Ab­bil­der der See­le

Die Ber­li­ner Jah­re des Ma­lers Ru­dolf Sch­lich­ter

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - JOURNAL - Von Welf Grom­ba­cher

Der Skan­dal war ge­wal­tig. Bei der Ers­ten In­ter­na­tio­na­len Da­da-mes­se in Ber­lin zeig­te Ru­dolf Sch­lich­ter 1920 sei­nen „Preu­ßi­schen Er­z­en­gel“. Ei­ne zu­sam­men mit John He­art­field ge­schaf­fe­ne Pup­pe mit Sol­da­ten­man­tel und Schwei­ne­kopf. Über den Köp­fen der Be­su­cher bau­mel­te sie mit ei­nem Schild, auf dem stand: „Um die­ses Kunst­werk voll­kom­men zu be­grei­fen, ex­er­zie­re man täg­lich zwölf St­un­den mit voll­ge­pack­tem Af­fen und feld­marsch­mä­ßig aus­ge­rüs­tet auf dem Tem­pel­ho­fer Feld.“So­was ging na­tür­lich gar nicht in der Wei­ma­rer Re­pu­blik. Sch­lich­ter und He­art­field muss­ten sich prompt vor Ge­richt we­gen Be­lei­di­gung der Deut­schen Reichs­wehr ver­ant­wor­ten.

Im­mer wie­der sorg­te der Ma­ler Ru­dolf Sch­lich­ter für Pro­vo­ka­tio­nen. Mehr als ein­mal leb­te er mit ei­ner Pro­sti­tu­ier­ten und ließ sich als ar­mer Künst­ler von ihr aus­hal­ten. Er war ein be­ken­nen­der Fuß­fe­ti­schist mit Vor­lie­be fürs Stran­gu­lie­ren und für Schnür­stie­fel. Zu sei­nen Freun­den zähl­te er den Kom­mu­nis­ten Ber­tolt Brecht eben­so wie den kon­ser­va­ti­ven Re­vo­lu­tio­när Ernst Jün­ger. Bei­de por­trä­tier­te Sch­lich­ter auch. Er war Mit­glied der KPD und wur­de spä­ter ein über­zeug­ter Ka­tho­lik. Sei­ne Vi­ta ist voll von Wi­der­sprü­chen. Eben­so sei­ne Kunst. Im­mer wie­der ge­rie­ten sei­ne Ge­mäl­de auf den In­dex. Er selbst ver­stieg sich mehr­mals in sei­nem Le­ben, das ein tra­gi­sches war. Ein wan­kel­mü­ti­ger Cha­rak­ter, über den die Zeit hin­weg­ge­gan­gen ist.

Heu­te kennt kaum noch ei­ner die­sen Ru­dolf Sch­lich­ter, der in den 30er-jah­ren ne­ben Ot­to Dix und Ge­or­ge Grosz zu den be­deu­tends­ten Ver­tre­tern der Neu­en Sach­lich­keit ge­hör­te. Ge­bo­ren wur­de er 1898 in Calw als sechs­tes Kind ei­nes Gärt­ners. Weil der Va­ter früh starb, mach­te er in Pforz­heim zu­nächst ei­ne Leh­re zum Por­zel­lan-ma­ler. Zu Hö­he­rem be­ru­fen, be­such­te er an­schlie­ßend in Stutt­gart die Würt­tem­ber­gi­sche Staat­li­che Kunst­ge­wer­be­schu­le und in Karls­ru­he die Groß­her­zog­lich-ba­di­sche Aka­de­mie der Bil­den­den Küns­te. Schon da leb­te er sei­ne Ob­ses­si­on aus und fla­nier­te durch die Re­si­denz­stadt ge­schminkt und in Knöpf­stie­feln. Er haus­te mit ei­ner Ge­le­gen­heits­pro­sti­tu­ier­ten zu­sam­men und zeich­ne­te un­ter dem Pseud­onym Udor Ré­tyl por­no­gra­fi­sche Bild­chen.

