Mär­ki­scher For­scher

Der Schrift­stel­ler Gün­ter de Bruyn wird Eh­ren­bür­ger von Tau­che

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - JOURNAL - Von Uwe Stieh­ler

Es klebt an ihm der Ruf, mit sei­nen vie­len Bü­chern über die Mark so et­was wie der neue Fon­ta­ne zu sein. Vi­el­leicht ist das der Grund, dass Gün­ter der Bruyn an die­sem Sonn­abend – al­so im Fon­ta­ne­jahr – auf der Burg Bees­kow zum Eh­ren­bür­ger des Land­krei­ses Oderspree er­nannt wird. Ei­nen Tag nach sei­nem 93. Ge­burts­tag wür­digt man ei­nen Au­tor, der in sei­ner süd­lich von Bees­kow ge­le­ge­nen Wald­ein­sam­keit die Kul­tur­ge­schich­te Bran­den­burgs seit Jahr­zehn­ten li­te­ra­risch auf­ar­bei­tet. Er er­in­nert wie­der und wie­der dar­an, wel­che kul­tu­rel­le Viel­falt auf dem san­di­gen Grund der Mark hat­te ge­dei­hen kön­nen und wel­che schrei­ben­den Ei­gen­bröt­ler und li­te­ra­ri­schen Ta­len­te einst Bran­den­burg be­wohn­ten oder be­san­gen. Hein­rich Hei­ne ver­spot­te­te sie in sei­ner „Ro­man­ti­schen Schu­le“noch als „Durst­häl­se“, „die im mär­ki­schen San­de sa­ßen“. Wahr­schein­lich hat nie­mand mit so viel Aus­dau­er das Hei­ne’sche Vor­ur­teil zu ent­kräf­ten ver­sucht wie Gün­ter de Bruyn.

Bei ihm tref­fen die po­li­ti­schen Um­stän­de auf Nei­gung, als er mit Chris­ta Wolfs Mann Ger­hard En­de der 70er-jah­re den Plan aus­brü­tet, sich ei­ne Ni­sche zu su­chen, in der ih­re Ar­beit we­ni­ger den Re­pres­sio­nen der re­al­so­zia­lis­ti­schen Ge­gen­wart aus­ge­setzt sein wür­de und in der sie zu­gleich ih­re Vor­lie­be für die mär­ki­schen Ro­man­ti­ker aus­le­ben kön­nen. Dar­aus wird schließ­lich ei­ne Buch­rei­he, für die Ger­hard Wolf den Ti­tel „Mär­ki­scher Dich­ter­gar­ten“er­fin­det.

Ei­gen­wil­li­ge Flucht­be­we­gun­gen

Auch das ist ei­ne der Flucht­be­we­gun­gen, die un­ter Ddr-künst­lern in Fol­ge der Bier­mann-aus­bür­ge­rung ein­setzt. Sie führt in die­sem Fall nicht in den Wes­ten, son­dern nach Bran­den­burg, zu dem dich­ten­den Pfar­rer Schmidt von Wer­neu­chen, zu den Ar­nims, zu Ewald Chris­ti­an von Kleist und zu Frau­en wie Fan­ny Le­wald und An­na Loui­sa Karsch. Sie hat nicht nur Un­ter­hal­tungs­ly­rik zu­sam­men­ge­reimt, son­dern En­de des 18. Jahr­hun­derts be­reits dich­tend ei­ne Ge­sell­schaft an­klagt, die es ge­wohnt war, in Frau­en nur Ob­jek­te zu se­hen: „Oh­ne Nei­gung, die ich oft be­schrei­be / Oh­ne Zärt­lich­keit ward ich zum Wei­be / Ward zur Mut­ter, wie im wil­den Krieg“.

Als Ge­schichts­schrei­bung noch bei­na­he aus­nahms­los auf Män­ner schaut, wid­met sich de Bruyn bei sei­nen Streif­zü­gen durch die Ver­gan­gen­heit der Mark wie­der­holt be­mer­kens­wer­ten Frau­en. Er schreibt über sie wie im Fal­le der Grä­fin Eli­sa von Ah­le­feld aus „rei­ner Freu­de“an sei­ner „zwei Jahr­hun­der­te über­brü­cken­den Lie­be“zu ihr. Die­se Frau wirbt an der Sei­te des Ma­jors von Lüt­zow im Bres­lau­er Gast­hof „Zum gol­de­nen Zep­ter“wäh­rend der Be­frei­ungs­krie­ge um Frei­wil­li­ge für ein Frei­corps, des­sen Ruf be­deu­ten­der ist als sei­ne tat­säch­li­che mi­li­tä­ri­sche Leis­tung. 1825 lässt sich die Grä­fin schei­den, um mit dem acht Jah­re jün­ge­ren Schrift­stel­ler Karl Im­mer­mann in wil­der Ehe zu­sam­men­zu­le­ben. Das al­les malt de Bruyn in der 2012 vor­ge­leg­ten Bio­gra­fie wun­der­bar aus.

