Haus der un­end­li­chen Mög­lich­kei­ten

„Wie wol­len wir le­ben?“, fragt das ers­te Mu­se­um, das sich nicht mit der Ver­gan­gen­heit, son­dern mit dem Mor­gen be­schäf­tigt. Das Fu­tu­ri­um zeigt Uto­pi­en auf, die auch zum Nach­den­ken über den ei­ge­nen Kon­sum an­re­gen. Von Ma­ria Neu­en­dorff

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - JOURNAL -

Schon der Wün­sche-spei­cher im Foy­er ist von Kin­dern um­ringt. „Ich will ei­nen Ro­bo­ter, der mein Zim­mer auf­räumt“, tippt ein Jun­ge ein. „Ich wün­sche mir we­ni­ger Tech­nik, die uns ge­müt­lich macht“, schreibt sei­ne Freun­din ne­ben­an.

Die ge­gen­sätz­li­chen Träu­me, die nun als Leucht­punk­te über ei­ne di­gi­ta­le Glas­plat­te in Deutsch­lands ers­tem Zu­kunfts­mu­se­um in Ber­lin-mit­te flim­mern, ste­hen ge­ra­de­zu sym­bo­lisch für den gro­ßen Kon­flikt des 21. Jahr­hun­derts. Wel­che Tech­no­lo­gi­en wol­len wir künf­tig nut­zen? Dient uns die Tech­nik – oder wir ihr? Wie er­fül­len wir un­se­re Be­dürf­nis­se nach Kom­fort, oh­ne uns und der Um­welt noch mehr zu scha­den?

Fra­gen, die sich in ei­nem Satz zu­sam­men­fas­sen las­sen. „Wie wol­len wir le­ben?“, heißt dann auch die gro­ße Über­schrift in dem neu­en Haus, das sich seit Sep­tem­ber am Haupt­bahn­hof mit dem Mor­gen be­fasst. An Spiel­sta­tio­nen kann je­der sei­ne ei­ge­nen Ant­wor­ten ge­ben, und al­les wird auf ei­nem Chip-arm­band ge­spei­chert. Wer es aus­le­sen lässt, er­fährt am En­de, was für ein Zu­kunfts­mensch er ist. Bin ich je­mand, der da­mit le­ben könn­te, wenn sich die Al­gen im Bio-re­ak­tor mal nicht rüh­ren und auch die Rei­ni­gungs­bak­te­ri­en im Ba­de­zim­mer strei­ken? Je­mand, der Mehl­wür­mer zum Mit­tag­es­sen kocht? Oder je­mand, der es gut fin­det, wenn die Haus­wän­de sich in sei­nen See­len­zu­stand ein­füh­len und nach Fei­er­abend die Ent­span­nungs­mu­sik an­ma­chen?

Tat­säch­lich dis­ku­tie­ren Te­enager an den Mit­mach­sta­tio­nen, ob sie die de­fek­ten Ge­ne ih­rer un­ge­bo­re­nen Kinder ver­än­dern las­sen wür­den. Das Fu­tu­ri­um, nur we­ni­ge Schrit­te vom Ber­li­ner Haupt­bahn­hof, regt an, über die ei­ge­nen Wer­te und das ei­ge­ne Kon­sum­ver­hal­ten nach­zu­den­ken. Da­mit nicht nur die in­tel­lek­tu­el­le Eli­te Zu­gang hat, ist der Ein­tritt drei Jah­re lang frei. Im ers­ten Mo­nat ka­men be­reits 100 000 Be­su­cher in das vom Bun­des­for­schungs­mi­nis­te­ri­um ge­för­der­te Haus, das mit sei­nem glä­ser­nen Rie­sen­fahr­stuhl und ei­nem Sky­walk auf dem Dach selbst ein ar­chi­tek­to­ni­sches High­light ist.

