Zeit der Kirsch­blü­ten

Einst war er po­pu­lä­rer Lie­der­ma­cher, heu­te ist Rein­hard Dro­g­la Chef des Pic­co­lo-thea­ters und lei­tet in Cott­bus die Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung. Dass er zu den welt­weit bes­ten Tri­ath­le­ten zählt, wird eher zur Ne­ben­sa­che.

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - JOURNAL - Von Tho­mas Klatt

Habt ihr das jetzt al­le? Hmmm. Ja. Ge­mur­mel. Ve­r­un­si­che­rung. Die Schau­spie­ler se­hen ins Text­buch und spä­ter auf den Groß­bild­schirm, wo ei­ne DVD läuft. Es ist Kon­zept­pro­be im Pic­co­lo-thea­ter in Cott­bus, dem Kin­der- und Ju­gend­thea­ter der Stadt. Re­gis­seur Rein­hard Dro­g­la will das Kin­der­stück „Von Ei­nem der aus­zog, das Gru­seln zu ler­nen“auf die Büh­ne brin­gen. Ei­ne Wie­der­auf­nah­me.

Dro­glas Ar­beits­stil ist un­kon­ven­tio­nell. Bie­tet mir et­was an, wenn es gut ist, neh­men wir’s. Er sagt es so nicht, aber al­le wis­sen es. Die Rol­len hat er ver­teilt, die Cha­rak­te­re sind an­ge­legt. Das be­kann­te Grimm’sche Mär­chen fasst er grö­ßer, holt es her­über in die Ge­gen­wart, be­zieht es auf die Ängs­te von Kin­dern von heu­te. Vor we­ni­gen Ta­gen hat­te „Gre­ta“Pre­mie­re im „Pic­co­lo“. Dar­in geht es nicht um die Per­son Gre­ta Thun­berg, wohl aber um den Kli­ma­wan­del im All­ge­mei­nen. Die In­sze­nie­rung be­sorg­te ein jun­ger Spie­ler und Re­gis­seur aus dem En­sem­ble. Dro­g­la un­ter­stützt das. Er selbst sieht das Pro­blem auch als sei­nes. Wenn 500 000 Mil­lio­nen Men­schen welt­weit auf der Flucht sind, weil sie ih­re Le­bens­grund­la­ge ver­lie­ren, ist das ein Rie­sen­the­ma auch für je­ne, de­nen es bes­ser geht. Und wie­der lässt er Raum für die In­sze­nie­rung. Ei­ni­ges hät­te er viel­leicht an­ders ge­macht, er­klärt er. Über­haupt sei die­ses The­ma mit ei­nem vor­ge­scho­be­nen Ge­ne­ra­tio­nen­kon­flikt nicht zu lö­sen, es ist ein welt­um­span­nen­des Pro­blem.

Büh­ne macht selbst­be­wusst

40 bis 50 Stü­cke für Kin­der und Ju­gend­li­che hat Dro­g­la in den ver­gan­ge­nen Jah­ren im Pic­co­lo auf die Büh­ne ge­bracht. Mit­ge­zählt hat er nicht. Das Pic­co­lo hat er im Jahr 1991 in ei­nem frü­he­ren Ju­gend­klub mit Freun­den ge­grün­det, im Jah­re 2011 ist ein neu­es Haus er­öff­net wor­den mit­ten in der Stadt.

Die­sen Neu­bau hat er durch­ge­kämpft ge­gen vie­le Wi­der­stän­de. Heu­te ist es in die­ser Grö­ße ei­nes der pro­fi­lier­ten Kin­de­r­und Ju­gend­thea­ter Deutsch­lands. Die Mit­be­grün­der sind ab­ge­sprun­gen aus ver­schie­den Grün­den, Dro­g­la ist seit Jah­ren al­lei­ni­ger Chef und Ge­sell­schaf­ter ei­ner Gmbh. Die Ver­ant­wor­tung ist groß, der Druck, der auf ihm las­tet, manch­mal auch, trotz För­de­run­gen von Stadt und Land. 250 Ju­gend­li­che in 20 Grup­pen sind es mitt­ler­wei­le, die hier pro­ben und ar­bei­ten. An­lei­ten oh­ne Be­vor­mun­dung, nennt es Dro­g­la. Und es gibt par­al­lel da­zu ein Pro­fi­team. Die Ju­gend­li­chen, die hier spie­len, ver­las­sen ir­gend­wann das Thea­ter, vie­le auch die Stadt und die Lau­sitz.

