Is-mi­liz bleibt ei­ne Ge­fahr

Nach dem Tod ih­res An­füh­rers Al-bag­da­di wird sich die Grup­pe ver­än­dern, ver­schwin­den wird sie nicht. Die Dschi­ha­dis­ten-mi­liz ist de­zen­tral or­ga­ni­siert und wei­ter hand­lungs­fä­hig.

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - POLITIK - Von Mar­tin Gehlen

Die mit­ter­nächt­li­che Us­mi­li­tär­ak­ti­on ge­gen das ein­sa­me Ge­höft am Dor­f­rand von Ba­ri­sha lös­te welt­weit Er­leich­te­rung aus. Der ge­fähr­lichs­te Ter­ro­rist der Welt ist tot, Abu Ba­kr al-bag­da­di, der mit sei­nem „Is­la­mi­schen Ka­li­fat“Mil­lio­nen Men­schen un­ter­joch­te und dem Na­hen Os­ten ei­ne Apo­ka­lyp­se hin­ter­ließ – Mas­sen­grä­ber, zer­stör­te Städ­te, un­be­wohn­ba­re Dör­fer und zu­tiefst ver­fein­de­te Volks­grup­pen, die zu­vor jahr­hun­der­te­lang mit­ein­an­der ge­lebt hat­ten. Nach ei­ner vier­jäh­ri­gen Schlacht ver­sank sein re­li­giö­ser Ter­ror­staat, der zeit­wei­se ein Ge­biet so groß wie En­g­land be­herrsch­te, in Schutt und Asche. Im März 2019 ka­pi­tu­lier­te die letz­te Bas­ti­on der Dschi­ha­dis­ten in dem ost­sy­ri­schen Städt­chen Baghus am Eu­phrat. Am Sonn­tag spreng­te sich der Is-chef in sei­nem Ver­steck in der Re­bel­len­pro­vinz Id­lib na­he der tür­ki­schen Gren­ze in die Luft, um der Ge­fan­gen­nah­me durch die Ame­ri­ka­ner zu ent­ge­hen.

Doch der Tod Bag­da­dis, die mi­li­tä­ri­sche Nie­der­la­ge und der Un­ter­gang des ter­ri­to­ria­len Ka­li­fa­tes be­deu­ten kei­nes­wegs das En­de der Ter­ror­mi­liz. De­ren ideo­lo­gi­sches Fun­da­ment exis­tie­re wei­ter, twit­ter­te der Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Hi­scham Hel­ly­er vom bri­ti­schen „Roy­al Uni­ted Ser­vices In­sti­tu­te“. „Die Grup­pe wird sich ver­än­dern – sie wird nicht ver­schwin­den.“Denn rund um den Erd­ball ha­ben sich drei Dut­zend Is-ter­ror­ab­le­ger ge­bil­det, die de­zen­tral und auf ei­ge­ne Faust agie­ren.

Ak­ti­ons­ge­biet neu ge­ord­net

Für die­ses künf­ti­ge „glo­ba­le Ka­li­fat“wur­den die Is-ge­bie­te neu ge­ord­net, wie die Ter­ror­ex­per­ten Char­lie Win­ter und Ay­menn al-ta­mi­mi schrie­ben. Da­zu stuf­te die Is-füh­rung die Kern­ge­bie­te Sy­ri­en und Irak her­ab und wer­te­te die Is-pro­vin­zen in Afri­ka und Asi­en auf, nach dem Mot­to – „der Pro­to-staat in Sy­ri­en und Irak war groß­ar­tig, aber er öff­ne­te die Tür zu et­was noch viel Grö­ße­rem“. Da­her wa­ren nach Ein­schät­zung der For­scher die Os­ter­an­schlä­ge von Is-ex­tre­mis­ten in Sri Lan­ka, bei de­nen im April 259 Men­schen star­ben, der ers­te „Pro­be­lauf “für die­se neue Stra­te­gie.