Be­kannt­schaft mit Ge­or­ge Grosz

Wie sein Vor­bild Os­car Wil­de leb­te er die An­ders­ar­tig­keit aus und gab den Dan­dy. Das sü­ße Le­ben aber hat­te ein En­de, als 1914 der Ers­te Welt­krieg aus­brach. We­gen Kurz­sich­tig­keit wur­de Sch­lich­ter zu­nächst zu­rück­ge­stellt, 1916 aber muss­te er doch als Mi­li­tär­hel­fer an die West­front, konn­te sich durch ei­nen Hun­ger­streik aber dem Mi­li­tär­dienst ent­zie­hen. Zu­rück in Karls­ru­he zähl­te er zu den Mit­be­grün­dern der Künst­ler­grup­pe Rih, be­vor es ihn 1919 nach Ber­lin zog, wo sein Bru­der Max in der Nä­he des Tau­ent­zi­en das Lo­kal „Sch­lich­ters“be­trieb. Dort stell­te er sei­ne Wer­ke aus und traf an­de­re Künst­ler wie Ber­tolt Brecht, John He­art­field oder Ge­or­ge Grosz, mit dem er sich zeit­wei­se so­gar das Ma­le­rate­lier und die Mo­del­le teil­te.

Mit Ge­or­ge Grosz zähl­te Sch­lich­ter, der Mit­glied der KPD war, auch zu den Mit­be­grün­dern der „Ro­ten Grup­pe“, ei­ner Ver­ei­ni­gung kom­mu­nis­ti­scher Künst­ler. Er be­tei­lig­te sich an Aus­stel­lun­gen der No­vem­ber­grup­pe und der Ber­li­ner Se­ces­si­on, hielt sich über Was­ser durch Bu­ch­il­lus­tra­tio­nen für den Ma­lik-ver­lag. Dann aber kam es ir­gend­wie zum Bruch. Sch­lich­ter lern­te die Schau­spie­le­rin El­frie­de Eli­sa­beth Köh­ler ken­nen – ge­nannt „Spee­dy“– hei­ra­te­te sie 1929 und kon­ver­tier­te zum Ka­tho­li­zis­mus. Drei Jah­re spä­ter ver­lie­ßen die bei­den Ber­lin und zo­gen nach kur­zem Zwi­schen­stopp in Calw nach Rot­ten­burg am Neckar. Der Ma­ler lern­te jetzt Ernst Jün­ger und den Rechts­ter­ro­ris­ten Ernst von Sa­lo­mon ken­nen. Es ist, als hät­te Ru­dolf Sch­lich­ter ei­ne 360-Grad-wen­dung voll­zo­gen.

Als die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten an die Macht ka­men, sah Sch­lich­ter dar­in ei­ne Um­kehr zum Gu­ten. Er be­grüß­te es, sich nicht mehr in „ir­gend ei­nem all­jü­di­schen Künst­ler­trö­del­ge­schäft“be­haup­ten zu müs­sen, schreibt er in ei­nem Brief an sei­nen Künst­ler­kol­le­gen Franz Rad­zi­will, den er mit „Sieg und Heil“zeich­ne­te. Sch­lich­ter mal­te jetzt be­vor­zugt süd­deut­sche Wald­land­schaf­ten und trug sich mit den Ge­dan­ken für ein „Land­schafts­buch“, für das er Text und Bil­der lie­fern woll­te, um dem Zeit­geist ent­ge­gen­zu­kom­men. „Ge­or­ge Grosz hat die­sen po­li­ti­schen Schwenk sei­nes Freun­des ,Sch­lich­ter­ru­di‘ in ei­nem Brief im Sep­tem­ber 1930 als Hin­wen­dung zu dem­je­ni­gen ,his­to­ri­schen Rea­lis­mus‘ be­zeich­net, der von der ,Na­zie­li­te‘ be­vor­zugt wer­de“, schreibt Dirk Heis­se­rer in dem neu­en Bild­band „Idyl­le und Apo­ka­lyp­se“, der ei­nen gu­ten Über­blick über Ru­dolf Sch­lich­ters Land­schaf­ten gibt. „Doch Sch­lich­ter hat­te die Rech­nung oh­ne die neu­en Macht­ha­ber ge­macht, die ihm in den fol­gen­den Jah­ren mit Ver­bo­ten, Aus­schluss­ver­fah­ren und so­gar ei­ner Ge­fäng­nis­stra­fe deut­lich zeig­ten, was sie von ihm hiel­ten.“

Schon sein 1931 er­schie­ne­ner Ro­man „Zwi­schen­welt. Ein In­ter­mez­zo“, in dem er über sei­ne Ob­ses­si­on und die un­kon­ven­tio­nel­le Ehe mit Spee­dy ge­schrie­ben hat­te (die durch sich fi­nan­zi­ell aus­zah­len­de Lieb­schaf­ten für den Le­bens­un­ter­halt der bei­den auf­kam) sorg­te für Miss­fal­len. 1932 und 1933 folg­ten mit „Das wi­der­spens­ti­ge Fleisch“und „Tö­ner­ne Fü­ße“zwei Bän­de sei­ner Au­to­bio­gra­fie. Vor al­lem der zwei­te Band stieß auf Kri­tik und wur­de von den Na­zis als „per­vers ero­ti­sche Selbst­dar­stel­lung“auf den In­dex ge­setzt. Ein ge­plan­ter drit­ter Band mit dem Ti­tel „Er­lö­sung“durf­te gar nicht erst er­schei­nen. Ein Ver­fah­ren soll­te den Künst­ler aus dem Reichs­ver­band Deut­scher Schrift­stel­ler aus­schlie­ßen. 1937 wur­de er des Ge­mäl­des „Blin­de Macht“we­gen der Reichs­kam­mer für Bil­den­de Küns­te ver­wie­sen.

