Er­zeu­ger und Er­zie­her

Vor 300 Jah­ren wur­de Leo­pold Mo­zart ge­bo­ren. Er war Mu­si­ker, Kom­po­nist – vor al­lem aber Va­ter. Bis heu­te ist er nicht un­um­strit­ten.

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - JOURNAL - Von Welf Grom­ba­cher

Als sei­ne Toch­ter „Nan­nerl“sie­ben ist, fängt Leo­pold Mo­zart an sie zu un­ter­rich­ten. Als sie ih­ren ach­ten Na­mens­tag fei­ert, schenkt er ihr ein No­ten­buch mit Kla­vier­stü­cken. Das aber stiehlt schon bald ihr jün­ge­rer Bru­der Wolf­gang Ama­de­us, um selbst dar­aus zu spie­len. Schon be­vor der Fünf­jäh­ri­ge ei­nen Fe­der­kiel rich­tig ha­be hal­ten kön­nen, heißt es, soll er ein ei­ge­nes Kla­vier­kon­zert kom­po­niert ha­ben. Stolz för­dert der Va­ter den Nach­wuchs und bricht mit ihm zu ei­ner „Gro­ßen Wun­der­kind­rei­se“quer durch Eu­ro­pa auf. In Wi­en, Pa­ris, Lon­don tre­ten sie bei Ad­li­gen auf und am Hof. Mal muss der klei­ne Wolf­gang auf Zu­ruf, mal mit ver­deck­ter Tas­ta­tur spie­len. Bald be­rich­tet der Va­ter nach Hau­se: „Al­le Da­mes sind in mei­nen Bu­e­ben ver­liebt.“

Heu­te wird Leo­pold Mo­zart oft kri­ti­siert, er ha­be sei­ne Kin­der dres­siert und als mu­si­ka­li­sche Zir­kus­ar­tis­ten am gol­de­nen Na­sen­ring durch halb Eu­ro­pa ge­führt, wie Sil­ke Leo­pold in ih­rer Bio­gra­fie schreibt, die recht­zei­tig zum 300. Ge­burts­tag des Kom­po­nis­ten er­scheint. Um sei­ne Rei­se­lust und Hab­gier zu be­frie­di­gen, ha­be er die Kin­der in­stru­men­ta­li­siert und al­les ge­tan, um sie zu ver­mark­ten. Noch Wolf­gang Hil­des­hei­mer nennt die­sen Leo­pold Mo­zart in sei­nem 1977 er­schie­ne­nen Buch „ei­ne La­kai­en­na­tur mit star­kem Hang zu de­vo­ter An­pas­sung, wenn nicht gar Duck­mäu­se­rei, die so­gar manch­mal ins In­tri­gan­ten­tum aus­ar­te­te“. Eng­stir­nig, geld­gie­rig, klam­mernd sei er ge­we­sen, sa­gen die ei­nen. Geist­reich, kul­ti­viert, welt­läu­fig die an­de­ren. Wer war die­ser Leo­pold Mo­zart wirk­lich?

Ab­ge­bro­che­nes Phi­lo­so­phie­stu­di­um

Auf die Welt kommt er am 14. No­vem­ber 1719 in Augs­burg als Sohn ei­nes Buch­bin­ders. Als äl­tes­ter Sohn darf er das Je­sui­ten­gym­na­si­um be­su­chen. Dort spielt er ger­ne Thea­ter, ist Kn­a­ben­sän­ger und ein or­dent­li­cher Or­ga­nist. Als sein Va­ter stirbt, bricht er 1736 das Ly­ze­um ab und schreibt sich im fol­gen­den Jahr als Stu­dent der Phi­lo­so­phie in Salz­burg ein. Die Uni­ver­si­tät aber muss er bald schon wie­der ver­las­sen, weil er zu oft schwänzt. Als Kam­mer­die­ner ar­bei­tet er beim Dom­herrn, dem er 1740 auch sei­ne ers­te Kom­po­si­ti­on wid­met, be­vor er Vio­li­nist in der Hof­ka­pel­le des Fürst­bi­schofs wird. Bis zum Vi­ze­ka­pell­meis­ter bringt er es und ist län­ger als 40 Jahre Mit­glied der Hof­ka­pel­le. Al­lein schon Leo­pold Mo­zarts Lauf­bahn als Mu­si­kus ist al­ler Eh­ren wert.

Er gilt als ei­ner der be­deu­tends­ten Ver­tre­ter der Vor­klas­sik. Un­ter­rich­tet und kom­po­niert. Gibt 1756 sei­nen „Ver­such ei­ner gründ­li­chen Vio­lin­schu­le“her­aus, in dem er die Schü­ler auf­for­dert, „die na­cke­ten No­ten mit Ver­nunft ab­zu­spie­len“und es mit dem Tre­mo­lo nicht zu über­trei­ben und „bei je­der No­te be­stän­dig zu zit­tern, als wenn sie das im­mer­wäh­ren­de Fie­ber hät­ten“. Ne­ben Carl Phil­ipp Ema­nu­el Bachs „Ver­such über die wah­re Art das Cla­vier zu spie­len“(1753) und Jo­hann Joa­chim Quantz‘ „Ver­such ei­ner An­wei­sung in Flö­te tra­ver­sie­re zu spie­len“(1752) gilt Leo­pold Mo­zarts Vio­lin­schu­le schnell als Stan­dard­werk und wird ins Hol­län­di­sche und Fran­zö­si­sche über­setzt. Als er sei­ner Ver­diens­te we­gen in die Mu­si­ka­li­sche So­cie­tät in Leip­zig auf­ge­nom­men wer­den soll, kom­men­tiert er das mit „Potz plun­der! Das spritzt“und er­mahnt sei­nen Ver­le­ger Jo­hann Ja­kob Lot­ter, dar­über ja nichts au­zu­trat­schen, be­fürch­tet er doch, dass es sich nur um „Win­de“han­deln kön­ne.

