Erst 18 und schon Hoff­nungs­trä­ge­rin der SPD – Lil­ly Blauds­zun stu­diert an der Eu­ro­pa-uni

Ei­ne 18-Jäh­ri­ge aus Frank­furt (Oder) sorgt in der Bun­des-spd für Fu­ro­re – mit iro­ni­schen Tweets und Lei­den­schaft für lin­ke The­men.

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - VORDERSEIT­E - Von Ma­thi­as Haus­ding

Arsch hoch und SPD Thü­rin­gen wäh­len!“, twit­tert sie. We­nig spä­ter ver­mel­det sie, dass es sonn­abends nach Mit­ter­nacht kei­nen schö­ne­ren Ort als den RE1 nach Frank­furt (Oder) ge­be. Sie macht vorm Zug-klo-spie­gel ein Sel­fie und bas­telt dar­aus ihr Be­kennt­nis zu Es­ken/wal­ter-bor­jans im Kampf um den Spd-par­tei­vor­sitz. Wo­chen­tags er­zählt sie vom Stu­den­ten­le­ben an der Vi­a­d­ri­na („in du­bio Pro­sec­co“), ent­schul­digt sich bei ih­rer Mut­ter, dass sie jetzt ein Na­sen-pier­cing hat und holt sich ei­nen Ta­del von Re­na­te Kü­n­ast ab für das Foto vom Bun­des­tags­kan­ti­nen-„wugu“(Wurst­gu­lasch) in der As­si­et­te.

Al­les auf Twit­ter. Zehn Nach­rich­ten pro Tag sind nor­mal. Die ei­ne Hälf­te Po­li­tik, die an­de­re An­ek­do­ten aus dem Le­ben. Meist wit­zig, nie plump oder an­bie­dernd. Auf Face­book und Ins­ta­gram ist sie na­tür­lich auch, fast 10 000 Leu­te fol­gen ihr dort. Die Re­de ist von Lil­ly Blauds­zun, 18 Jahre alt und aus Lud­wigs­lust, Vi­ze-che­fin der Ju­sos in Meck­len­burg-vor­pom­mern, seit Ok­to­ber Ju­ra-stu­den­tin an der Frank­fur­ter Vi­a­d­ri­na und in die­ser Woche von der „Zeit“un­ter die „100 wich­tigs­ten jun­gen Ost­deut­schen“ge­wählt. Dort ist sie in Ge­sell­schaft von Re­né Wil­ke, dem 35 Jahre al­ten Ober­bür­ger­meis­ter von Frank­furt (Oder).

Sel­te­nes Ta­lent

Lil­ly Blauds­zun kam auf die Lis­te, weil sie sich als Te­enager po­li­tisch en­ga­giert und an die SPD glaubt. Das ist schon sel­ten ge­nug. Au­ßer­dem kennt sie sich mit so­zia­len Me­di­en aus und scheut die Öf­fent­lich­keit nicht, ist lo­cker drauf, oh­ne zu über­trei­ben. Die­se Kom­bi gibt es im deut­schen Po­li­tik­be­trieb sonst kaum.

Bran­den­burgs Mi­nis­ter­prä­si­dent Dietmar Wo­id­ke hat das in die­sem Som­mer schon er­kannt, als er Lil­ly Blauds­zun für den So­ci­al-me­dia-wahl­kampf der SPD ein­spann­te. Und ge­stan­de­ne So­zi­al­de­mo­kra­ten aus dem ge­sam­ten Bun­des­ge­biet ge­rie­ren sich bei­na­he wie Fans, wenn sie ein ge­mein­sa­mes Sel­fie mit der jun­gen Frau pos­ten. Al­les auf Twit­ter nach­zu­ver­fol­gen.

Bei so vie­len Ge­schich­ten ist man dann doch froh, dass ei­nem beim Tref­fen im Ca­fé ei­ne ganz nor­ma­le 18-Jäh­ri­ge ge­gen­über­sitzt. Sie be­stellt ei­nen Pfef­fer­minz­tee und er­zählt, wie gut es ihr in Frank­furt ge­fällt. Das Nacht­le­ben sei viel bes­ser als in Lud­wigs­lust, das Wohn­heim auf dem Cam­pus ga­ran­tie­re kur­ze We­ge. Die Nä­he zu Po­len in der ei­nen Rich­tung und die zu Ber­lin in der an­de­ren run­de das tol­le Ge­samt­pa­ket ab.