Sieb­zehn sei­ner Bil­der ent­fern­ten die Na­zis aus den deut­schen Mu­se­en. Vier da­von wa­ren in der Aus­stel­lung „Entar­te­te Kunst“zu se­hen. 1938 klag­ten sie den Ma­ler we­gen „un­na­tio­nal­so­zia­lis­ti­scher Le­bens­füh­rung“an und steck­ten ihn ins Ge­fäng­nis. Nach der Frei­las­sung zog er nach Mün­chen und ver­kehr­te dort im Kreis der ka­tho­li­schen Zeit­schrift „Hoch­land“. Im Glau­ben such­te Sch­lich­ter Halt. Schon in Rot­ten­burg hat­te ihn Bi­schof Jo­an­nes Bap­tis­ta Sproll un­ter­stützt, in dem er sich von ihm por­trä­tie­ren ließ. Was schon ein biss­chen ver­wun­dert, wenn man sich vor Au­gen hält, dass der Ma­ler, um sei­nen Le­bens­un­ter­halt zu si­chern, et­wa zeit­gleich Ab­bil­dun­gen fürs Bil­der­le­xi­kon der Ero­tik an­fer­tig­te.

Nach dem Zwei­ten Welt­krieg voll­zog Sch­lich­ter noch ein­mal ei­ne Wen­de. „Nun ist es zu En­de, das sechs­jäh­ri­ge Mor­den, Fol­tern, Bren­nen und Zer­stö­ren“, no­tier­te er am 9. Mai 1945 in sein Ta­ge­buch. Er knüpf­te jetzt an den Sur­rea­lis­mus an und setz­te sich in apo­ka­lyp­ti­schen Bil­dern mit den Gräu­el­ta­ten der Na­zis aus­ein­an­der. Kultur- und Fort­schritts­kri­tik spre­chen aus sei­nen mit­un­ter kit­schi­gen Wer­ken. Die Mi­schung aus Rea­lis­mus und Dä­mo­nie ver­stört. „Den Men­schen und mit ihm den Kos­mos, in dem er lebt und der mit ihm ge­fal­len ist, in sei­ner Zwie­späl­tig­keit, sei­ner Qu­al und Er­hö­hung dar­zu­stel­len, al­so Ab­bil­der der See­le zu ge­ben, ver­wan­delt al­ler­dings durch den Fil­ter der See­le“, das war Sch­lich­ters An­lie­gen, wie er es vor sei­nem Tod 1955 selbst ein­mal for­mu­liert hat. „Mir geht es ein­zig und al­lein um das uns al­len auf den Nä­geln bren­nen­de Pro­blem: der Mensch in die­ser Zeit.“

Mark R. Hess­lin­ger: „Idyl­le und Apo­ka­lyp­se. Ru­dolf Sch­lich­ters Land­schaf­ten“, Süd­ver­lag, 108 Sei­ten, 22 Eu­ro

We­gen sei­nes zü­gel­lo­sen Le­bens­stils wur­de er von den Na­zis in­haf­tiert.

Re­pro: Kunst­stif­tung der Spar­kas­se Pforz­heim Calw

Sur­rea­lis­tisch und phan­tas­tisch: Ru­dolf Sch­lich­ters „Ge­sta­de der Ver­las­sen­heit“von 1947

Re­pro: Kunst­mu­se­um Alb­stadt

Land­schaft­li­ches Idyll mit be­droh­li­chen Un­ter­tö­nen: Ru­dolf Sch­lich­ters „Korn­bühl bei Sal­men­din­gen“von 1933

Re­pro: Pi­na­ko­thek der Mo­der­ne

Nüch­tern und il­lu­si­ons­los: die nächt­li­che An­sicht „Auf die Stra­ße ge­wor­fen“von 1954

Re­pro: Kunst­mu­se­um Ho­hen­karp­fen

Skep­ti­scher Blick auf sich und die Welt: Sein „Selbst­bild­nis“mal­te Sch­lich­ter 1936.

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