Nicht mehr ar­beits­fä­hig

Ein er­krank­ter Ber­li­ner Po­li­zist will vor Ge­richt er­rei­chen, dass ei­ne Schwer­me­tall­ver­gif­tung als Be­rufs­krank­heit an­er­kannt wird.

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - BRANDENBUR­G/BERLIN - Von Ma­ria Neu­en­dorff

Tho­mas K.

hat Pro­ble­me beim Lau­fen. Sei­ne Kno­chen und Ner­ven sind ent­zün­det. Der Aus­schlag am Ober­kör­per juckt manch­mal so ex­trem, dass er sich wund kratzt. 2003 ist der ehe­ma­li­ge Ber­li­ner Po­li­zist auf­grund viel­fäl­ti­ger kör­per­li­cher Pro­ble­me vor­zei­tig in den Ru­he­stand ver­setzt wor­den. „Es be­gann mit bren­nen­den Schmer­zen in der Hüf­te, die sich bis in die Fü­ße zo­gen. Ich fühl­te mich auf ein­mal so schwach, dass ich nicht mal mehr die schwe­re Schutz­mon­tur tra­gen konn­te“, be­rich­tet der 54-Jäh­ri­ge auf dem Flur des Ber­li­ner Ver­wal­tungs­ge­richts.

Es fing mit ste­chen­den Schmer­zen an.

Mit sei­ner Kla­ge ge­gen das Land Ber­lin ist Tho­mas K. am Mon­tag ge­schei­tert. Er ist der ers­te von zahl­rei­chen Be­trof­fe­nen, der vor Ge­richt zieht. Er will er­rei­chen, dass sei­ne ver­mu­te­te Schwer­me­tall­ver­gif­tung als Be­rufs­krank­heit an­er­kannt wird. Sei­ne Kla­ge wur­de je­doch ab­ge­lehnt, weil er die Ver­gif­tung erst 2016 bei der ent­spre­chen­den Kas­se an­ge­zeigt hat­te.

Doch nicht nur er selbst, son­dern auch die Ärz­te tapp­ten jah­re­lang im Dun­keln. „Ich wur­de auf Mul­ti­ple Sk­le­ro­se, Darm­krank­hei­ten und Bor­re­lio­se un­ter­sucht“, be­rich­tet Tho­mas K., der heu­te mit sei­ner Mut­ter in ei­nem klei­nen Ort bei Zos­sen lebt.

Erst 2016, als die Ber­li­ner Schieß­stan­d­af­fä­re öf­fent­lich wur­de und auch in sei­nem Urin er­höh­te Blei­wer­te nach­ge­wie­sen wur­den, kam ihm der Ge­dan­ke, dass er sich wäh­rend des Schieß­trai­nings auf den Ber­li­ner An­la­gen ver­gif­tet ha­ben könn­te. Rund 1500 Po­li­zis­ten wur­den beim Waf­fen­trai­ning durch Dämp­fe ver­gif­tet, weil die Be­lüf­tungs­an­la­gen un­ge­nü­gend wa­ren. Meh­re­re Schieß­trai­ner sind in­zwi­schen noch vor dem Ren­ten­al­ter ver­stor­ben. „Wir üb­ten da­mals auf ei­ner um­ge­bau­ten Ke­gel­bahn in der Kreuz­ber­ger Frie­sen­stra­ße. Wir be­ka­men schon wäh­rend des Schie­ßens Atem­not. Wir ha­ben das Trai­ning re­gel­mä­ßig un­ter­bre­chen müs­sen, weil die Ziel­schei­ben durch den Rauch nicht mehr zu se­hen wa­ren“, er­in­nert sich Tho­mas K. Weil er als Trup­pen­füh­rer auch sei­ne Kol­le­gen beim Trai­ning be­auf­sich­tig­te, ver­brach­te er ver­hält­nis­mä­ßig viel Zeit in den ma­ro­den An­la­gen, die auf­grund der Ge­sund­heits­ge­fahr in­zwi­schen ge­schlos­sen wur­den.

In dem Skan­dal um die Ber­li­ner Schieß­stän­de wur­den ver­gan­ge­nen Jah­res 487 be­trof­fe­ne Po­li­zis­ten mit­hil­fe ei­nes Aus­gleichs­fonds ent­schä­digt. 788 ha­ben An­trä­ge ein­ge­reicht. Ins­ge­samt wur­den über drei Mil­lio­nen Eu­ro auf­ge­wen­det. Die Sum­men la­gen zwi­schen 3000 Eu­ro und 80 000 Eu­ro. „Grund­sätz­lich sind wir da­für dank­bar. Aber die Um­set­zung war feh­ler­haft“, sagt Kars­ten Loest vom Ver­ein „B.I.S.S.“, in dem sich Be­trof­fe­ne or­ga­ni­siert ha­ben. So sei­en die Gel­der viel zu pau­schal ver­teilt wor­den. „Es macht doch ei­nen Un­ter­schied, ob ich drei Jah­re oder 15 Jah­re den Be­las­tun­gen aus­ge­setzt war“, er­klärt der ehe­ma­li­ge Sek-be­am­te, der selbst seit Jah­ren krank und dienst­un­fä­hig ist. Da­zu sei­en nur Lun­gen­lei­den be­rück­sich­tigt und be­stimm­te mög­li­che Fol­gen wie bei­spiels­wei­se Herz­kreis­lauf-er­kran­kun­gen oder Darmer­kran­kun­gen gar nicht be­ach­tet wor­den.

Auch Tho­mas K. hat 3000 Eu­ro aus dem Fonds er­hal­ten. „Die Sum­me reicht nicht an­nä­hernd aus, die Be­hand­lungs­kos­ten zu de­cken“, er­klär­te sei­ne An­wäl­tin Ka­thi-ge­sa Klaf­ke vor Ge­richt. Im­mer wie­der müs­se ihr Man­dant Schul­den ma­chen, weil die Kos­ten für sta­tio­nä­re Ent­gif­tun­gen von der Di­enst­un­fall­kas­se erst nach lan­gem Hin und Her und manch­mal gar nicht über­nom­men wer­den.

In der zwei­stün­di­gen Ver­hand­lung am Mon­tag strit­ten die Par­tei­en auch dar­um, ob tat­säch­lich ein Zu­sam­men­hang zwi­schen der Schad­stoff­be­las­tung und der Er­kran­kung des Klä­gers be­ste­he. Die Kla­ge wur­de dann aber in der Haupt­sa­che ab­ge­lehnt, weil der Klä­ger die ge­setz­li­che Mel­de­frist von zehn Jah­ren über­schrit­ten hat­te. „Für uns ist das nicht das En­de“, kün­dig­te Tho­mas K. an. Er strebt nun beim Land­ge­richt ei­ne Scha­dens­er­satz- und Schmer­zens­geld­kla­ge an.

Fo­to: Rai­ner Jen­sen/dpa

Un­zu­rei­chend be­lüf­tet: Rund 1500 Po­li­zis­ten wur­den beim Trai­ning ver­gif­tet.

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