Di­gi­ta­le St­ein­zeit

2022 sol­len al­le Ver­wal­tungs­leis­tun­gen auch on­line mög­lich sein. Der Zeit­plan steht je­doch auf der Kip­pe. Der Rück­stand ent­wi­ckelt sich in­zwi­schen zu ei­nem Stand­ort­nach­teil.

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - THEMEN DES TAGES/POLITIK - Von Igor St­ein­le

Der deut­sche Staat galt einst als Vor­rei­ter der mo­der­nen Ver­wal­tung. An­fang des 19. Jahr­hun­derts pil­ger­ten De­le­ga­tio­nen aus ganz Eu­ro­pa nach Ber­lin, um die Fort­schritt­lich­keit und Ef­fi­zi­enz der preu­ßi­schen Be­hör­den zu stu­die­ren. 200 Jah­re spä­ter ist es an­ders­rum: Die Deut­schen rei­sen nach Tal­linn, Wi­en und Ko­pen­ha­gen, um mo­der­ne Ver­wal­tung zu ler­nen. Der eins­ti­ge Vor­rei­ter gilt als ab­ge­hängt bei der Mo­der­ni­sie­rung der Ver­wal­tung.

„Beim E-go­vern­ment ge­hö­ren wir eu­ro­pa­weit zu den Schluss­lich­tern und ver­lie­ren Jahr für Jahr an Bo­den“, kri­ti­siert Bit­kom-prä­si­dent Achim Berg. Die Eu-kom­mis­si­on misst re­gel­mä­ßig die Fort­schrit­te bei der On­line-in­ter­ak­ti­on zwi­schen Be­hör­den und der Öf­fent­lich­keit. Das ak­tu­el­le Er­geb­nis könn­te ver­hee­ren­der kaum sein. Bei der Nut­zung von di­gi­ta­len Be­hör­den­an­ge­bo­ten liegt Deutsch­land auf Platz 26. Nur Ru­mä­ni­en und Bul­ga­ri­en sind schlech­ter.

Da­bei hat sich die Bun­des­re­gie­rung gro­ße Zie­le ge­setzt. Al­le 575 Di­enst­leis­tun­gen von Bund, Län­dern und Kom­mu­nen – al­so al­les vom Per­so­nal­aus­weis über die Kfz-zu­las­sung bis hin zum Wohn­geld­an­trag – sol­len laut

On­li­ne­zu­gangs­ge­setz (OZG) von 2022 an auch on­line mög­lich sein. Ist die Zei­ten­wen­de in der deut­schen Ver­wal­tung al­so nah?

„Es ist sehr viel in Be­we­gung ge­ra­ten“, sagt Jo­han­nes Lu­de­wig. Als Chef des Na­tio­na­len Nor­men­kon­troll­rats, ei­ner Wäch­ter­be­hör­de für den Bü­ro­kra­tie­ab­bau, schaut Lu­de­wig der Re­gie­rung bei der Um­set­zung des di­gi­ta­len Ver­spre­chens ge­nau auf die Fin­ger. „Noch sind wir nicht an dem Punkt, dass wir sa­gen kön­nen, wir er­rei­chen das Ziel.“

Lu­de­wigs Skep­sis hat sei­ne Grün­de: Denn die Bun­des­re­gie­rung hat sich ei­ne wah­re Mam­mut­auf­ga­be vor­ge­nom­men. Das Ziel ist näm­lich nicht nur, dass Bür­ger For­mu­la­re, die sie bis­her auf dem Pa­pier aus­ge­füllt ha­ben, künf­tig am Com­pu­ter be­ar­bei­ten. Sie sol­len über­haupt kei­ne For­mu­la­re mehr aus­fül­len müs­sen. Der Staat hat ja be­reits al­le Da­ten sei­ner Ein­woh­ner – wie­so soll er sie, wenn der Bür­ger dem on­line zu­stimmt, für ei­ne Di­enst­leis­tung nicht ein­fach ab­ru­fen kön­nen?

„On­ce-on­ly-prin­zip“nennt sich das Ver­fah­ren, bei dem die Bür­ger ih­re Da­ten nur ein ein­zi­ges Mal ab­ge­ben müs­sen. Vor­bil­der da­für sind Staa­ten wie Est­land und Ös­ter­reich. Im süd­li­chen Nach­bar­land lässt sich Kin­der­geld mit ei­nem Klick be­an­tra­gen. Die Es­ten kön­nen in­zwi­schen so­gar on­line ih­re Stim­me bei Wah­len ab­ge­ben. Hier­zu­lan­de müs­sen Fa­mi­li­en fürs El­tern­geld Be­schei­ni­gun­gen be­schaf­fen, die ge­sta­pelt so dick wie ein Buch sein kön­nen.