„Wir sind über­wäl­tigt von der Re­so­nanz, die all un­se­re Er­war­tun­gen über­trifft“, freut sich Di­rek­tor Ste­fan Brandt, selbst 43 Jah­re alt. Sei­nen Be­ob­ach­tun­gen zu­fol­ge sei­en al­le Al­ters­grup­pen und Schich­ten ver­tre­ten. „Das Pu­bli­kum stellt ei­nen gro­ßen Qu­er­schnitt un­se­rer Ge­sell­schaft dar.“

Das ist wich­tig für Brandt, der ger­ne von Zu­künf­ten spricht. Er glaubt, dass die Viel­zahl der Gestal­tungs­op­tio­nen im di­gi­ta­len Zeit­al­ter für man­chen nicht nur Frei­heit, son­dern auch Über­for­de­rung be­deu­tet. Gleich am An­fang der Dau­er­aus­stel­lung wird die un­glaub­li­che Be­schleu­ni­gung seit Be­ginn der In­dus­tria­li­sie­rung sicht­bar ge­macht. Um 1800 leb­ten ei­ne Mil­li­ar­de Men­schen auf der Welt. 2040 wer­den es wahr­schein­lich neun Mal so vie­le sein. Statt in der­zeit 28 Me­ga­ci­tys wer­den vie­le dann in 40 Rie­sen­städ­ten le­ben. Zur der­zei­ti­gen Zu­kunfts­vi­si­on ge­hört auch, dass sich die Be­woh­ner in den Be­ton­wüs­ten wie in ei­nem rie­si­gen Back­ofen füh­len wer­den. Wer­den Ge­bäu­de künf­tig in grü­ne Klei­der ge­hüllt, sin­ken die Kos­ten für ih­re Kli­ma­ti­sie­rung. Welt­weit wird mehr Ener­gie für die Küh­lung ver­braucht als zum Hei­zen im Win­ter, er­fährt der Be­su­cher. Doch soll­te man Me­ga­städ­te wirk­lich in ur­ba­ne Ur­wäl­der ver­wan­deln, wäh­rend im Ama­zo­nas­ge­biet täg­lich im­mer noch meh­re­re Fuß­ball­fel­der Re­gen­wald ge­ro­det wer­den?

Nach­wach­sen­de Kli­ma­hil­fe

Und wirk­lich zum Durch­at­men wir­ken die spi­ral­för­mi­gen 3D-land­schaf­ten, die sich mit ih­ren künst­lich an­ge­leg­ten Grün­flä­chen auf­ein­an­der tür­men, auch nicht. Das Mo­dell vom Wol­ken­krat­zer mit ver­ti­ka­lem Bau­ern­hof, Ge­mü­se­bee­ten, Bil­dungs­zen­trum und Markt­platz hat ei­nen Start- und Lan­de­platz für Droh­nen, die es er­mög­li­chen, die Ern­te schnel­ler zu ver­tei­len. Die prä­mier­ten Künst­ler und Ar­chi­tek­ten ha­ben auch ei­ne Stadt aus Bam­bus für 200 000 Be­woh­ner ent­wor­fen. 3D-druck, den man un­ten im La­bo­ra­to­ri­um selbst aus­pro­bie­ren kann, macht es mög­lich, die irrs­ten Kon­struk­tio­nen auch aus al­ten na­tur­na­hen Stof­fen wie Lehm und Ton zu mo­del­lie­ren.

So be­wun­dern die Fu­tu­ri­ums-be­su­cher Mo­del­le von künst­li­chen In­seln, die sich zu Mee­res­dör­fern zu­sam­men­fü­gen, die wie­der­um schwim­men­de Städ­te bil­den. Die Ener­gie wird aus der Kraft der Mee­res­strö­mung ge­won­nen, das Salz- in Trink­was­ser um­ge­wan­delt. Al­gen­zucht und schwim­men­de Ge­wächs­häu­ser si­chern den Nah­rungs­be­darf.