Selbst in ho­hem Al­ter er­schei­nen im­mer noch neue Bü­cher: ei­nes, mit fei­ner Iro­nie durch­zo­ge­nes, über die letz­te ero­ti­sche Ver­ir­rung des grei­sen Staats­kanz­lers Har­den­berg, ei­nes über den weit­ge­hend ver­ges­se­nen Dich­ter Zacha­ri­as Wer­ner, ei­nes über Schloss Kos­sen­blatt, und sei­ne viel be­ach­te­te, Mit­te der 70er-jah­re vor­ge­leg­te Je­an-paul-bio­gra­fie hat er in gro­ßen Tei­len neu ge­schrie­ben und 2013 noch ein­mal ver­öf­fent­licht. Die Ur­fas­sung die­ses Ban­des ent­steht in ei­ner Zeit, die er in bio­gra­fi­schen Schrif­ten die der per­sön­li­chen Kri­sen nennt. Ge­nau­er wird er da­bei nur in ei­nem Punkt: Die Sta­si setzt ihm zu. Mit Lü­gen und fin­gier­ten Brie­fen will sie ihn, sei­ne Ve­r­un­si­che­rung und Nai­vi­tät aus­nut­zend, als Spit­zel re­kru­tie­ren. De Bruyn weist das von sich und merkt erst hin­ter­her, wie er aus­ge­horcht wird. Aus dem miss­glück­ten An­wer­be­ver­such macht die Sta­si ei­nen ope­ra­ti­ven Vor­gang.

De Bruyn sit­zen von da an die Spit­zel im Na­cken. Sie be­ob­ach­ten ei­nen Au­tor, der dem au­to­kra­ti­schen Sys­tem der DDR nicht die lei­ses­te Sym­pa­thie ent­ge­gen­brin­gen kann. Zu sehr sto­ßen ihn die klei­nen und gro­ßen Dik­ta­to­ren und die kar­rie­re­fi­xier­ten Fah­nen­trä­ger ab. De Bruyn, der sich wäh­rend sei­ner Kind­heit in Ber­lin der HJ ent­zieht, von der Schul­bank weg­ge­holt und an die Flak ge­stellt wird, miss­traut seit den Hit­ler-jah­ren dem Ge­grö­le von Pa­ro­len und dem Un­fehl­bar­keits­an­spruch ei­ner Par­tei.

Nach Krieg und Kriegs­ge­fan­gen­schaft ar­bei­tet er drei Jah­re als Dorf­schul­leh­rer. Sei­ner Lie­be zu Bü­chern we­gen stu­diert er an ei­ner Bi­b­lio­the­kars­schu­le in Ber­lin und ar­bei­tet län­ge­re Zeit am Zen­tral­in­sti­tut für Bi­b­lio­theks­we­sen der DDR. Es dau­ert ei­ni­ge Zeit, bis der Schrift­stel­ler in ihm über den Bi­b­lio­the­kar hin­aus­wächst. Aber mit An­fang/mit­te 30 hat de Bruyn end­lich mit sich aus­ge­macht, nicht als In­sti­tuts­skla­ve en­den, son­dern als frei­er Schrift­stel­ler le­ben zu wol­len. 1963 ver­öf­fent­licht er sei­nen ers­ten Ro­man. „Der Hohl­weg“heißt er. De Bruyn nennt ihn spä­ter nur den „Holz­weg“und kri­ti­siert an sich, er ha­be sich auf zu vie­le Kom­pro­mis­se ein­ge­las­sen, um ge­druckt zu wer­den. Der mit 10 000 DDR-MARK do­tier­te Preis, den er für die­sen Ro­man be­kom­men ha­be, sei mehr sei­ner Will­fäh­rig­keit als sei­nem li­te­ra­ri­schen Kön­nen ge­schul­det ge­we­sen.

Li­te­ra­risch ver­bo­gen hat er sich seit­dem nie mehr. Er ist aber auch kein Bier­mann ge­we­sen, der die Kon­fron­ta­ti­on pro­vo­ziert und sich an ihr nährt. De Bruyn will kei­nen Kra­wall, son­dern un­be­hel­ligt schrei­ben. Er ver­sucht, durch sei­ne lei­se­re Art sei­ne Frei­heit als Au­tor zu ret­ten und ver­sucht es mit Rück­zug. Er baut sich ei­nen ere­mi­ti­schen Flucht­ort in der Nä­he von Bees­kow aus und träumt da­von, sein Le­ben als frei­er Schrift­stel­ler durch Pfer­de­zucht zu fi­nan­zie­ren. Der Plan en­det als ro­man­haf­te Pos­se. Beim Rei­ten­ler­nen bricht er sich bei­de Hand­ge­len­ke, und die wi­der­bors­ti­gen Po­nys, mit de­nen er es ver­sucht, trei­ben ihn men­tal und fi­nan­zi­ell an den Rand des Ruins. Erst als er sie ver­kau­fen kann, hat er die Au­to­no­mie wie­der­ge­won­nen, de­rent­we­gen es ihn in die mär­ki­sche Wald­ein­sam­keit zieht.