Na­tür­lich sind die­se Län­der klei­ner als Deutsch­land. Doch was dort geht, ist im Prin­zip auch hier mög­lich. Al­le Da­ten­re­gis­ter, die ein­zel­ne Be­hör­den über Ein­woh­ner füh­ren, müss­ten in ein ein­heit­li­ches For­mat ge­bracht und für an­de­re Be­hör­den zu­gäng­lich ge­macht wer­den. Was mo­men­tan je­doch pas­siert, fasst ein Mit­glied des Nor­men­kon­troll­rats so zu­sam­men: „Die fum­meln rum an ein­zel­nen Re­gis­tern, oh­ne das

Gro­ße und Gan­ze im Blick zu ha­ben.“

Mo­men­tan ist die Si­tua­ti­on die­se: Je­de Be­hör­de spei­chert die Da­ten, die sie über die Bür­ger be­nö­tigt, in ei­nem an­de­ren For­mat und ver­wen­det ver­schie­de­ne Soft­wares, mit de­nen sie die Da­ten ver­ar­bei­tet. Das müss­te ra­di­kal ver­ein­heit­licht wer­den. Aber was trotz al­ler Be­mü­hun­gen ver­schie­dens­ter Gre­mi­en und Rä­te feh­le, sei ei­ne „fö­de­ra­le Ge­samt­ar­chi­tek­tur der Di­gi­ta­li­sie­rung“, kri­ti­siert Lu­de­wig. Auch Bit­kom-prä­si­dent Berg for­dert: „Was wir brau­chen, sind bun­des­wei­te Stan­dards, da­mit das di­gi­ta­le Rad nicht in 11 000 Kom­mu­nen im­mer neu er­fun­den wird.“Da­von sei man noch so weit ent­fernt, dass das Ziel des On­li­ne­zu­gangs­ge­set­zes bis 2022 „un­rea­lis­tisch“sei.

Der Ter­min wird auch noch von ei­ner wei­te­ren Bau­stel­le ver­hin­dert: dem Da­ten­schutz. Um rasch vor­an­zu­kom­men, müs­se die­se Bau­stel­le un­be­dingt noch die­ses Jahr ge­schlos­sen wer­den, for­dert Lu­de­wig. Doch der Bun­des­da­ten­schutz­be­auf­trag­te Ul­rich Kel­ber blickt eher skep­tisch auf das The­ma E-go­vern­ment. Es brin­ge „ver­schie­de­ne da­ten­schutz­recht­li­che Her­aus­for­de­run­gen mit sich“, sag­te er die­ser Zei­tung. Vor al­lem „der Ver­zicht auf ei­ne al­le Be­rei­che über­grei­fen­de ein­heit­li­che Per­so­nen­kenn­zif­fer“sei un­ab­ding­bar. Durch sie wür­de ei­ne „um­fas­sen­de und de­tail­lier­te Pro­fil­bil­dung“er­mög­licht wer­den.

Be­für­wor­ter hin­ge­gen be­to­nen, dass mit dem On­li­ne­zu­gangs­ge­setz erst Waf­fen­gleich­heit zwi­schen Be­hör­de und Bür­ger her­ge­stellt wür­de. „Wenn heu­te in der Ver­wal­tung Ih­re Da­ten ir­gend­wo von A nach B ge­ge­ben wer­den, er­fah­ren Sie da­von nichts“, sagt Lu­de­wig. Beim On­lin­e­por­tal hin­ge­gen wür­de der Bür­ger Ein­blick be­kom­men, wer, wann und wie­so auf Da­ten zu­ge­grif­fen hat – und der Bür­ger müss­te dem zu­vor zu­ge­stimmt ha­ben. „Al­so ein ech­tes Plus für den Bür­ger.“

Be­quem­lich­keit ist da­bei nicht der ein­zi­ge Grund, die Ver­wal­tung zu mo­der­ni­sie­ren. Ein­fa­che, un­bü­ro­kra­ti­sche Ver­wal­tungs­pro­zes­se sind in­zwi­schen ein Stand­ort­vor­teil ers­ter Gü­te. Und die­sen ver­ste­hen an­de­re Län­der in­zwi­schen für sich zu nut­zen, warnt der Ver­wal­tungs­ex­per­te von der Be­ra­tungs­fir­ma KPMG, Ma­thi­as Obern­dör­fer. „In Deutsch­land kann man ein Un­ter­neh­men nicht on­line von der Couch aus grün­den. In Est­land geht das“, sagt er. 750 Deut­sche ha­ben da­von be­reits Ge­brauch ge­macht. Wäh­rend Be­hör­den­de­le­ga­tio­nen al­so wei­ter nach Est­land pil­gern, er­le­di­gen Un­ter­neh­mens­grün­der das on­line.

Wir ge­hö­ren eu­ro­pa­weit zu den Schluss­lich­tern und ver­lie­ren Jahr für Jahr an Bo­den. Achim Berg Bit­kom-prä­si­dent

In Deutsch­land kann man ein Un­ter­neh­men nicht on­line grün­den. In Est­land geht das. Ma­thi­as Obern­dör­fer

Kpmg-be­ra­ter

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