Jen­seits der Stahl­rohr­ses­sel

Cott­bus fo­kus­siert auf All­tags­de­sign, auf star­ke Frau­en­bil­der in der Ma­le­rei so­wie auf die Fo­to­gra­fi­en ei­nes Rei­se­le­se­buchs.

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - KULTUR REGIONAL - Von Tho­mas Klatt

Welch’ Üp­pig­keit und Viel­falt. Was für ein sach­li­ches und bis heu­te gül­ti­ges De­sign, wel­che kraft­vol­le Por­träts stol­zer Men­schen und welch tol­le Sich­ten zu­rück in ei­ne Zeit hin­ein, die fast 100 Jah­re zu­rück­liegt. 700 Kunst­wer­ke von 200 Künst­lern ha­ben die Ku­ra­to­ren für die „Un­be­kann­te Mo­der­ne“auf­ge­bo­ten. Es ist die um­fang­reichs­te Aus­stel­lung, die das Lan­des­mu­se­um seit sei­ner Grün­dung ge­se­hen hat. Am Frei­tag­abend wur­de sie in drei Tei­len er­öff­net.

Na­tür­lich ist es ei­ne Re­fe­renz an das Bau­haus-ju­bi­lä­um, und doch ganz an­ders als die üb­li­chen Prä­sen­ta­tio­nen der eli­tä­ren Stahl­rohr­ses­seln, Leuch­ten und Frei­schwin­ger. Die „Un­be­kann­te Mo­der­ne“in Cott­bus will et­was bis­her Ver­bor­ge­nes, zu­min­dest we­ni­ger Be­kann­tes in Ma­le­rei, Gra­fik, Fo­to­gra­fie, Ar­chi­tek­tur und All­tags­de­sign zei­gen – prä­gend bis in die heu­ti­gen Ta­ge. Da ist das be­ste­chend kla­re Glas­ge­schirr von Wil­helm Wa­gen­feld, das er für die Lau­sit­zer Glas­wer­ke Weiß­was­ser ent­warf. Da ist der Farb­krei­sel mit auf­leg­ba­ren Papp­schei­ben zu se­hen, den Lud­wig Hirsch­feld-mack für Kin­der ent­wi­ckel­te. Eben­so Ge­fä­ße, Vor­rats­do­sen, Be­cher und Kan­nen aus der be­rühm­ten Werk­statt in Mar­witz bei Vel­ten. Oh­ne Zwei­fel ein Hö­he­punkt: Skiz­zen und Ar­bei­ten von Mar­ga­re­te Hey­mann-lo­eben­stein.

Sie galt in den 20er-jah­ren als ei­ne der gro­ßen Ke­ra­mi­ke­rin­nen der Zeit. Hed­wig Boll­ha­gen hat­te spä­ter ih­re Werk­statt über­nom­men und er­folg­reich wei­ter­ge­führt.

Be­su­cher­schlan­gen bil­den sich vor den Ex­em­pla­ren der so­ge­nann­ten Phen­o­plast­leuch­te, wohl die am meis­ten be­nutz­te Ge­lenk­leuch­te aus Kunst­stoff – ent­wor­fen von Chris­ti­an Dell, her­ge­stellt in Sprem­berg.

Ei­nen kom­plet­ten Raum ge­ben die Ku­ra­to­ren für das neue Frau­en­bild in der Kunst aus. Ob­wohl Frau­en im Bau­haus un­ter­re­prä­sen­tiert wa­ren, fin­den sich vie­le Bil­der, die ein neu­es weib­li­ches Selbst­be­wusst­sein aus­stel­len. Un­über­seh­bar das größ­te Bild in Cott­bus: Die „Lie­gen­de mit grü­nem Son­nen­schirm“von Richard Mül­ler aus dem Jahr 1925. Ei­ne Nack­te, die Scham dürf­tig be­deckt, sieht den Be­trach­ter als den, der er ist: ein Voy­er. Ihr Blick ver­ur­teilt nicht, er sagt eher: Ihr Ma­chos – das Wort gab es na­tür­lich noch nicht – seid Aus­lauf­mo­del­le. Wei­te­re Ma­le­rei, die von Neu­er Sach­lich­keit bis Spät­ex­pres­sio­nis­mus Schnitt­stel­len und Über­gän­ge mar­kie­ren, zie­hen den Be­trach­ter an, dar­un­ter Wer­ke von Jo­han­nes Ba­lu­schek, Wer­ner Hof­mann, Ma­ri­an­ne Brandt, Lea Grun­dig, Ot­to Na­gel, Gott­fried Bock­mann und vie­le an­de­re.

Kri­tik? Gibt es mar­gi­nal. Das deutsch-pol­ni­sche Rei­se­le­se­buch, das sel­te­ne Ar­chi­tek­tu­ren der Re­gi­on vor­stellt, ist in­for­ma­tiv, aber lieb­los ge­macht. Zum da­rin Blät­tern lädt es nicht ein – trotz der se­hens­wer­ten Bil­der, die heu­ti­ge Fo­to­gra­fen von den Pro­jek­ten von Forst bis Grün­berg ge­macht ha­ben. Hin­fah­ren lohnt al­le­mal. Nicht nur nach Cott­bus.

Selbst­be­wuss­te Frau­en ha­ben ih­ren Platz.

Die­sel­kraft­werk Cott­bus,

„Bild der Stadt – Stadt im Bild“, „Das Bau­haus in Bran­den­burg“und „Im Hin­ter­land der Mo­der­ne“, al­le bis 12.1.2010, Di–so 10–18 Uhr. Tel. 0335 49494040

Rea­lis­ti­sche Fei­er­abend­freu­den: Wer­ner Hof­manns „Schach­spie­ler“von 1934. Co­py­right: Samm­lung Blmk/nach­lass des Künst­lers

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