Doch auch Sy­ri­en und der Irak blei­ben wich­ti­ge Hoch­bur­gen, weil die Ter­ror­mi­liz nach Schät­zun­gen des Us-ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums dort im­mer noch 18 000 Dschi­ha­dis­ten un­ter Waf­fen hat, dar­un­ter 3000 Aus­län­der. Tei­le der sy­ri­schen Zi­vil­be­völ­ke­rung sym­pa­thi­sie­ren nach wie vor mit den Ex­tre­mis­ten und ver­ste­cken ih­re Schlä­fer­zel­len. Auf ira­ki­scher Sei­te ha­ben Is-kom­man­dos be­reits seit län­ge­rer Zeit wie­der Fuß ge­fasst. Dut­zen­de lokale Po­li­ti­ker und Stam­mes­füh­rer wur­den er­mor­det. Vie­le zwi­schen­zeit­lich ver­stumm­te Face­book-ac­counts von Is-an­hän­gern sind er­neut ak­tiv.

Der IS ha­be be­wie­sen, das er Rück­schlä­ge ver­kraf­ten kön­ne, „und wird de­fi­ni­tiv den Tod von Bag­da­di aus­schlach­ten, um neue An­hän­ger zu re­kru­tie­ren und zu An­schlä­gen auf­zu­sta­cheln“, twit­ter­te Ri­ta Katz, Di­rek­to­rin von „SITE In­tel­li­gence Group“, ei­ner Us-or­ga­ni­sa­ti­on, die das On­li­ne-ge­sche­hen dschi­ha­dis­ti­scher Grup­pen ver­folgt.

Auch die meis­ten Is-ge­fan­ge­nen ge­bär­den sich un­be­irrt. Is-müt­ter fauch­ten, sie wür­den wei­te­re Ge­ne­ra­tio­nen von Dschi­ha­dis­ten zur Welt brin­gen. 70 000 Frau­en und Kin­der, von de­nen 11 000 aus dem Aus­land stam­men, sind in drei La­gern der nord­sy­ri­schen Kur­den in­ter­niert, die sich zu neu­en Brut­stät­ten des Ter­rors ent­wi­ckeln. Vor al­lem die aus­län­di­schen Fa­na­ti­ke­rin­nen ha­ben un­ter ih­ren Mit­ge­fan­ge­nen ei­ne Herr­schaft des Schre­ckens er­rich­tet. Hel­fer trau­en sich kaum noch auf das Ge­län­de. Meh­re­re jun­ge In­sas­sin­nen, die sich den dra­ko­ni­schen Klei­der­vor­schrif­ten ver­wei­ger­ten, wur­den er­sto­chen auf­ge­fun­den. Zu den 12 000 ge­fan­ge­nen Is-män­nern zäh­len et­wa 2500 Aus­län­der aus 50 Na­tio­nen. Et­wa 100 von ih­nen konn­ten nach An­ga­ben des Pen­ta­gon im jüngs­ten Krieg­s­cha­os ent­kom­men, dar­un­ter auch ei­ni­ge Deut­sche. Aus­drück­lich warn­te die Füh­rung der sy­ri­schen Kur­den nach dem Tod Bag­da­dis vor Ra­che­ak­ten von Dschi­ha­dis­ten, die sich im Un­ter­grund ver­ste­cken. „Al­les ist mög­lich, auch An­grif­fe auf Ge­fäng­nis­se“, er­klär­te der Kom­man­deur der kur­disch-sy­ri­schen Streit­kräf­te, Maz­lo­um Ab­di.

Der ge­tö­te­te Ter­ror­chef Bag­da­di selbst hat sein En­de of­fen­bar kom­men se­hen. Be­reits im Au­gust be­stimm­te er Ab­dul­lah Qar­da­sh zu sei­nem Nach­fol­ger, der schon seit län­ge­rem die täg­li­che Steue­rung des IS in der Hand hat. Der neue Chef war Of­fi­zier un­ter Sad­dam Hus­sein, be­vor er sich als Pre­di­ger Al-kai­da an­schloss, um spä­ter zum IS zu wech­seln. Er und Bag­da­di ken­nen sich aus der ge­mein­sa­men Haft­zeit 2003 im Us-camp Buk­ka im Sü­d­irak.

Fo­to: Ghaith Al­say­ed/ap/dpa

Män­ner un­ter­su­chen nach ei­nem An­griff Trüm­mer ei­nes Hau­ses. Der Is-an­füh­rer Al-bag­da­di soll hier ge­stor­ben sein, als er wäh­rend der Us-ope­ra­ti­on ei­ne Spreng­stoff­wes­te zur De­to­na­ti­on ge­bracht ha­be.

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