Al­le sa­gen, dass es ei­ne wich­ti­ge Zeit ge­we­sen sei. Wer ein­mal auf ei­ner Büh­ne steht, wird selbst­be­wuss­ter, lernt, sich zu ar­ti­ku­lie­ren, aber auch, die Mei­nung an­de­rer zu re­spek­tie­ren. Viel dis­ku­tier­tes und ge­lob­tes Ge­gen­warts­thea­ter für Kin­der und Ju­gend­li­che ist da in letz­ter Zeit ent­stan­den. In die­sem Jahr er­folg­te der Rit­ter­schlag. Das Pic­co­lo wur­de im April mit dem Deut­schen Thea­ter­preis aus­ge­zeich­net. „Das Pic­co­lo Thea­ter ist we­sent­lich grö­ßer als sein Na­me ver­mu­ten lässt“, be­grün­det es die Ju­ry.

Sze­nen­wech­sel. An­de­re Büh­ne, an­de­re Ak­teu­re. Seit 2008 ist Dro­g­la Vor­sit­zen­der

der Cott­bu­ser Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung. An­zug und Kra­wat­te statt Je­ans und Shirt. Auch hier ist er Re­gis­seur ei­ner Ver­an­stal­tung, meist mo­de­rie­rend agiert er da, manch­mal auch mit kla­rer An­sa­ge. Po­li­tik ist schwie­ri­ger ge­wor­den in Cott­bus, wie in den meis­ten bran­den­bur­gi­schen Kom­mu­nen. Sie­ben Par­tei­en sind es im Stadt­par­la­ment plus drei Ver­spreng­te, die der AFD ab­han­den­ge­kom­men sind. Die war stärks­te Kraft ge­wor­den bei der letz­ten Kom­mu­nal­wahl in Cott­bus und hät­te die Stel­le des Stadt­ver­ord­ne­ten-chefs be­an­spru­chen kön­nen. Sie hat ver­zich­tet. Dro­g­la ist wie­der­ge­wählt wor­den, hat sich da­bei auch ge­gen die CDU durch­ge­setzt.

Wie er das ge­macht hat, bleibt wohl sein Ge­heim­nis. Er re­det je­den­falls viel mit Leu­ten al­ler Par­tei­en, ist in der Stadt bes­tens ver­netzt, kennt hier al­les und al­le. „Strip­pen­zie­her“nen­nen sie ihn zu­wei­len in der Stadt­ver­wal­tung, manch­mal auch „un­ser klei­ner Me­phis­to“in An­leh­nung an sein Thea­ter. In bei­den ist Re­spekt her­aus­zu­hö­ren, manch­mal auch Vor­sicht. Dro­glas Fä­hig­keit, au­ßer­halb des Sit­zungs­saals Ge­sprä­che zu füh­ren, in de­nen er dem Ge­gen­über sei­ne Mög­lich­kei­ten, nicht sel­ten auch sei­ne Gren­zen dar­legt, ist be­liebt und ge­fürch­tet zu­gleich.

Am An­fang, so Dro­g­la, dach­te die AFD, das sei hier das Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um, in dem gro­ße Ent­schei­dun­gen fal­len.

Hier ge­he es aber um Stra­ßen­bau, um Ki­ta-sa­nie­run­gen, Rad­we­ge und Müll­ab­fuhr. Wer hier mit­spie­len will, müs­se Ak­ten und Be­schluss­vor­la­gen le­sen. Zu Be­ginn der Le­gis­la­tur­pe­ri­ode je­den­falls hat­te der er al­le Frak­tio­nen auf Sach­ar­beit ein­ge­schwo­ren. In sei­ner Par­tei, der SPD, ist er re­spek­tiert, aber nicht je­der­manns Dar­ling. Als er ei­ne Talk­run­de mit Mi­nis­ter­prä­si­dent

Wo­id­ke und Ex-kanz­ler Schrö­der so­wie Wirt­schafts­chefs der Re­gi­on or­ga­ni­siert, ste­hen ei­ni­ge Ge­nos­sen aus der Frak­ti­on und vom Land­tag gar nicht auf der Ein­la­dungs­lis­te.

