Das Di­lem­ma der mo­der­nen Frau

In ih­rem neu­en Ro­man wid­met sich die Schrift­stel­le­rin Daniela Kri­en Frau­en von heu­te – und de­ren Zer­ris­sen­heit zwi­schen Fa­mi­lie und Be­ruf. Sie weiß, wo­von sie schreibt.

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - KULTUR - Von Theresa Held

Sie bricht gro­ße The­men auf ei­ne per­sön­li­che Ebe­ne her­un­ter – mit Er­folg. Der neu­es­te Ro­man der Leip­zi­ger Au­to­rin Daniela Kri­en ist ein Best­sel­ler und für den dies­jäh­ri­gen Preis der Un­ab­hän­gi­gen Buch­hand­lun­gen no­mi­niert. In „Die Lie­be im Ernst­fall“schreibt Kri­en (44) von der Zer­ris­sen­heit von Frau­en mitt­le­ren Al­ters zwi­schen Fa­mi­lie und Be­ruf. Ein Di­lem­ma, das sie aus ei­ge­ner Er­fah­rung kennt: Die Al­lein­er­zie­hen­de hat zwei Töch­ter, von de­nen ei­ne seit ei­ner Imp­fung schwer­be­hin­dert ist.

Zu­nächst ha­be sie in ih­rem ak­tu­el­len Ro­man ih­re ei­ge­ne Ge­schich­te ver­ar­bei­ten wol­len, er­zählt Kri­en, die in ei­nem Dorf in Meck­len­burg-vor­pom­mern ge­bo­ren wur­de. Dann emp­fand sie das The­ma als zu nah am ei­ge­nen All­tag – und schrieb ein Buch über fünf Frau­en­fi­gu­ren. „Es war mir ein wich­ti­ges An­lie­gen, dar­über zu schrei­ben, wor­in wir Frau­en ge­ra­de ste­cken“, sagt Kri­en im In­ter­view. „Wir ver­su­chen, ei­ne Fa­mi­lie auf­zu­bau­en, sie zu er­hal­ten, gleich­zei­tig be­ruf­lich er­folg­reich zu sein und aber auch noch für die Kin­der da zu sein“, be­schreibt sie das Di­lem­ma. Ir­gend­ein Baustein kom­me da­bei im­mer zu kurz.

Ge­sell­schaft­lich wer­de von Frau­en Er­folg im Be­ruf so­wie ei­ne funk­tio­nie­ren­de Fa­mi­lie er­war­tet, be­ob­ach­tet Kri­en. Das baue Druck auf. Frau­en wür­den prak­tisch ge­zwun­gen, die­sen „fe­mi­nis­ti­schen Kampf zu kämp­fen“. Doch auch an­de­re Le­bens­kon­zep­te müss­ten an­er­kannt wer­den, fin­det die Au­to­rin. Ihr li­te­ra­ri­scher

An­spruch: „Ich möch­te zei­gen, was ge­ra­de ist in die­ser Ge­sell­schaft, wo es über­all Kon­flik­te gibt und wie die in die Fa­mi­li­en hin­ein­wir­ken.“Auch die Su­che nach Lie­be und Auf­ge­ho­ben­sein ist ein The­ma im Ro­man.

Kri­en lebt seit 2012 vom Va­ter ih­rer Kin­der ge­trennt. Auch in ih­rem Be­kann­ten­kreis hät­ten sich vie­le Frau­en vom Va­ter der Kin­der ge­trennt; die­ses Schei­tern mach­te sie in „Die Lie­be im Ernst­fall“zum The­ma. Lan­ge ha­be er kei­nen so glei­cher­ma­ßen un­ter­halt­sa­men wie psy­cho­lo­gisch klu­gen Ro­man über die Le­bens- und Lie­bes­wirk­lich­keit er­wach­se­ner Men­schen in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land der Ge­gen­wart ge­le­sen, ur­teil­te der Li­te­ra­tur­kri­ti­ker De­nis Scheck, Mo­de­ra­tor des Ard-ma­ga­zins „Druck­frisch“.

Das Schrei­ben hat sich Kri­en au­to­di­dak­tisch bei­ge­bracht. Wenn ih­re Töch­ter in der Schu­le sind, ar­bei­tet sie. „Manch­mal schrei­be ich nur ir­gend­ei­nen Satz auf.“Dar­aus ent­spinnt sich dann häu­fig ei­ne Ge­schich­te. Doch die Kin­der be­gren­zen ih­re Schaf­fens­zeit: Kommt die Jün­ge­re aus der Schu­le zu­rück, steht Pfle­ge an. Es ist kei­ne leich­te Auf­ga­be: „Die Ak­zep­tanz von Men­schen wie mei­ner Toch­ter ist ge­ring“, stellt Kri­en im­mer wie­der fest – bei Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen, im Eis­ca­fé. Die 13-Jäh­ri­ge kön­ne nicht spre­chen, ge­be aber Lau­te von sich. Das stö­re vie­le Men­schen. Die dar­aus re­sul­tie­ren­de Iso­la­ti­on sei ei­ne gro­ße Be­las­tung.

Kraft fin­det die be­geis­ter­te Rei­te­rin in der Na­tur. Auch von ih­rem Glau­ben zehrt die Pro­tes­tan­tin.

Da­durch kön­ne sie die Be­hin­de­rung ih­rer Toch­ter als Schick­sal an­neh­men, das sie be­rei­chert. Sonst hät­te Kri­en auch mög­li­cher­wei­se nie­mals ein Buch ver­öf­fent­licht. Stu­diert hat sie Kul­tur-, Me­di­en- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaf­ten in Leip­zig; mit der Pfle­ge­be­las­tung sei ei­ne be­ruf­li­che Per­spek­ti­ve im Kul­tur­sek­tor aus­ge­schlos­sen ge­we­sen. Kri­en setz­te sich al­so hin und schrieb ihr De­büt „Ir­gend­wann wer­den wir uns al­les er­zäh­len“. „Und dann hat das auch noch ge­klappt mit dem ers­ten Ro­man“, er­zählt die Au­to­rin mit ei­nem brei­ten Lä­cheln.

Ge­ra­de ha­be sie ge­mein­sam mit der be­freun­de­ten Re­gis­seu­rin Emi­ly Atef („3 Ta­ge in Qui­be­ron“) ein Dreh­buch für ihr De­büt ge­schrie­ben; der Ro­man soll ver­filmt wer­den. Nun über­ar­bei­te sie den Er­zähl­band „Mul­den­tal“, der bei ih­rem Ver­lag Dio­ge­nes neu auf­ge­legt wer­den soll. Und dann wol­le sie sich an ei­nen wei­te­ren Ro­man set­zen – in den St­un­den, in de­nen ih­re Töch­ter au­ßer Haus sind.

Ich möch­te zei­gen, wo es Kon­flik­te gibt und wie die in Fa­mi­li­en hin­ein­wir­ken.“Daniela Kri­en

Foto: Jan Woi­tas/dpa

Atem­pau­se: Die Au­to­rin Daniela Kri­en im „Te­le­graph“– das Ca­fé in Leip­zig taucht auch im Ro­man auf.

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