Gut, dass man im eu­ro­pa­weit noch ein­zig­ar­ti­gen Haus sein Han­dy in ver­schließ­ba­ren Bo­xen la­den kann. Die Aus­stel­lung mit den fünf The­men­be­rei­chen Ernährung, Ge­sund­heit, Ener­gie, Ar­beit und Stadt­le­ben ist an ei­nem Nach­mit­tag kaum zu schaf­fen. Im „Denk­raum Mensch“kann man dar­über nach­sin­nen, wie man sei­nen 130. Ge­burts­tag fei­ern wür­de, oder in der gro­ßen Schau­kel mit ver­glas­tem Blick über das Re­gie­rungs­vier­tel ein­fach mal die See­le bau­meln las­sen, sich ent­schleu­ni­gen, be­vor es ins Un­ter­ge­schoss ins Fu­tu­ri­um Lab geht. In der Zu­kunfts­werk­statt kann man nur mit Ge­dan­ken ei­nen Stift steu­ern und in Work­shops selbst an neu­en Er­fin­dun­gen tüf­teln.

Da­zu gibt es re­gel­mä­ßig Vor­trä­ge, Dis­kus­sio­nen und Per­for­man­ces. Ent­wick­ler von Künst­li­cher In­tel­li­genz la­den zum Speed-da­ting. Beim „Flirt im Di­enst der Wis­sen­schaft“ist auch die Fra­ge er­laubt, ob man sei­nem Ro­bo­ter Hu­mor und Lie­be bei­brin­gen kann?

„Wer pro­gram­miert hier wen“, fragt da­ge­gen Tv-phy­si­ker Ran­ga Yo­geshwar in sei­nem Vor­trag En­de No­vem­ber. Beim vier­tä­gi­gen Fes­ti­val zur Zu­kunft im De­zem­ber dre­hen sich die kos­ten­lo­sen Acht­sam­keits­trai­nings und Vr-ga­mes um das The­ma Ge­sund­heit: Wer­den wir bald un­sterb­lich sein? Wird der Kli­ma­wan­del zum Ri­si­ko für un­se­re Kör­per?

Wie gut, dass Or­ga­ne künf­tig auch ganz na­tür­lich von Sei­den­rau­pen ge­spon­nen wer­den kön­nen. Die aus­ge­stell­ten Pilz­stüh­le und Al­gen­schu­he wer­den, wenn sie ab­ge­tra­gen sind, von Bak­te­ri­en und an­de­ren Or­ga­nis­men zu Er­de zer­setzt. Bio­stof­fe, die Plas­tik er­set­zen könn­ten, das aus dem end­li­chen Erd­öl ge­won­nen wird.

„Das macht ei­nem schon gro­ße Hoff­nung“, sagt Gi­se­la Ta­en­zer. Die 82-Jäh­ri­ge wur­de vom ih­rem En­kel ins Zu­kunfts­mu­se­um „ge­schleppt“. „Auch wenn vie­les an der Ober­flä­che bleibt, gibt es hier tol­le Denk­an­stö­ße, die das ei­ge­ne Be­wusst­sein er­wei­tern“, fin­det der 20-Jäh­ri­ge. Die Er­kennt­nis, dass je­der sei­ne Zu­kunft ein Stück weit selbst gestal­ten kann und muss, reicht dem Stu­den­ten der Zahn­me­di­zin al­ler­dings nicht aus. Er glaubt, um nach­hal­ti­ge Tech­no­lo­gi­en für al­le zu ent­wi­ckeln, bräuch­te es ei­ne Wirt­schaft, die nicht al­lei­ne auf Ge­winn aus­ge­rich­tet ist.

Al­gen­zucht und schwim­men­de Ge­wächs­häu­ser si­chern den Nah­rungs­be­darf.

Fo­to: Ma­ria Neu­en­dorff

Wie le­ben wir mor­gen? Das Ber­li­ner Fu­tu­ri­um kann kei­ne si­che­ren Ant­wor­ten ge­ben, aber ein paar mög­li­che Uto­pi­en auf­zei­gen.

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