Ob­wohl das Le­ben kei­nes an­de­ren Kom­po­nis­ten aus der Mit­te des 18. Jahr­hun­derts (auf­grund des In­ter­es­ses am Sohn) so gut do­ku­men­tiert ist wie das von Leo­pold Mo­zart, sind heu­te vie­le sei­ner Wer­ke ver­lo­ren oder un­ge­nau über­lie­fert. Lan­ge schrieb die For­schung die gu­ten Stü­cke dem Sohn und die schlech­ten dem Va­ter zu. Was sich, wie Sil­ke Leo­pold in ih­rer Bio­gra­fie schreibt, heu­te nicht mehr hal­ten las­se. Ge­le­gen­heits­mu­si­ken wie die „Schlit­ten­fahrt“oder „Bau­ern­hoch­zeit“hät­ten sei­nen Ruf be­schä­digt. Von sei­nen mehr als 70 Sin­fo­ni­en aber spre­che heu­te nie­mand mehr. Auch nicht von sei­nen Kir­chen­mu­si­ken, über die sein Sohn schrieb, der Va­ter müs­se sich für sie nicht schä­men, auch wenn sie im el­ter­li­chen Haus un­ter dem Da­che von den Wür­mern fast ge­fres­sen la­ger­ten. Oder woll­te Wolf­gang vor sei­ner miss­bil­lig­ten Hoch­zeit mit Con­stan­ze We­ber nur gut Wet­ter ma­chen?

Kom­pli­zier­tes Va­ter-sohn-ver­hält­nis

Für Psy­cho­ana­ly­ti­ker ist das Ver­hält­nis zwi­schen Va­ter und Sohn ei­ne wah­re Freu­de. Die Hän­de be­stän­dig am Geld­beu­tel, ist Leo­pold Mo­zart der Ma­na­ger sei­nes Soh­nes und plant auf Mo­na­te im Vor­aus des­sen Gast­spie­le. Er führt Lis­ten, in de­nen er Kon­tak­te zu Ad­li­gen notiert, in­ves­tiert in gold- und sil­ber­durch­wirk­te Klei­dung und kauft ei­ne Kut­sche, da­mit Wol­ferl und Nan­nerl es auf ih­rer Gran­de Tour be­que­mer ha­ben. Er lebt nur für sei­ne Kin­der.

Die Be­zah­lung, die sein Sohn von ge­krön­ten Häup­tern er­hält, über­steigt sein ei­ge­nes Jah­res­ge­halt als Hof­mu­si­ker. Mit den gol­de­nen Uh­ren und Pil­lend­ös­chen, die er von Ad­li­gen er­hält, will er ei­nen Han­del auf­ma­chen. Und als Zwei­fel auf­kom­men, ob die Kom­po­si­tio­nen wirk­lich aus der Fe­der ei­nes Kin­des kom­men, legt er ein Werk­ver­zeich­nis sei­nes Soh­nes an.

Als Leo­pold in Salz­burg kei­nen Ur­laub mehr be­kommt, schickt er sei­ne Frau An­na Ma­ria al­lein mit Wolf­gang nach Pa­ris. Mit De­pres­sio­nen sitzt er zu Hau­se, wäh­rend die Rei­se im Fi­as­ko en­det. Erst jetzt zeigt sich, wie wich­tig der Va­ter ist. Das gut­gläu­bi­ge Wol­ferl ver­zet­telt sich, lebt über sei­ne Ver­hält­nis­se, ver­dient kein Geld, son­dern macht Schul­den in der Hö­he von knapp drei Jah­res­ge­häl­tern. Aus der Fer­ne ver­sucht der Va­ter ihn zu Maß­re­geln. Was den Sohn nur noch stur­köp­fi­ger macht.

Als die Mut­ter stirbt und Wolf­gang hei­ra­ten will, über­wer­fen die bei­den sich ganz. Der Va­ter kann ein­fach nicht los­las­sen. Er klam­mert, will nicht mit an­se­hen, wie der Soh­ne­mann nach Wi­en geht und sein Ge­nie dort ver­schwen­det. Bis zu Leo­polds Tod 1787 währt der Streit zwi­schen den bei­den Dick­köp­fen. Ei­ne Tra­gö­die. Wolf­gang Ama­de­us Mo­zart über­lebt sei­nen Va­ter nur um fünf Jahre.

Sil­ke Leo­pold: „Leo­pold Mo­zart. Ein Mann von vie­len Witz und Klug­heit.“Metz­ler/bä­ren­rei­ter Ver­lag, 280 Sei­ten, 29,99 Eu­ro

Re­pros (2): MOZ

Ehr­gei­zi­ges Fa­mi­li­en­ober­haupt: Leo­pold Mo­zart mit sei­nen Kin­dern Ma­ria An­na und Wolf­gang Ama­de­us, an der Wand ein Por­trät der ver­stor­be­nen Ehe­frau An­na Ma­ria. Ge­mäl­de von Jo­hann Ne­po­muk del­la Cro­ce, um 1780

Um­strit­ten: Leo­pold Mo­zart, Por­trät von Pie­tro An­to­nio Lo­ren­zo­ni

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