Stu­di­um, Par­tys, Par­tei­ar­beit, der gan­ze So­ci­al-me­dia-kram, da­zu in Ber­lin der Job bei ei­nem Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten – wie be­kommt sie das hin? „Schla­fen ist mir sehr wich­tig. Dar­an spa­re ich nicht“, sagt sie. „Man muss sich ein­fach gut or­ga­ni­sie­ren. Au­ßer­dem macht es mir ja Spaß. Ich will das al­les so.“

Dass sie mit ih­rer Art und Wei­se ei­nen Nerv trifft, er­klärt sie sich da­mit, „dass die Po­li­tik ins­ge­samt viel zu ein­tö­nig ist“. Ei­gent­lich tol­le Men­schen sei­en in kom­ple­xen Pro­zes­sen ge­fan­gen. „Wir jun­gen Leu­te wol­len da ei­nen neu­en Stil rein­brin­gen.“Da­bei ist ihr auch klar, dass sie leicht re­den hat. „Ich ha­be kein Amt, kei­ne Ver­pflich­tun­gen, die mich ein­schrän­ken könn­ten.“

Ih­ren Kom­mi­li­to­nen er­zählt sie nicht gleich im ers­ten Ge­spräch, dass sie in der Po­li­tik ist. „Aber sie se­hen es na­tür­lich, wenn sie auf mei­ne Pro­fi­le ge­hen. Das ist schon lus­tig, da steht dann auf ein­mal die Po­li­tik im Raum.“Und dann kommt es zu De­bat­ten, ak­tu­ell vor al­lem über die Wah­l­er­geb­nis­se im Os­ten Deutsch­lands und die Bi­lanz 30 Jahre nach dem Mauerfall.

Lil­ly Blauds­zun hat die DDR nicht er­lebt, nicht ein­mal die Nach-wen­de-jahre, den­noch sind die Fol­gen der­zeit ei­nes ih­rer wich­tigs­ten po­li­ti­schen The­men. Des­halb fin­det sie die „Zeit“-lis­te mit den „100 wich­tigs­ten jun­gen Ost­deut­schen“toll. Aber dass die Lis­te nur in der Ost-auf­la­ge der Ham­bur­ger Wo­chen­zei­tung er­schie­nen ist, sei scha­de und auch ir­gend­wie be­zeich­nend.

Zehn Tweets pro Tag sind nor­mal. Auf Ins­ta­gram ist sie auch, fast 10 000 Leu­te fol­gen ihr dort.

Die Fol­gen der Wen­de 1989 sind für sie ein wich­ti­ges po­li­ti­sches The­ma.

Ap­pell an die Ost­deut­schen

Die 18-Jäh­ri­ge sieht sich ganz klar als Ost­deut­sche. „Der Mauerfall war ei­ner der größ­ten Glücks­fäl­le der Ge­schich­te“, be­tont sie. Aber die Um­bruchs­jah­re, die kom­plet­te Neu­ori­en­tie­rung sei­en schwie­rig ge­we­sen, selbst für Men­schen, die nicht ar­beits­los wur­den. Die­ses Er­be tra­ge auch ih­re Ge­ne­ra­ti­on in sich, ist Lil­ly Blauds­zun über­zeugt. Die Te­enager von heu­te ge­he es et­was an, wem der Os­ten ge­hört. Oft hät­ten nach wie vor West­deut­sche das Sa­gen, Ost­deut­sche sei­en be­kann­ter­ma­ßen in Lei­tungs­po­si­tio­nen un­ter­re­prä­sen­tiert.

Ih­re Ge­ne­ra­ti­on dür­fe sich da­mit nicht ab­fin­den. „Wir müs­sen um glei­che Le­bens­ver­hält­nis­se kämp­fen“, ap­pel­liert sie an ih­re Al­ters­ge­nos­sen. Das ge­he bei Löh­nen und der Ren­te los, rei­che aber über fi­nan­zi­el­le Fra­gen weit hin­aus. Ost­deut­sche müss­ten end­lich an­ge­mes­sen be­tei­ligt wer­den. Das über ei­ne Quo­te zu re­geln, sieht sie kri­tisch. Ein An­fang sei, sich als Ost­deut­sche oder Ost­deut­scher po­li­tisch zu en­ga­gie­ren, sich in den Par­tei­en Ge­hör zu ver­schaf­fen.

Ein Vor­bild da­für gibt es ja nun schon mal.

Foto: Ma­thi­as Haus­ding

Seit Ok­to­ber neu in Frank­furt (Oder): Lil­ly Blauds­zun, Ju­ra-stu­den­tin und Spd-nach­wuchs­hoff­nung

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