Die In­dia­ner­schlacht

Von Schrift­stel­ler zu Schrift­stel­ler: Ei­ne Hom­mage an Gün­ter de Bruyn – von dem ehe­ma­li­gen Bees­kower Burg­schrei­ber Sa­scha Macht

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - KULTUR REGIONAL -

Gün­ter de Bruyn ist je­mand, der da­bei war.

Sa­scha Macht Ehe­ma­li­ger Burg­schrei­ber

In dem Es­say­band „Le­se­freu­den. Über Bü­cher und Men­schen“le­se ich über Gün­ter de Bruyns al­ler­ers­ten schrift­stel­le­ri­schen Ver­such, aus­ge­löst durch die Lek­tü­re al­ler 65 Bän­de von Karl May und sei­ne Be­schäf­ti­gung mit der Kul­tur und Ge­schich­te der Ur­ein­woh­ner Nord­ame­ri­kas: „Be­schrei­bung der In­dia­ner­schlacht bei Tip­pe­ca­noe im Jah­re 1811“. Und ich le­se, was er schreibt: „Da war ich schon 14 oder 15 und leb­te mein Le­se­le­ben noch im­mer un­ab­hän­gig vom Äu­ße­ren, das vor­wie­gend in Luft­schutz­kel­lern und Eva­ku­ie­rungs­la­gern ab­lief.“(…)

Ich las die wei­te­ren Zei­len recht un­auf­merk­sam, da mich die „In­dia­ner­schlacht“noch ge­fan­gen hielt – und auch die Um­stän­de, un­ter de­nen de Bruyn sei­nen al­ler­ers­ten Text ge­schrie­ben hat­te. Und gleich­zei­tig spür­te ich dar­in ei­ne Dis­tanz: zwi­schen dem Ju­gend­li­chen, der die „Be­schrei­bung der In­dia­ner­schlacht“ver­fass­te, und ei­nem Au­tor, der sich in sei­nem 1972 ver­öf­fent­lich­ten Es­say „Wie ich zur Li­te­ra­tur kam“an sein frü­he­res Ich er­in­nert, zwi­schen un­mit­tel­ba­rer Wahr­neh­mung und der Er­zäh­lung dar­über, zwi­schen de Bruyn als Au­tor und mir als sei­nem Le­ser. Ge­nau die­se Dis­tanz war es, die es mir er­mög­lich­te, ei­ne Ant­wort auf je­ne Fra­ge zu fin­den, die sich mir im­mer stellt, wenn ich schrei­be, wenn ich nicht schrei­be, wenn ich le­se, wenn ich nicht le­se: Wor­aus ent­steht Li­te­ra­tur?

Beim Nach­den­ken über die­se Hom­mage wir­bel­te ei­ne Viel­zahl un­ter­schied­li­cher Ge­füh­le in mir. (…) Was hät­te ich noch groß zu sa­gen, was nicht schon längst ge­sagt wor­den war? Doch ir­gend­wann be­griff ich, dass mei­ne Vor­be­hal­te sich aus den vor­der­grün­di­gen Dif­fe­ren­zen zwi­schen Gün­ter de Bruyn und mir speis­ten – der Al­ters­un­ter­schied, die Le­bens­er­fah­rung oder die An­zahl ge­schrie­be­ner Bü­cher. Und ich be­griff auch: Dar­um muss ich mir kei­ne Sor­gen ma­chen. Ich darf und kann et­was sa­gen, weil mich ei­ne sim­ple Tat­sa­che mit Gün­ter de Bruyn ver­bin­det: Er schreibt, ich schrei­be. Wir sind Schrift­stel­ler, auf­grund un­se­res Schrei­bens mit­ein­an­der ver­knüpft, über all die­se vor­der­grün­di­gen Dif­fe­ren­zen hin­weg. (…)

Doch mei­ne Be­den­ken sind noch nicht ganz ver­trie­ben. Gün­ter de Bruyn ist am 1. No­vem­ber 1926 ge­bo­ren, ich sech­zig Jah­re spä­ter, am 23. Ok­to­ber 1986. Sech­zig Jah­re! Al­lein die­se Zahl macht mich schwind­lig. Gün­ter de Bruyn kam im Jahr 1933 zur Schu­le, ich im Jahr 1993. Noch ein­mal: Sech­zig Jah­re. All die ent­setz­li­chen

Aus­wüch­se und atem­be­rau­ben­den Wun­der des 20. Jahr­hun­derts hat er – mal un­mit­tel­bar, mal aus der Fer­ne – mit­er­lebt; ich kann sie im­mer nur aus den Er­in­ne­run­gen de­rer her­bei­ru­fen, die da­bei wa­ren, oder sie mir von der His­to­rio­gra­fie be­schrei­ben las­sen. Gün­ter de Bruyn ist je­mand, der da­bei war. An ihn, sei­ne Er­in­ne­run­gen und sei­ne Ein­schät­zun­gen kann ich mich hal­ten, wenn ich et­was ver­ste­hen will, was ich selbst nicht er­lebt ha­be.

Das ist es, was wir Schrift­stel­ler tun: Wir ver­mit­teln. Wir zei­gen auf et­was. Wir brin­gen die Men­schen mit Din­gen in Be­rüh­rung, die oh­ne un­se­re sprach­li­che Ima­gi­na­ti­ons­kraft gar nicht – oder nicht mehr – zu be­rüh­ren sind. Wir ar­bei­ten per­ma­nent ge­gen das Ver­ges­sen. (…) Wenn ich le­se und wenn ich schrei­be, bin ich mir die­ser Tat­sa­che sehr be­wusst.

In ei­nem an­de­ren Es­say des Ban­des „Le­se­freu­den“– der Ti­tel lau­tet „Gri­scha 1944“– schreibt Gün­ter de Bruyn von der „obers­te(n) Pflicht des Schrift­stel­lers“, die dar­in be­ste­he, „die Wahr­heit zu sa­gen, im Klei­nen wie im Gro­ßen, in Tei­len wie im Gan­zen.“Als jun­ger Schrei­ben­der denkt man da so­fort (zu­tiefst er­schro­cken oder hell­auf be­geis­tert): Was für ei­ne Auf­ga­be! Ich fin­de aber, Gün­ter de Bruyn hat recht. Und doch ist es ein schwin­del­er­re­gen­des Un­ter­fan­gen, weil man sich bei je­dem Satz, der da auf dem Pa­pier lan­det, die Fra­gen stel­len muss: Stimmt das jetzt? Se­he ich ge­ra­de scharf ge­nug? Fasst die Spra­che auch den Ge­dan­ken? Tref­fe ich ge­ra­de der Wirk­lich­keit ins Herz? Das ist es, was das Schrei­ben so an­stren­gend macht. Das ist es, was das Schrei­ben so auf­re­gend blei­ben lässt. (…)

Die­se – hier ge­kürzt wie­der­ge­ge­be­ne – Re­de hielt Sa­scha Macht am Sonn­abend auf der Burg Bees­kow auf Gün­ter de Bruyn.

Fo­tos (3): Win­fried Mau­solf

Heim­spiel: Gün­ter de Bruyn bei sei­ner Dan­kes­re­de im Kon­zert­saal der Burg Bees­kow

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