Wild­pink­ler mit Mes­ser­stich ge­tö­tet

Vor knapp zwei Jah­ren ist im Bar­nim ein Streit über das Uri­nie­ren in der Öf­fent­lich­keit es­ka­liert. Ein Mensch starb. Jetzt wur­de das Ur­teil ge­gen zwei Brü­der ge­spro­chen.

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - BRANDENBUR­G - Von Ma­thi­as Haus­ding

Es ge­schah am 28. Fe­bru­ar 2018 kurz vor 21 Uhr am S-bahn­hof Rönt­gen­tal. Der 30 Jah­re al­te Lu­cas R., ge­ra­de mit der S-bahn aus Ber­lin ein­ge­trof­fen, sah am Ran­de des Bahn­hofs­vor­plat­zes in der Nä­he von Glas­con­tai­nern ei­nen be­trun­ke­nen Wild­pink­ler. Lu­cas R. pran­ger­te das Ver­hal­ten an. Es kam zu ge­gen­sei­ti­gen Pro­vo­ka­tio­nen. In dem Wort­ge­fecht zwi­schen den bei­den Män­nern fie­len der­be Be­schimp­fun­gen. Knapp 15 Mi­nu­ten spä­ter war Han­nes M. tot. Der 21 Jah­re al­te Wild­pink­ler wur­de von Lu­cas R. er­sto­chen.

Wie konn­te das ge­sche­hen? Wer war noch be­tei­ligt? Gab es Zeu­gen? Seit Sep­tem­ber die­ses Jah­res wur­de dar­über vor dem Land­ge­richt Frank­furt (Oder) ver­han­delt. Die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin Clau­dia Cot­tä­us nahm sich am Di­ens­tag in ih­rer Ur­teils­be­grün­dung

zwei St­un­den Zeit für die Re­kon­struk­ti­on je­ner ver­häng­nis­vol­len Mi­nu­ten in Rönt­gen­tal. Sie sprach von ei­ner „schreck­li­chen Tra­gö­die“. Die bei­den Män­ner sei­en we­gen ei­ner Nich­tig­keit an­ein­an­der­ge­ra­ten und hät­ten ei­ne Rei­he von Fehl­ent­schei­dun­gen ge­trof­fen, die den Vor­fall es­ka­lie­ren lie­ßen. „Uri­nie­ren in der Öf­fent­lich­keit ist un­schön, aber kein gra­vie­ren­des Fehl­ver­hal­ten ei­nes Be­trun­ke­nen“, be­ton­te die Vor­sit­zen­de.

Lu­cas R. wur­de von der Kam­mer für sei­ne Tat we­gen Kör­per­ver­let­zung mit To­des­fol­ge zu ei­ner Ge­samt­stra­fe von vier Jah­ren Haft ver­ur­teilt, was ziem­lich ge­nau dem An­trag der Staats­an­walt­schaft ent­spricht. Die Ver­tei­di­gung hat­te drei Jah­re ge­for­dert. In je­ne Ge­samt­stra­fe floss ein frü­he­res Ur­teil des Amts­ge­richts Ber­lin-tier­gar­ten mit ein. Lu­cas R. hat­te dem­nach in drei Fäl­len an­de­re Men­schen be­droht. Auch da­bei hät­ten Mes­ser ei­ne Rol­le ge­spielt, be­ton­te die Vor­sit­zen­de.

Ent­las­tend wir­ke sich hin­ge­gen aus, dass der An­ge­klag­te un­ter bis zum Rönt­gen­ta­ler Mes­ser­stich nicht dia­gnos­ti­zier­tem Au­tis­mus lei­de. Das ha­be nach Ein­schät­zung der Kam­mer da­zu ge­führt, dass sich Lu­cas R. nicht aus dem Streit mit dem spä­te­ren Op­fer lö­sen konn­te. Die Rich­ter sind au­ßer­dem da­von über­zeugt, dass er Han­nes M. nicht tö­ten woll­te. Der ei­ne Stich in den Ober­schen­kel ha­be die Be­cken­schlag­ader des Op­fers voll­stän­dig durch­trennt. Der Ber­li­ner Jun­ge ver­blu­te­te in­ner­halb we­ni­ger Mi­nu­ten.

Für Em­pö­rung un­ter den Freun­den und An­ge­hö­ri­gen des Op­fers im Ge­richts­saal sorg­te ins­be­son­de­re der Schuld­spruch ge­gen den zwei­ten An­ge­klag­ten Vin­cent R., den ein Jahr jün­ge­ren Bru­der von Lu­cas R. Er wur­de we­gen ge­fähr­li­cher Kör­per­ver­let­zung zu zwei Jah­ren Haft auf Be­wäh­rung ver­ur­teilt. Die Staats­an­walt­schaft hat­te für ihn drei Jah­re ge­for­dert und kün­dig­te um­ge­hend Re­vi­si­on an.

Lu­cas R. hat­te sei­nen Bru­der Vin­cent te­le­fo­nisch zur Hil­fe ge­ru­fen in der Aus­ein­an­der­set­zung mit Han­nes M., der auch in Be­glei­tung ei­nes Freun­des war. Als Vin­cent ge­gen 21 Uhr am ver­ein­bar­ten Treff­punkt ein­traf, wa­ren die Kon­tra­hen­ten schon weg, die Si­tua­ti­on ent­schärft. Aber nach Über­zeu­gung der Kam­mer mach­ten sich die Brü­der um­ge­hend auf die Su­che nach ih­nen. Als sie sie fan­den, kam es er­neut zu ge­gen­sei­ti­gen Be­schimp­fun­gen, bis Lu­cas R. sein Mes­ser zog und dro­hend in die Luft hielt.

Sah Vin­cent das Mes­ser?

Han­nes M. und sein Be­glei­ter flüch­te­ten so­fort, aber die Brü­der folg­ten ih­nen. Han­nes stürz­te, Vin­cent warf sich auf ihn, schlug zu, dann kam Lu­cas hin­zu und stach zu. So hat die Kam­mer den Ta­ther­gang mit Hil­fe von Zeu­gen und aus­ge­wer­te­ten Spu­ren re­kon­stru­iert. Von den drei über­le­ben­den Män­nern der Aus­ein­an­der­set­zung ha­be man drei un­ter­schied­li­che Tat­ver­sio­nen ge­hört, sag­te die Vor­sit­zen­de. Und an­de­re Au­gen­zeu­gen des Ge­sche­hens hät­ten we­gen schlech­ter Be­leuch­tung nicht al­les ge­se­hen.

Un­klar blieb zum Bei­spiel, ob der nicht vor­be­straf­te Vin­cent das er­ho­be­ne Mes­ser sei­nes Bru­ders ge­se­hen hat und da­mit wis­sen muss­te, wie der Streit en­den könn­te. Zu sei­nen Guns­ten nahm die Kam­mer an, dass er nicht ahn­te, was sein Bru­der im Schil­de führ­te.

Der Haupt­tä­ter lei­det un­ter Au­tis­mus, das soll an je­nem Tag ei­ne Rol­le ge­spielt ha­ben.

Fo­tos: Ma­thi­as Haus­ding

Stich in den Ober­schen­kel: An­wäl­tin Son­ja St­ein­eck mit ih­rem Man­dan­ten Lu­cas R., ver­ur­teilt we­gen Kör­per­ver­let­zung mit To­des­fol­ge. Auf dem Bild un­ten ist Vin­cent R. zu se­hen.

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