Sei­ne Mei­nung zu ver­tre­ten hat er in der DDR ge­lernt, wo er ab Mit­te der 80er-jah­re als Lie­der­ma­cher mit Gi­tar­re viel un­ter­wegs war. Sei­ne Tex­te in den 70er- und 80er-jah­ren sind nicht laut, da­für ein­dring­lich und von poe­ti­scher Bild­haf­tig­keit. Dass er aus dem Her­zen des Lau­sit­zer Koh­len­potts kommt, ver­leug­net er nie: „Wo­hin ich geh mit neu­er Haut, mir bleibt ei­ne Spur von Koh­len­dreck“, heißt es in ei­nem sei­ner Songs. Die Leu­te mö­gen das, die Clubs und klei­nen Thea­ter sind voll. Zum En­de der DDR geht es mit dem von ihm kon­zi­pier­ten Pro­gramm „Hei­mat­lie­der“auf Ddr-tour­nee – mit den Kol­le­gen Rein­hold An­dert und Ger­hard Gun­der­mann sind sie zu dritt. Die Tour­nee wird ein vol­ler Er­folg. Es ging um ein al­tes, im­mer noch gül­ti­ges The­ma: Hei­mat. Wem war sie es da­mals? Und wem nicht? Und wem ist sie es heu­te?

Heu­te lebt er ge­sün­der als in die­sen Rot­wein-jah­ren mit den voll­ge­rauch­ten Clubs, in de­nen kaum noch Luft zum At­men war. Das Le­ben pe­gelt sich ein. Er geht zei­tig ins Bett und steht früh auf. Das al­les ist ihm wich­tig für den Aus­gleich zwi­schen Kör­per und See­le, sagt er. Nicht im­mer ge­lingt das. Und dann muss ja auch noch Zeit blei­ben für sein Hob­by: Tri­ath­lon. Da ist er vor Jah­ren nur zu­fäl­lig bei ei­ner Kur da­zu­ge­kom­men. Er tes­tet sich aus: Vom Jog­gen übers Rad­fah­ren bis zum Schwim­men. Es funk­tio­niert, Tri­ath­lon wird sei­ne gro­ße Lei­den­schaft. Zehn St­un­den in der Wo­che ist heu­te sein Trai­nings­pen­sum. Vor kur­zem hat er sich für die Welt­meis­ter­schaft in Neu­see­land 2020 qua­li­fi­ziert. Fünf Mal nahm er schon bei ei­ner WM teil. 2010 war es gar der Iron-man auf Ha­wai. Da­mit ist er welt­weit ei­ner der bes­ten Tri­ath­le­ten in sei­ner Al­ters­klas­se.

Das Pic­co­lo­thea­ter er­hielt im April 2019 den Deut­schen Thea­ter­preis.

Neue „Hei­mat­lie­der“?

Nächs­tes Jahr wird er 70. Wä­re es nicht Zeit los­zu­las­sen von all­dem? Ein biss­chen mehr Fa­mi­lie tä­te ihm gut. Die Frau, mit der er seit 50 Jah­ren zu­sam­men ist, wä­re dar­über nicht bö­se. Die Kin­der, zwei er­wach­se­ne Töch­ter, und die sie­ben En­kel sind ver­streut in Deutsch­land. Und es sind ein paar der Weg­ge­fähr­ten, die wür­den ihn gern mit ei­nem neu­en „Hei­mat­lie­der“-pro­gramm se­hen. So wie da­mals, oh­ne die mit der Zeit an­ge­stau­ten Ei­tel­kei­ten und klei­nen Egos.

Da­mals fand er ein Sprach­bild, das er auch spä­ter noch ver­wen­det: Wenn in den kla­ren, kal­ten Mai-näch­ten die Kirsch­blü­ten zu er­frie­ren dro­hen, dann lasst uns ein Feu­er ent­fa­chen un­ter den Bäu­men, da­mit es warm bleibt. Es wa­ren nicht nur Kirsch­blü­ten ge­meint.

Foto: Clemens Schies­ko

Zwei­tes Zu­hau­se: Rein­hard Dro­g­la im Pic­co­lo-thea­ter Cott­bus

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