad­ler und Sie­mens müs­sen Ex­tre­me wie bei­spiels­wei­se -25 Grad Käl­te und 45 Grad Som­mer­hit­ze aus­hal­ten. Ei­ne „Fol­ter­kam­mer“für die Fahr­zeu­ge nennt Stef­fen Obst von der Stad­ler Pan­kow Gmbh den Kli­ma­ka­nal, der bis zu sechs Wa­gen fasst. Die Tem­pe­ra­tur wird über war­me oder kal­te Luft­strö­me aus mäch­ti­gen Ge­blä­sen ge­re­gelt. In­ner­halb ei­ner St­un­de kann sie sich um bis zu zehn Grad än­dern. An ei­ner Wand der Röh­re sind Dut­zen­de Leuch­ten an­ge­bracht. Da­mit lässt sich ein Som­mer­tag si­mu­lie­ren, wenn die Son­ne aus ei­ner Rich­tung stär­ker auf die Bahn strahlt. Dann kön­nen Tem­pe­ra­tur­un­ter­schie­de von zwei bis drei Grad zwi­schen Son­nen­und Schat­ten­sei­te auf­tre­ten.

Dü­sen an der De­cke und Stirn­sei­te sprü­hen Was­ser­ne­bel auf den Zug im Kli­ma­ka­nal. Bei mi­nus zehn Grad sind im ak­tu­el­len Test an die­sem Tag die Front­schei­be und Tü­ren ver­eist. Öff­nen sich die Tü­ren trotz­dem? Zie­hen die Brem­sen an? Wie ar­bei­ten die Strom­ab­neh­mer bei der Käl­te? Das ge­hört zum Funk­ti­ons­test der Bahn. Mit 350 Mess-sen­so­ren ist der so­ge­nann­te Halb­zug mit sei­nen vier Wa­gen ge­spickt. Ge­mes­sen wird auch in den Wa­gen. Ka­bel­schlan­gen zie­hen sich über die Fuß­bö­den. Heiz­mat­ten auf den Sit­zen si­mu­lie­ren die Kör­per­wär­me der Pas­sa­gie­re; Was­ser­ver­damp­fer er­zeu­gen die Luft­feuch­te.

Die S-bahn-zü­ge der Bau­rei­he 483/484 wer­den die ers­ten in Ber­lin sein, die ei­ne Kli­ma­an­la­ge be­sit­zen. Weil Tun­nel und Un­ter­füh­run­gen in Ber­lin nied­rig sind, kön­nen die An­la­gen nicht auf den Dä­chern mon­tiert wer­den, son­dern sind teils un­ter den Fahr­zeu­gen und in den De­cken der Wa­gen un­ter­ge­bracht. Über­haupt sind die S-bahn-zü­ge für Ber­lin

Die Zü­ge der Bau­rei­he 483/484 wer­den die ers­ten sein, die ei­ne Kli­ma­an­la­ge be­sit­zen.

mit ih­ren seit­li­chen Strom­ab­neh­mern in ih­rer Kon­struk­ti­on ein­zig­ar­tig. Das ist be­dingt durch die Struk­tur des Net­zes.

Ein Tag kos­tet bis 30 000 Eu­ro

106 Zü­ge wer­den für Ber­lin pro­du­ziert. Sie­mens über­nimmt die Elek­trik, Stad­ler die Mecha­nik. Bei Stad­ler in Pan­kow wer­den die Bah­nen mon­tiert. Im Ge­gen­satz zu den al­ten Zü­gen aus Stahl be­ste­hen die neu­en aus Alu­mi­ni­um – um Ge­wicht zu spa­ren. Au­ßer­dem ist die Front des Füh­rer­stan­des schräg – das soll not­falls ei­nen bes­se­ren Schutz für den Fah­rer bie­ten. So ver­grö­ßert sich die Knautsch­zo­ne. Zehn die­ser neu­en S-bah­nen gibt es be­reits, fünf so­ge­nann­te Halb­zü­ge und fünf Vier­tel­zü­ge. Da­von sind ei­ni­ge schon nachts test­hal­ber in Ber­lin un­ter­wegs. Ein wei­te­rer er­dul­det das künst­li­che Wet­ter in Wi­en.

Ein Tag Schie­nen­fahr­zeug-fol­ter bei Rail Tec Ar­senal kos­tet bis zu 30 000 Eu­ro. Der Test­be­trieb im In­sti­tut mit sei­nen ins­ge­samt zwei Kli­ma-wind-ka­nä­len läuft 24 St­un­den, um Kos­ten zu spa­ren und die Auf­trä­ge schnel­ler ab­zu­ar­bei­ten. „Das Ziel ist, Gren­zen aus­zu­lo­ten,“sagt Andre­as Ro­sen­kranz. Am liebs­ten ist ihm ei­gent­lich, wenn nicht al­les glatt läuft. Un­ter den ge­nau ge­re­gel­ten Kon­di­tio­nen im Ka­nal las­sen sich Ur­sa­chen für Feh­ler oft ein­fa­cher fin­den als im ech­ten Be­trieb mit sich stän­dig än­dern­den Um­welt­be­din­gun­gen. Ein Bei­spiel: Im Füh­rer­stand ei­nes Zu­ges ist es zu kalt, aber die Kli­ma­an­la­ge heizt ge­nug. Im Test­stand stellt sich her­aus, dass ei­ne Dich­tung fehlt und bei Wind kal­te Luft in den Füh­rer­stand ge­bla­sen wird.

Noch rund vier Wo­chen wird die Ber­li­ner S-bahn im Kli­ma-wind-ka­nal ge­stresst. Dar­an schlie­ßen sich vier Wo­chen Aus­wer­tung an. Der Kli­ma­wan­del hat üb­ri­gens auch schon ers­te Aus­wir­kun­gen auf die Test­be­din­gun­gen. Lag das Tem­pe­ra­tur-ma­xi­mum bis­her bei 40 Grad sind es jetzt 45 Grad. Wie gut die Kli­ma­an­la­gen der S-bahn dann im Win­ter lau­fen, kön­nen die Heim­keh­rer von den Sil­ves­ter­par­tys 2021 er­fah­ren. Am 1. Ja­nu­ar 2021 um 4 Uhr soll die neue Bahn am Süd­kreuz in den re­gu­lä­ren Li­ni­en­ver­kehr star­ten.

Fo­to: Ina Mat­thes

Win­ter in Wi­en: Im Kli­ma-wind-ka­nal muss die S-bahn der Bau­rei­he 483/484 ex­tre­mem Wet­ter stand­hal­ten.

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