Die Idee, es der Frei­heit we­gen im Wes­ten zu ver­su­chen, ver­wirft er im­mer wie­der. Mehr als ein­mal hät­te er die Chan­ce, nach Le­sun­gen und Vor­trags­rei­sen jen­seits der Mau­er zu blei­ben. An lu­kra­ti­ven An­ge­bo­ten man­gelt es nicht. Doch kehrt er im­mer wie­der zu­rück. In dem Staat, der ihm nichts be­deu­tet, hal­ten ihn Fa­mi­li­en­ban­de, Ängst­lich­keit und sei­ne Ver­wur­ze­lung im Mär­ki­schen. Sein Aus­har­ren hat auch we­ni­ger da­mit zu tun, dass er sei­ne Le­ser in der DDR nicht im Stich las­sen will. Für zwei Bü­cher liebt ihn die­ses, be­gie­rig zwi­schen den Zei­len le­sen­de Pu­bli­kum be­son­ders: „Mär­ki­sche For­schun­gen“und „Neue Herr­lich­keit“. Im ers­ten, das Mit­te der 70er-jah­re auf den Markt kommt, er­zählt er von ei­nem Leh­rer, der ei­nen ver­ges­se­nen Dich­ter der Be­frei­ungs­krie­ge wie­der ans Licht holt und da­bei mit ei­nem Eli­te-his­to­ri­ker der DDR an­ein­an­der­ge­rät, der aus eben die­ser Fi­gur ei­nen Re­vo­lu­tio­när ma­chen möch­te und da­bei vor Ge­schichts­ver­fäl­schung nicht zu­rück­schreckt. Haupt­sa­che, der Ge­prie­se­ne ist post­hum auf Par­tei­li­nie ge­bracht.

In dem zehn Jah­re spä­ter ver­öf­fent­lich­ten Band „Neue Herr­lich­keit“er­zählt de Bruyn in ei­nem un­schul­di­gen Plau­der­ton vom Sohn ei­nes Par­tei­bon­zen, des­sen An­triebs­lo­sig­keit den Kon­trast bil­det zum Ehr­geiz und der Macht­geil­heit des Va­ters. Das Buch spielt in ei­nem zum Er­ho­lungs­heim für die Eli­te um­funk­tio­nier­ten Bau­ern­hof, des­sen Er­bau­er ihn einst „Neue Herr­lich­keit“ge­tauft hat­te. Noch im­mer lehrt die­ser Ro­man, den Kul­tur­be­trieb der DDR nicht zu pau­scha­li­sie­ren. Denn dass ein Buch in der DDR er­schei­nen konn­te, das die obers­ten Par­tei­ge­nos­sen als selbst­herr­li­che, dy­nas­tisch den­ken­de Feu­dal­her­ren auf­tre­ten lässt, sagt ei­ni­ges über die Un­durch­sich­tig­keit des Ge­flechts zwi­schen Au­tor, Lek­tor, Ver­lag und Zen­sur­be­hör­de, die es of­fi­zi­ell ja nicht gab, bei der de Bruyn aber im­mer wie­der an­eck­te.

Er hat da­mals nicht nach dem Zeit­geist ge­schrie­ben, und macht das auch heu­te nicht. Das hat er bis zu sei­nem jüngs­ten, 2018 ver­öf­fent­lich­ten Ro­man „Der neun­zigs­te Ge­burts­tag. Ein länd­li­ches Idyll“durch­ge­hal­ten. Er schimpft dar­in über den Sprach­schlen­dri­an der Ge­gen­wart und ei­ne mar­tia­li­sche Gen­tri­fi­zie­rung der Spra­che, die ge­gen al­le gram­ma­ti­schen Re­geln sei. Vi­el­leicht hat er da­mit die Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten al­ler Städ­te und Uni­ver­si­tä­ten ge­gen sich auf­ge­bracht. Aber war­um soll­te man sich mit 93 Jah­ren des­halb be­un­ru­hi­gen?

Li­te­ra­risch ver­bo­gen hat er sich seit sei­nem Ro­man­de­büt nie mehr.

2. No­vem­ber, 11 Uhr, öf­fent­li­cher Fest­akt auf der Burg Bees­kow

Fo­tos (2): Patrick Pleul/dpa

Al­ters­jah­re in der mär­ki­schen Ab­ge­schie­den­heit: Gün­ter de Bruyn im Ju­ni 2007 in sei­nem Gar­ten in Görls­dorf (Oder-spree)

Fo­to: Ga­b­rie­le Senft

En­ga­gier­ter Zeit­ge­nos­se: Wolf­gang de Bruyn mit Chris­ta Wolf im Jahr 1981 bei der „Ber­li­ner Be­geg­nung zur Frie­dens­för­de­rung“

Ho­he An­er­ken­nung: Gün­ter de Bruyn wäh­rend ei­nes Fest­ak­tes zu sei­nem 80. Ge­burts­tag 2006 in Frank­furt (Oder) im Ge­spräch mit Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel.

Fo­to: Jens Ka­lae­ne/dpa

Lang­jäh­ri­ge Weg­ge­fähr­ten aus West und Ost: Mar­tin Wal­ser (l.) und Gün­ter de Bruyn 2010 in Ber­lin bei ei­ner Preis­ver­lei­hung

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