Mit „Nord­mann“auf der Jagd

Gut 1000 Jä­ger in Deutsch­land ja­gen mit Greif­vö­geln. An­dré Knap­hei­de geht mit ei­nem St­ein­ad­ler re­gel­mä­ßig auf die Pirsch.

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - BLICK IN DIE WELT - Von Peer Kör­ner dpa

Der St­ein­ad­ler nä­hert sich mit kräf­ti­gen Schwin­gen­schlä­gen dem Fuchs, doch dann dreht er ab. Der Fuchs war schlau und hat sich im Rüben­feld ge­duckt, und weg ist er. Der Ad­ler glei­tet über den Fluss und lan­det am an­de­ren Ufer hin­ter ei­nem Erd­wall. Hier in Nord­deutsch­land ist der St­ein­ad­ler ein ex­trem sel­te­ner An­blick, doch er hat sich nicht aus den Al­pen ins fla­che Land an der We­ser zwi­schen Han­no­ver und Bre­men ver­irrt. Der Vo­gel heißt „Nord­mann“, er jagt an die­sem Herbst­tag ge­mein­sam mit sei­nem Be­sit­zer, den Falk­ner An­dré Knap­hei­de, auf Ha­se und Fuchs.

Hier­zu­lan­de gibt es mehr als 380 000 Jä­ger, doch nur rund 1000 gel­ten als ak­ti­ve Beiz­jä­ger, die mit ei­nem Greif­vo­gel statt mit dem Ge­wehr los­zie­hen. „Falk­ne­rei ist kein Hob­by wie an­de­re, das ist ei­ne Le­bens­ein­stel­lung“, sagt der 51-jäh­ri­ge Knap­hei­de, in der Falk­ner­spra­che ein Ad­ler­mann. „Mit Be­ruf und Fa­mi­lie ist das nur ver­ein­bar, wenn Struk­tu­ren und Zeit vor­han­den sind.“Knap­hei­de ist Rechts­an­walt in Osnabrück. Die Greif­vo­gel-hal­tung ist enorm zeit­auf­wen­dig, doch er hat Glück. Auch sei­ne Part­ne­rin ist Falk­ne­rin, sie hat ei­nen Ha­bicht.

Auf der Jagd sieht Knap­hei­de sich als Teil der Na­tur. „Bei der Beiz­jagd bin ich di­rekt be­tei­ligt, so­wohl als Prot­ago­nist als auch Be­ob­ach­ter ei­nes all­täg­li­chen, na­tür­li­chen Vor­gangs.“Er ma­che das seit sei­nem zehn­ten Le­bens­jahr. „Ich kom­me aus ei­ner Falk­ner­fa­mi­lie und bin da­mit groß ge­wor­den.“

Auch in Deutsch­land ge­hört die Falk­ne­rei zum Welt­kul­tur­er­be. Die Beiz­jagd ist ver­mut­lich vor fast 4000 Jah­ren in Zen­tral­asi­en ent­stan­den und gilt als ei­ne der äl­tes­ten Jagd­for­men des Men­schen. Der Falk­ner ist da­bei ein Jagd­ge­fähr­te, nicht der Herr wie bei ei­nem Hund.

„Die Bin­dung zwi­schen Ad­ler und Mensch ist per­sön­li­cher und in­ten­si­ver als die mit an­de­ren Greif­vo­gel­ar­ten“, sagt Knap­hei­de. Die Be­zie­hung kann län­ger als man­che Ehe dau­ern, ein St­ein­ad­ler kann äl­ter als 40 Jah­re wer­den, „Nord­mann“ist erst zehn. „Es ist fas­zi­nie­rend, das man ei­nem nicht do­mes­ti­zier­ten Wild­tier die Frei­heit gibt und es frei­wil­lig zu­rück­kommt.“

St­ein­ad­ler ha­ben gut zwei Me­ter Spann­wei­te und ein dun­kel­brau­nes Ge­fie­der. Ih­re Hei­mat ist hier­zu­lan­de nur noch der Al­pen­raum. Der Be­stand der lan­ge ver­folg­ten und heute streng ge­schütz­ten Tie­re mit bis zu 50 Brut­paa­ren gilt als nicht mehr akut ge­fähr­det.

„Die Beiz­jagd mit dem St­ein­ad­ler ist ei­ne der an­spruchs­volls­ten Jag­d­ar­ten“, sagt Knap­hei­de. „Man muss Re­spekt vor dem Vo­gel ha­ben, aber kei­ne Angst.“Ein St­ein­ad­ler ist nicht un­ge­fähr­lich, er hat in sei­nen die Beu­te durch­boh­ren­den Klau­en gut zehn­mal so viel Kraft wie ein er­wach­se­ner Mann mit sei­ner Hand.

Meist sind Ha­bich­te, Wüs­ten­bus­sar­de und Wan­der­fal­ken im Ein­satz, wenn im Herbst die Sai­son be­ginnt. „Es sind nur ma­xi­mal 30 bis 40, die mit dem St­ein­ad­ler ja­gen, vor al­lem im Sü­den und Os­ten“, sagt Knap­hei­de. „Ich ver­su­che, den Vo­gel täg­lich flie­gen zu las­sen. Meist ge­hen wir zwei bis drei Mal in der Wo­che auf Jagd, in der Re­gel auf Ha­sen.“

Der An­walt ist Jus­ti­zi­ar des Deut­schen Fal­ken­or­dens und hat die ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen zur Beiz­jagd in ei­nem Buch zu­sam­men­ge­fasst. Vor­aus­set­zun­gen sind ei­ne be­stan­de­ne Jä­ger­prü­fung und der Falk­ner­jagd­schein, auch für die Hal­tung gilt es vie­le Vor­schrif­ten zu be­rück­sich­ti­gen. „Die zur Beiz­jagd ein­ge­setz­ten Ar­ten stam­men in Deutsch­land aus Nach­zuch­ten“, sagt Knap­hei­de. So ein Ad­ler kann ei­ni­ge tau­send Eu­ro kos­ten.

Nord­mann sitzt noch im­mer am an­de­ren Ufer der We­ser, er ist au­ßer Sicht. Knap­hei­de geht zu sei­nem Ge­län­de­wa­gen und fährt über die nächs­te Brü­cke auf die an­de­re Sei­te. Nach gut ei­ner St­un­de kommt er zu­rück, den Vo­gel hin­ten im Au­to. „Aben­teu­er pur“, sagt der Ad­ler­mann la­chend und sicht­lich er­leich­tert. Doch die Jagd ist für ihn vor­bei, Nord­mann war er­folg­reich und ist nun papp­satt. „Er hat drü­ben gleich ei­nen Ha­sen ge­schla­gen, dar­um ist er nicht wie­der­ge­kom­men.“

Fo­to: Hau­ke-chris­ti­an Dittrich/dpa

Der St­ein­ad­ler „Nord­mann“sitzt auf dem Hand­schuh des Falk­ners An­dré Knap­hei­de aus Osnabrück.

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